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Ravensburg - Wer ist der geheimnisvolle Krieger Kolma Puschi, der rastlos durch die weiten Prärien streift? Das ist das Rätsel, das Old Surehand mit seinen Blutsbrüdern Old Shatterhand und Winnetou bei den Festspielen in Burgrieden in diesem Sommer zu lösen hatten. Für alle, die das Karl-May-Spektakel nicht gesehen haben: Kolma Puschi ist nicht Krieger, sondern Kriegerin und – Rätsel, Rätsel – die verschollene Mutter von Old Surehand. Eine wilde Geschichte aus dem Wilden Westen.

 Und kaum ist Helga Reichert als Kolma Puschi vom Pferd gestiegen, hat die 48-jährige Schauspielerin das nächste Abenteuer zu bestehen: die 1. Filmtage Oberschwaben. Eine Premiere, die sie in Personalunion als Geschäftsführerin und Intendantin vom 21. bis 24. Oktober in Ravensburg bestreitet. Wie es dazu kommt, ist eine wilde Geschichte aus dem Wilden Süden, der BLIX bereits zwei Titelgeschichten in Folge widmete. Ein Rückblick mit Ausblick.
„Zum Heulen“ lautete der BLIX-Titel in der März/April-Ausgabe, in der es um den Eklat bei den Biberacher Filmfestspielen ging. Der Vereinsvorstand konnte sich nicht mit der Intendantin Helga Reichert, Frau und Nachfolgerin von Adrian Kutter, Gründer der Filmfestspiele und deren Zugpferd 40 Jahre lang, wofür er zuletzt die Ehrenbürgerschaft verliehen bekam, auf einen neuen Vertrag einigen. Während Reichert erklärte, sie wäre mit einer schlichten Verlängerung ihres Vertrages einverstanden gewesen, verwies der Vorstand, inklusive des Oberbürgermeisters nach den Erfahrungen durch den Lockdown – allerdings betraf das nicht das Festival 2020, das noch als Präsenzfestival stattfand – auf die zwingende Notwendigkeit eines Online-Angebots (Video on Demand), um die Filmfestspiele zukunftsfähig zu machen. Darauf wollte sich die Intendantin vertraglich nicht verpflichten lassen und verwies auf den notwendigen Live-Charakter eines Festivals. Der Vertragsentwurf, soweit BLIX bekannt, wies weitere Merkwürdigkeiten auf: begrenzten Zugang der Intendantin zum Festivalbüro, einen Maulkorb gegenüber Medien und schließlich nur noch ein Jahresvertrag, entgegen der Vorgabe durch die Mitgliederversammlung, die zuletzt einen Drei-Jahresvertrag empfohlen hatte. So betrachtet, war der Vertrag ein Abwehrangebot, zu dem sich alleine der Oberbürgermeister Norbert Zeidler als 2. Vereinsvorsitzender gegenüber BLIX äußerte.
Er bedauerte das Zerwürfnis und sprach von einem „finalen Machtwort“, das er „den Mitgliedern des Vereins überlassen“ wollte. Die letzte Frage an den OB lautete: „Welche befriedigende Lösung der verfahrenen Situation können Sie sich vorstellen? Frau Reichert wünscht sich einen ‚Reset‘, einen Neustart, und wäre nach wie vor bereit, die Intendanz fortzuführen, wie sie BLIX gegenüber versicherte. Würden Sie sich dafür einsetzen?“ Norbert Zeidler antwortete: „Ich hatte mich in den gemeinsamen Gesprächen dafür eingesetzt, dass Frau Reichert weiterhin die Intendanz übernimmt. Leider konnte dies nicht erreicht werden. Dem Verein Biberacher Filmfestspiele e.V. als Veranstalter der Filmfestspiele fällt nun die Aufgabe zu, eine künstlerische Leitung für die Filmfestspiele zu finden.“ (Wohlgemerkt, der OB spricht explizit vom Verein, was richtig ist, denn auch die Vereinssatzung ordnet die Entscheidung über die Intendanz ebenfalls nicht dem Vorstand zu.)
