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Stralsund / Rot - Angela Merkel war da, Gerd Leipold nicht. Die Geburtstagsfeier zu „50 Jahre Greenpeace“ fand am 30. August im Ozeaneum des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund statt, wo die Bundeskanzlerin den Umweltschützern großen Respekt zollte für ihren teils „todesmutigen“ Kampf gegen die weltweite Umweltzerstörungen. Gerd Leipold, der ehemalige Direktor von Greenpeace International, schwänzte die Geburtstagsfeier wegen dringender Arbeit in Berlin, wie er erklärt. Der Oberschwabe verpasste damit einen bemerkenswerten Auftritt der scheidenden Kanzlerin.

 

Denn mit ihrem Lob der Umweltschutzorganisation für deren „spektakulären“ Aktionen, die auch schon mal schief gehen können, lobte Angela Merkel auch die Lebensleistung von Gerd Leipold. BLIX traf ihn zum Gespräch über runde Geburtstage in Zeiten der Klimakrise auf der Terrasse im heimischen Rot an der Rot.
Gerd Leipold war ein Topmanager. Einer, dem sich die Türen weltweit öffneten, egal ob bei Regierungen oder in der Wirtschaft. Man musste ihn nicht mögen, aber man musste mit ihm reden. Das verdankte er seiner Funktion. Schließlich war er von 2001 bis 2009 Direktor von Greenpeace International.
Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass ein paar verwegene Aktivisten in Kanada, die gegen Atomwaffentests protestierten, Greenpeace als Kind der Friedensbewegung aus der Taufe hoben. Ihr vorrangiges Einsatzgebiet war von Vancouver aus der Pazifische Ozean. Ihre Kampfmittel waren ausrangierte Fischerboote, wahlweise auch Schlauchboote sowie allgegenwärtige Kameras, mit denen sie ihre halsbrecherischen Aktionen gegen sehr viel größere und mächtigere Gegner dokumentierten und den Medien damit die Bilder lieferten, um sie mit ihren Botschaften zu versenden. Beispiel: der jahrelange Kampf gegen den Walfang emotionalisierte die Menschen weltweit. Und es gab viel zu tun – weltweit.
In Deutschland war es Dünnsäure, die von der chemischen Industrie tonnenweise und ganz legal von Schiffen in die Nordsee geschüttet wurde, und am 13. Oktober 1980 erstmals Aktivisten mit Schlauchbooten versuchten, dies zu verhindern. Ein lebensgefährliches Unterfangen, weil es noch keine Spielregeln für solcherlei Proteste gab. Das Risiko spiegelte sich in den Kamerabildern wider und dokumentierte einen Kampf zwischen David und Goliath. Es war das Mittel zu vielerlei Erfolg.

 

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Unter einem Schwertwal im Ozeanum des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund hält Angela Merkel eine bemerkenswerte Rede zum 50. Geburtstag von Greenpeace. Foto: Söder/Greenpeace

 

