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Die Bundestagswahl hat Eugen Abler nicht mehr abgewartet. Nach 43 Jahren Mitgliedschaft gab der Bodnegger der CDU bereits im letzten Jahr sein Parteibuch zurück. Enttäuscht, aber mit sich im Reinen verließ der heute 69-Jährige seine politische Heimat, die CDU im Landkreis Ravensburg, die er über Jahrzehnte mit prägte. Sein Resümee: die CDU hat ihr christliches Fundament verloren. Die Begründung liefert der Kommunalpolitiker in seinem Buch „Der Verrat am C. Einsichten und Ansichten eines ehemaligen CDU-Mitglieds“, erschienen 2021 im Gerhard Hess Verlag. Eine Abrechnung, die er so nicht nennt.

Eugen Abler ist nämlich ein freundlicher und höflicher Zeitgenosse. Er ist hartnäckig, vielleicht auch stur, aber keine Rampensau, die auf Applaus aus ist. Für seine Kritik an der Parteiführung erhielt er selbst viel Kritik, Missachtung, auch Verachtung, das hielt er aus. Er musste erleben, wie er peu à peu an Zustimmung in seiner eigenen Partei verlor. Die Bescheidenheit, die er ausstrahlt, steht im Widerspruch dazu, dass er als einer der ganz wenigen aus den Reihen der Delegierten auf den Bundesparteitagen die Beherrscherin der Partei, die Kanzlerin, massiv kritisierte. Dafür bekam der diplomierte Kaufmann internationalen Bekanntheitsgrad. Aber darum ging es ihm nicht, sondern immer und vor allem um den „Lebensschutz“, wie er und seine Mitstreiter/innen bei den Christdemokraten für das Leben (CDL), eine parteiinterne Gruppierung, ihren Kampf gegen die Abtreibung nennen. „Abtreibung ist Mord“, interpretiert der tiefgläubige Katholik die Zehn Gebote, darin sei er „Fundamentalist“.
13 Mal, von 2003 bis 2018, trat der überzeugte Kolping-Bruder bei Bundesparteitagen ans Rednerpult und immer schärfer ging er mit seiner Kanzlerin ins Gericht. Selbst bei ihrer Verabschiedung als Parteivorsitzende im Dezember 2018 in Hamburg sparte der Oberschwabe nicht mit Kritik. „Unsere Frau Bundeskanzlerin hat in ihrer Amtszeit unsere Partei modernisiert, den Blinker immer links gesetzt, häufig im Wasser der Grünen gefischt und viele Themen der SPD umgesetzt. Das hat uns Erfolg beschert“, erklärte Abler vom Rednerpult aus und fuhr fort: „Aber, Frau Bundeskanzlerin – und das schmerzt mich als Mitglied unserer Partei: Sie haben die Entkernung der CDU konsequent betrieben, zentrale programmatische Standpunkte einer ehemals wertorientierten CDU einfach über Bord geworfen und damit das Leuchten des ‚C‘ zum Erlöschen gebracht. Hier sind Themen wie Gender-Ideologie, das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, die Ehe für alle und der Lebensschutz zu nennen.“ Und selbstverständlich brach Abler auch den Stab über Merkels Migrationspolitik. Mit Blick auf den UN-Migrationsplan, für den Merkel warb, bezichtigte Abler die Kanzlerin des „Landesverrats“. Das Protokoll hielt fest: „Pfiffe und nur vereinzelt Beifall“. Eugen Abler erinnert sich: „Im Saal war demonstratives Desinteresse während meiner Rede zu spüren.“ Und längst hatte er sich daran gewöhnt, „dass meine Mitdelegierten während meines Auftritts den Plenarsaal verlassen hatten“.

 

Papst

Ergreifend: 1991 fasste Papst Johannes Paul II bei einer Audienz in Rom die Hand Eugen Ablers. 2014 erhielt Abler das Bundesverdienstkreuz.

 

Es ist im Laufe der Zeit einsam geworden um den Debattenredner. Das Einzelkind wuchs auf einem kleinen Bauernhof in Bodnegg auf, wo er heute noch alleinstehend lebt. Eugen Abler hat eine Bildungskarriere von der Volksschule über den Zweiten Bildungsweg zum Studium der Betriebswirtschaft absolviert und arbeitete bis zu seiner Rente im Controlling bei Dornier (EADS). Politisch sozialisiert von der Kolping-Bewegung ist er seit 1975 bis heute Gemeinderatsmitglied, davon 25 Jahre stellvertretender Bürgermeister, 1977 trat Abler in die CDU ein, war von 2000 bis 2008 Vorstandsmitglied im Kreis und Bezirk und von 2004 bis 2019 Mitglied im Kreistag. 2008 konkurrierte er mit dem „politischen Schwergewicht“, dem CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Schockenhoff, um die Nominierung als Direktkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl 2009 und erhielt 42 Prozent Zustimmung vom Kreisparteitag. Der Herausforderer blieb Verlierer, aber errang „mehr als einen Achtungserfolg“, wie Abler rückblickend konstatiert. Er wäre liebend gerne Bundestagsabgeordneter geworden, räumt er ein. Und als regelmäßiger Delegierter mit seinen Wortmeldungen bei den Bundesparteitagen zeigte er seinen Ehrgeiz und seine Ambitionen. Und die endeten just mit dem Abschied von Angela Merkel auf dem Hamburger Parteitag 2018. Seine harsche Kritik an der scheidenden Parteivorsitzenden (siehe oben) stieß innerparteilich auch auf harsche Kritik und als Konsequenz wurde er schließlich nicht mehr als Delegierter gewählt. 2018 war Schluss mit lustig, Eugen Abler hatte endgültig seine parteiliche Basis verloren.
„Alles hat seine Zeit“, kommentiert der Buchautor lakonisch. Ironie der Geschichte: seine Zeit endete mit der Ära Merkel, die er für alles verantwortlich macht, was er zutiefst verachtet. Für Abler war Merkel das grüne U-Boot im CDU-Schwimmteich. Und „die Grünen zerstören die bürgerliche Ordnung“, davon ist Abler felsenfest überzeugt. Als Retter dieser Ordnung schiebt sich – keine Überraschung – die Alternative für Deutschland ins Ablersche Weltbild. „Meine Haltung zur AfD“ handelt Abler in seinem Buch zwar sehr kurz ab, aber zeigt sich zugetan. „Wer das Programm der AfD heute liest, wird viele Positionen finden, die die CDU vor 25 Jahren vertreten hat.“ Also: Back to the roots!
Lohnt es sich, das Buch zu lesen, auch wenn man ganz anderer Ansicht ist? Ja, weil es – aus subjektivem Blickwinkel – einen gesellschaftspolitischen Wandel beschreibt, der uns alle betrifft. Sich darüber Gedanken zu machen, dazu provoziert das Buch, auch wegen seiner vielen Leerstellen, Themen, die ausgespart sind, diese zu füllen, steht den Lesern frei. 

 

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Cover Abler

Der Verrat am C“
Erschienen 2021 im Gerhard Hess Verlag
320 Seiten
Preis: 18,90 Euro 

 

Autor: Roland Reck

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