Es folgte ein offener Brief „In großer Sorge“ von 108 Filmschaffenden, die an den Vorstand mitsamt Oberbürgermeister und Gemeinderat appellierten, sich mit Helga Reichert auf eine Fortsetzung ihrer Intendanz zu einigen, weil es „ein Glücksfall für das Festival und die Branche“ sei, „dass sich mit Helga Reichert eine Nachfolgerin gefunden hat, die den Grundgedanken des Festivals als Ort der Begegnung von Film und Publikum fortführt und nach und nach mit einer eigenen Handschrift versieht“. Der Vorstand tat die Intervention lapidar ab, es gäbe noch genügend andere, keine Kutter-Fans, die herzlich eingeladen seien, nach Biberach zu kommen. Ende der Durchsage.
Dann folgte am 4. März die Vorstellung der neuen Intendantin Nathalie Arnegger durch den Vorstand bei einer Pressekonferenz, die mehr Fragen offen ließ, als beantwortet wurden. Zum Vertrag war nichts zu erfahren, noch nicht einmal die Dauer des Vertrages wurde genannt. (Drei Jahre, wie inzwischen bekannt gemacht wurde.) Die persönliche Vorstellung Arneggers und ihre Qualifikation fielen ebenso nebulös aus. Anschließende Fragen von BLIX, die schriftlich gestellt werden sollten, wurden nicht beantwortet. Es ging dabei um die fragmentarische Filmografie, die die neue Intendantin als Beleg ihrer Qualifikation vorgelegt hatte und der Recherche nicht standhielt. Konkrete Fragen blieben über Wochen ohne Antworten. Dann ließ der 1. Vorsitzende Tobias Meinhold, der durch Unerreichbarkeit glänzte, und die Pressesprecherin Daniela Göbel BLIX per Mail wissen: „Leider können wir hinter Ihren Fragen kein öffentliches Interesse erkennen. Daher sehen wir keinen Anlass, diese Fragen zu beantworten“. Woraufhin im Mai/Juni-BLIX in einem offenen Brief meinerseits zu lesen war („Mein lieber Vorstand“; BLIX ist schon viele Jahre als Unternehmen Vereinsmitglied), dass weder der Vorstand noch die Intendantin mit offenen Karten spielen. Das sei „umso ärgerlicher, da der Verein knapp 70.000 Euro aus der Stadtkasse einstreicht und somit in der Pflicht steht, sein Tun vorbehaltlos zu erklären. Was er nicht tut!“
Und weiterhin nicht tut. Allerdings veränderte sich das Szenario überraschend dadurch, dass Helga Reichert im April diesen Jahres öffentlich machte, dass sie ein eigenes Filmfestival ausrichten werde und zwar in Ravensburg. Vom 21. bis 24. Oktober feiern dort die „1. Filmtage Oberschwaben“ Premiere. BLIX widmete der Neuigkeit seinen Titel in der Mai/Juni-Ausgabe. Und es folgt zur Premiere nun der aktuelle Titel. In Ravensburg freut man sich auf das neue Filmfestival. Kulturbürgermeister Simon Blümcke begrüßt die Filmtage: „Auch wenn das Ganze etwas unerwartet kommt, sind wir auf die Filme und das Flair sehr gespannt. Für Ravensburg ist das Festival eine Bereicherung.“
Die Filmtage beginnen mit dem Eröffnungsfilm „Nie zu spät“ (Regie: Tomy Wigand). Eine Beziehungskiste, die einer Familie einiges abverlangt (Cast: Heino Ferch, Harriet Herbig- Matten, Jakob Josef Gottlieb, Pablo Grant, Picco von Groote, Sheri Hagen, Ines Honsel, Jale Arikan). Und irgendwie kann der Titel des Fernsehfilms auch programmatisch für die Filmtage verstanden werden. Nie zu spät!

Interview mit Helga Reichert

www.filmtage-oberschwaben.de

 

Autor: Roland Reck

 

Plakat A2 Filmtage Oberschwaben 2021 v4

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