Will man die Geschichte positiv sehen, dann kann einem die Biografie Gerd Leipolds, geboren 1951, Mut machen. Die Greenpeace-Methode, komplexe Probleme auf deren Kern zu reduzieren und sie durch medial wirksame Aktionen der Öffentlichkeit bewusst zu machen, faszinierte den jungen Oberschwaben, der nach seinem Physikstudium in München und einem Studienaufenthalt in San Diego, Kalifornien, 1976 nach Hamburg zum Max Plank Institut kam, um sich mit Meteorologie und Ozeanographie zu beschäftigen und zu promovieren. Er sei „politisch sehr interessiert“ gewesen, erzählt er, aber parteipolitisch wollte er sich nicht engagieren, stattdessen nahm er Kontakt zu Greenpeace auf. Jener Organisation, die gerade begann, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen und mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam machte. Die Verschmutzung der Nordsee war auch sein Thema. Leipold: „Als wir anfingen, war die Nordsee ein billiger Müllplatz.“ Eigentlich, so erzählt der Lehrersohn schmunzelnd, hätte er Professor werden wollen oder sollen, wenn er auf seine Eltern gehört hätte, doch seine damalige Freundin, die aus einem Professorenhaushalt stammte, habe das ziemlich unsexy gefunden, mit dreißig seine Pensionsansprüche ausrechnen zu können. So wurde Greenpeace zu seinem Abenteuer, das ihn und seinen Mitstreiter John Sprange 1983 mit einem Heißluftballon von Westberlin über die Mauer in die DDR „einreisen“ ließ, um gegen die Atomwaffentests in Ost und West zu protestieren. Das ist Geschichte, und sie ging gut aus. Die beiden Ballonfahrer wurden nicht abgeschossen, sondern schnell wieder abgeschoben, und Atomwaffentests sind nur noch der Steinzeitdiktatur in Nordkorea vorbehalten. Das ist ein Fortschritt, zu dem Greenpeace und Gerd Leipold, der von 1987 bis 1992 die internationalen Abrüstungskampagnen von Greenpeace leitete, einen guten Teil beigetragen haben.
Im Idealfall konnten die Umweltschützer mit einer bildgewaltigen Aktion die Konsumenten mit ins Boot holen, so geschehen 1995 beim Kampf gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar im Atlantik. Der Industriekoloss im Besitz des Ölkonzerns Shell sollte so mit 100 Tonnen giftigen Ölrückständen billig entsorgt werden. Greenpeace fürchtete einen Präzedenzfall. Am 30. April 1995 besetzten die Regenbogenkrieger das Monstrum aus Stahl und es begann eine Schlacht der Bilder, die Greenpeace spektakulär gewann. Zwei Monate lang war der Konflikt in den Abendnachrichten, es gab Boykottaufrufe gegen Shell, dem selbst Behörden folgten. Die Moral war billig zu haben, schließlich war die Konkurrenz auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu finden, die den leeren Benzintank beflissen füllte. Und weiter ging die wilde Fahrt! Die Politik schloss sich der Empörung an und Shell hatte nicht nur mit einem schmerzhaften Umsatzeinbruch, sondern auch mit einem Imagedesaster zu kämpfen. Am 20. Juni 1995 gab Shell nach und die Brent Spar wurde Jahre später, wie von Greenpeace gefordert, an Land demontiert. Und noch wichtiger: drei Jahre später, im Juli 1998, beschlossen 15 Teilnehmerstaaten ein Versenkungsverbot von Ölplattformen im Nordatlantik.

 

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1983: Gerd Leipold (rechts) und John Sprange „reisten“ mit einem Heißluftballon von Westberlin in die DDR ein, um gegen die Atomwaffenversuche in Ost und West zu protestieren. Foto: Greenpeace

 

