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Biberach - Afghanen in Deutschland sorgen sich um ihre Angehörigen in der Heimat. Die Angst vor den Taliban ist groß. Wer nicht in die Nachbarstaaten Pakistan oder Iran flüchten kann, hofft auf Arbeitsmöglichkeit in Deutschland. Unsere Autorin berichtet auch aus ihrer Erfahrung in der Flüchtlingshilfe.

 

Gebannt verfolgte man Ende August, wie nach dem Abzug der Bundeswehr und anderer Nationen die US-Luftwaffe letzte Menschen aus Kabul ausflog, nachdem es immer schwieriger geworden war, Passagiere durch die Checkpoints der Taliban und die Kontrollen des US-Militärs an den Flughafen zu bringen. Vom 16. bis 26. August hatte die Bundeswehr die Evakuierungsoperation des Auswärtigen Amtes unterstützt, um deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen sowie einheimische Ortskräfte und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Insgesamt wurden 5.347 Personen aus mindestens 45 Nationen evakuiert.
Zigtausende, die die Rache der Taliban fürchten, mussten zurückbleiben. Afghanen, die bei der Bundeswehr oder bei Entwicklungsprojekten tätig waren, Aktivisten und Journalisten, Frauen, die sich nicht mit der zugewiesenen Rolle begnügten. Die Bilder vom Flughafen Kabul, von den Demonstrationen mutiger Frauen, das Schicksal verzweifelter Binnenflüchtlinge gingen unter die Haut. Wie muss es erst in Deutschland lebenden Afghaninnen und Afghanen gehen, die um ihre Angehörigen in Kandahar, Herat oder Kabul bangen?
Wer ehrenamtlich mit Geflüchteten hierzulande zu tun hat, ist erwartungsgemäß auch in dieser Situation AnsprechpartnerIn. Anrufe und WhatsApp-Anfragen lassen die Sorge der hier Lebenden spüren. Eine Familie, die 2015 aus Kabul flüchtete und seitdem in Ummendorf wohnt, bittet um Hilfe beim Ausfüllen eines online-Formulars beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für einen Onkel, der für die US-Truppen gearbeitet hat. 400 Zeichen stehen zur Schilderung des Sachverhalts zur Verfügung. „The situation is very dangerous for me because I worked the last 20 years for different Security Companies to support the USA, UK, and EU“ kopieren wir aus der Nachricht des Onkels in das Formular und tippen die bereits von den USA erhaltene vielstellige Case Number ein, die für eine Aufnahme in den USA notwendig ist. Amerika und Deutschland arbeiten organisatorisch zusammen bei der Rettung der Ortskräfte. Nachdem die Familie das Formular abgeschickt hat, kann sie nur noch hoffen.
Eine andere Familie in Biberach fragt, wo man einen Neffen melden kann, der als Soldat tätig war. Wenig später ploppt eine weitere WhatsApp-Nachricht auf. Zahidi, ein Asylbewerber, der 2015 nach Deutschland gekommen war, bittet um Hilfe. Er war 2017, nachdem er ein Jahr als Bundesfreiwilliger in einem Pflegeheim der St. Elisabeth-Stiftung gearbeitet hatte, freiwillig nach Afghanistan zurückgekehrt, weil er keine Chance sah, seine Frau und die Kinder nachholen zu dürfen. Da er zuvor als Sicherheitskraft für die US-Streitkräfte gearbeitet hatte, zog er aus Angst vor Racheakten von der Provinz nach Kabul und versuchte sich als Taxifahrer. Damit verdiente er nicht genug und verdingte sich in einem Gefängnis als Aufseher. „…die Taliban bringen mich um“, fürchtet er in seiner Nachricht. Es war ihm gelungen, einige Wochen vor dem Abzug der Amerikaner nach Dubai zu flüchten. Dort mäht er für einen Hungerlohn die Grünstreifen der Prachtboulevards.

 

Afghanen in Deutschland sorgen sich um ihre Angehoerigen be

Die Angst und Verzweiflung ist groß.

 

Die Zulassung zum Deutschen Arbeitsmarkt ist für gering qualifizierte Nicht-EU-Ausländer schwierig, wie auf der Homepage des Auswärtigen Amtes nachzulesen ist. Sie benötigen für den Aufenthalt in Deutschland zum Zwecke der Ausübung einer Erwerbstätigkeit einen Aufenthaltstitel, der ihnen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit im Bundesgebiet erlaubt. Für Nicht- bzw. Geringqualifizierte bestehen nur eingeschränkte Möglichkeiten, anders als für Akademikerinnen und Akademiker mit einem anerkannten Hochschulabschluss. Für die Einreise nach Deutschland benötigen afghanische Staatsangehörige ein Visum. Aber die Visastelle der Botschaft Kabul bleibt bis auf weiteres geschlossen, Anträge auf Erteilung eines nationalen Visums können an den Auslandsvertretungen in Islamabad/Pakistan oder Neu-Delhi/Indien gestellt werden. 
Ohne ein konkretes Arbeitsplatzangebot hat, um beim konkreten Beispiel zu bleiben, der 29jährige Zahidi keine Chance für eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Sollten ein Arbeitgeber Verwendung für den leidlich deutsch Sprechenden haben, freut sich die BLIX-Redaktion über einen Hinweis. Ebenso über einen Ausbildungsplatz für Mukhtar, einen 29jährigen Pakistani, der derzeit in einer Sprachschule in Peshawar zunächst für seine A2-Prüfung lernt. Das Zertifikat A2, eine Deutschprüfung für Erwachsene, setzt elementare Sprachkenntnisse voraus und entspricht der zweiten Stufe auf der sechsstufigen Kompetenzskala des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Neben einem Sprachtest der Stufe B1 oder B2 je nach Beruf bräuchte er einen Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen in Deutschland, die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit und einen Nachweis über ausreichende finanzielle Mittel (mindestens 600 Euro pro Monat) für seinen Aufenthalt. Außerdem eine Krankenversicherung und eine nachweisliche Unterkunft. Jede Menge Hürden, die er ohne Unterstützung eines engagierten Fürsprechers wohl kaum überspringen kann. Währenddessen wird das Leben für alle in Afghanistan, die nicht unter dem islamistischen Diktat der Taliban leben wollen, immer prekärer und gefährlicher.

 

Text & Fotos: Andrea Reck

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