Angela Merkel kam im Ozeaneum in Stralsund darauf zu sprechen und outete sich nicht nur als damalige Umweltministerin im Kohl-Kabinett, sondern auch als Unterstützerin. „Das Ziel, die Versenkung der vornehmlich von Shell betriebenen Ölplattform in der Nordsee zu verhindern, konnte eigentlich kein vernünftiger Mensch ablehnen, weil mit der drohenden Versenkung der Plattform die Verschmutzung unserer Meere geradezu symbolhaft vor unseren Augen stand.“
Aber wie kann es gelingen, fragt die Kanzlerin mit Blick auf die Klimakrise, „vorsorgend zu handeln, zumindest aber noch rechtzeitig das Schlimmste zu verhindern“? Und stellt fest: „In Demokratien muss um Mehrheiten gekämpft werden, mit denen Ziele auch tatsächlich erreicht bzw. durchgesetzt werden können, fast immer auch mit einem damit verbundenen Ausgleich von Interessen.“ Das sei ein äußerst schwieriges Terrain, wohingegen der Boykott gegen Shell simpel funktionierte, lässt Merkel ihre ZuhörerInnen wissen. „Mit diesem Boykottaufruf konnte sich damals jeder, der es wollte, an der Gesamtaktion beteiligen, ohne dass dies zu einer gravierenden Einschränkung des persönlichen Alltags geführt hätte. Die Akzeptanz wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit anders ausgefallen, wenn Greenpeace statt zum Shell-Tankboykott zum Beispiel dazu aufgerufen hätte, auf das Autofahren zu verzichten, bis die Versenkung der Ölplattform Brent Spar gestoppt worden wäre.“
Merkels Skepsis ist realpolitische Erfahrung: Verzicht ist nicht gewünscht. Vielleicht ist sie deshalb am Ende ihrer politischen Tage auch so angetan von der Schülerin Greta Thunberg und ihren MitstreiterInnen bei Fridays for Future, die nicht nur Staat und Politik herausfordern, „und zwar zu Recht“, betont die Kanzlerin, „sondern vielleicht auch etablierte Umweltorganisationen wie Greenpeace“ und damit die Gesellschaft, gibt sie den Geburtstagsgästen zu bedenken.
Gerd Leipold bedauert, dass er die Bundeskanzlerin in Stralsund nicht live erleben konnte und teilt deren Lob von Fridays for Future ausdrücklich: „finde ich grandios“. Der Vater von zwei erwachsenen Kindern, die beide in London leben, hat genug Abstand und weiß um die Unterschiede zu den Schülerinnen und Schülern, die die Klimakrise ins öffentliche Bewusstsein und wieder auf die politische Agenda brachten. Im Vergleich zu der hierarchielosen SchülerInnenbewegung sei Greenpeace „die katholische Kirche der Umweltbewegung“, die zudem ins Alter gekommen sei. „Wenn man mal 50 ist, ist es schwieriger, Anti-Establishment zu sein“, weiß der 70-Jährige. Dafür kommt die Bundeskanzlerin zum Geburtstag, trotzdem dass sie und ihre Partei oft genug von den UmweltschützerInnen hart kritisiert wurde. Selbst das große C und dessen Anspruch, die Schöpfung zu bewahren, sprachen sie ihrer Partei ab. Angela Merkel hat verstanden, so klingt es.
Und was macht ein ehemaliger Greenpeace-Aktivist und -funktionär heute? Er versucht, Fakten zu liefern, indem er als Chef eines Teams die Umweltpolitik der G20-Staaten untersucht (Climate Transparency), dokumentiert und anschaulich macht, so dass die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wissen, wo sie stehen und was es noch zu tun gibt. Dafür ist er Gesellschafter der Humboldt-Viadrina Governance Platform (HVGP) einer gemeinnützigen Gesellschaft mit Sitz in Berlin geworden. So lebt und arbeitet er im idyllischen Rot im Schatten des Klosters und verbringt monatlich eine Woche im Hotspot Berlin. Welchen Befund gibt es zu seiner Arbeit? Gerd Leipold: „Viele Staaten haben in den letzten Jahren beachtliche Schritte in der Klimapolitik unternommen, die auch durchaus Wirkung gezeigt haben. Leider waren die Ziele nicht ambitioniert genug und auch bei der Umsetzung hapert es, so dass der Klimawandel weiter voranschreitet. Jetzt haben viele wichtige Staaten angekündigt, in den nächsten 30 Jahren klimaneutral werden zu wollen. Wenn das ernst gemeint ist, dann müssen sie jetzt umsteuern und den Ausstoß von Treibhausgasen schnell reduzieren.“
Das klingt ernüchternd, ist aber für den Schwaben kein Grund für Pessimismus. Sein Credo: „Der Zustand der Welt hängt nicht davon ab, ob wir optimistisch oder pessimistisch sind. Aber mit Optimismus kann man ihn verändern.“ Und was müsste die neue Bundesregierung als Sofortmaßnahme tun, um den Klimazielen gerecht zu werden? „Den Kohleausstieg schneller als 2038 umsetzen.“ Und Mut verlangt er nicht nur von den Politikern und ist damit ganz nah bei seiner Kollegin, der promovierten Physikerin Angela Merkel, die in Stralsund appelliert: „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung des Lebens auf unserer Erde, verbunden mit der Bedrohung der Artenvielfalt zumal. Und er trifft alle. Deshalb müssen sich auch alle gegen ihn stemmen. Politisch gesprochen heißt das: Jeder muss auf seiner Ebene seinen Beitrag zum Schutz des Klimas leisten.“
Gerd Leipold ist dabei, keine Frage, seine Arbeit mache ihm Spaß, und er fühle sich privilegiert, dass er viele Jahre bei Greenpeace arbeiten konnte und immer noch für seine Überzeugung, den Schutz von Natur und Umwelt, bezahlt werde. Ansonsten lebt er nach überstandenem Herzinfarkt im Einklang mit seinem Gemüsegarten.

Drei Wünsche hat er dennoch. Gerd Leipold:
• „Dass wir den Temperaturanstieg durch den Klimawandel auf 1.5 °C beschränken können.
• Dass die soziale Ungleichheit in der Welt und in Deutschland reduziert wird.
• Dass unsere Nationalmannschaft wieder guten und erfolgreichen Fußball spielt.“

 

"Sie werden weiter gebraucht"
Gefragt, welches für ihn der größte und schönste Erfolg von Greenpeace ist, antwortet Gerd Leipold: „Ich fand immer, dass Greenpeace besonders stolz darauf sein durfte, dass die Antarktis geschützt wurde.“
Dazu die Kanzlerin in ihrer Rede: „Mit dem Antarktis-Protokoll von 1991 wurde der Schutz der Antarktis vor kommerziellem Rohstoffabbau für 50 Jahre geregelt. Ich habe heute darüber nachgedacht, dass die 50 Jahre auch irgendwann vorbei sind. Wenn ich mir anschaue, welche Aktivitäten um die Antarktis herum stattfinden, möchte ich sagen: Man muss früh anfangen, auch für die Zeit danach zu arbeiten.“ Dazu der letzte Satz ihrer Rede an die Geburtstagskinder: „Sie werden auch weiter gebraucht!“

 

Autor: Roland Reck

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