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Ummendorf / Kempten - Im Zuge der langsam, aber sicher zu Ende gehenden Zeiten des Bergbaus an Ruhr und Saar (Steinkohle) und in der Ville westlich Köln (Braunkohle) stehen auch die einst stolzen, sich Kumpel nennenden Bergleute im Tage- und im Untertagebau vor dem Aus. Nicht ganz. Der oberschwäbische Biohof Steigmiller in Ummendorf kooperiert jetzt mit einem 2020 in Kempten gegründeten Start-up, den „Kohlekumpels“. Was steckt dahinter?

 

Vor über 30 Jahren, als sie nicht länger den Import von Soja, der auf gerodeten Flächen des Tropenwaldes zum Beispiel in Amazonien angebaut wird, um hierzulande Tiere zu füttern, unterstützen wollten, entschlossen sich die Steigmillers, ihren landwirtschaftlichen Betrieb umzustellen, ihn nachhaltig weiterzuführen und damit zukunftsfähig zu machen. Neben dem Bauernhof betreibt die Familie einen Bio-Hofladen und ist stolz und glücklich darüber, dass sich zwei Söhne entschlossen haben, das Lebenswerk der Eltern fortzuführen.
„Ganz viel Frische“ lautet der Slogan, mit dem der Hofladen für seine Bioprodukte wirbt. Bereits in zweiter Generation wird der Hofladen mit dem Flair des alten Stallgebäudes seit nunmehr 27 Jahren betrieben. Das Angebot umfasst alles, was das Herz begehrt. Auf 600 Quadratmetern werden zum Beispiel 100 Sorten Käse angeboten und insgesamt mehr als 700 Bio-Lebensmittel. Kurz und gut: 600 Quadratmeter Lebensqualität!
Vor dem Verkauf aber kommt die Produktion, die maßgeblich die Qualität von Lebensmitteln bestimmt. Von Vorteil, wenn die eigene Landwirtschaft teilweise zuliefert, was im Hofladen verkauft wird, zum Beispiel Kartoffeln. Max Steigmiller tritt dabei in die Fußstapfen seines Vaters, dessen besondere Leidenschaft der Ackerbau ist. Und der Landwirt ist besonders gefordert, wenn es darum geht, hochwertige Lebensmittel mit hohen Umweltstandards zu produzieren, zum Beispiel klimapositiv. Soll heißen, mehr CO2 binden als bei der Produktion in die Atmosphäre entweicht. Das ist das Ziel von Max, dem Jungbauern, und den Kohlekumpels.
Fest davon überzeugt, sind die sechs studierten Kohlekumpels (drei weiblich, drei männlich) der Altersklasse 28 bis Anfang 40, dass im Alltag ein wertvoller Beitrag zur Rettung des Klimas geleistet werden kann, wenn die Leute künftig klimapositiv einkaufen. Was Landwirte betrifft, unterstützen sie diese bei der Umstellung auf klimapositive und regenerative Landwirtschaft. Mit klimapositiven Bodenverbesserern und Dünger erhöhen sie die Bodenfruchtbarkeit. Bei der Vermarktung der klimapositiven Lebensmittel helfen sie den Landwirten schließlich, höhere Erlöse zu erzielen.
Der 100 Hektar große Steigmiller-Hof baut seine eigenen Kartoffeln klimapositiv auf drei Hektar der landwirtschaftlich genutzten Fläche an, erklärt Max Steigmiller. Die dazu eingesetzte Pflanzenkohle bezieht der Betrieb über die Kemptener Kohlekumpels. Auf Grund der Kooperation mit dem Kemptener Start-up, die über den Ulmer Bio-Markt „Erdapfel“ zustande kam, soll Ende September/Anfang Oktober mit der Vermarktung der „Kohle-Kartoffeln“ begonnen werden. Kohle-Kartoffeln?

 

Konder Ziegler 1

Wie es funktioniert, erklären die beiden Kumpels Daniel Ziegler (links) und Michael Konder.

 

Wie geht das: klimapositiv?

Voraussetzung ist die Herstellung von Pflanzenkohle. Dies geschieht dadurch, dass pflanzliche Reststoffe, z.B. aus der Land- und Forstwirtschaft, dem Prozess der Holzkohleherstellung ähnlich, zu Pflanzenkohle mit schwammartiger Struktur verarbeitet werden. Damit wird der Kohlenstoff fixiert. Bringt man die Pflanzenkohle in Ackerboden ein, wird das CO2 als stabiler Kohlenstoff dauerhaft gebunden, so dass er nicht mehr in die Atmosphäre entweichen kann. Die Pflanzenkohle fördert zusätzlich den Aufbau von lebendigem Humus, der zu wesentlichen Teilen aus Kohlenstoff besteht. So wird die CO2-Bindung im Boden verstärkt. Die Kartoffeln werden klimapositiv, weil sichergestellt ist, dass dauerhaft mehr CO2 im Boden gespeichert wird als für die gesamte Kartoffelproduktion in die Atmosphäre entweicht.
Für den Einsatz in der Landwirtschaft muss die Pflanzenkohle noch biologisch aktiviert werden. Dazu wird sie mit Nährstoffen, Mikroorganismen und weiteren Rohstoffen angereichert. Ist das geschehen, wird sie auch als Terra Preta bezeichnet. Die Mikroorganismen werden zugeführt, indem die Pflanzenkohle mit Stallmist vermischt wird. Wie „Kohlekumpel“ Michael Konder, studierter Medieninformatiker, und sein per Video aus Blaustein zugeschalteter befreundeter Kumpel Daniel Ziegler erklären, ist das pflanzliche Kohlematerial unglaublich feinporig. Damit bietet ein ganz kleines Häuflein Kohle wegen feinster Kapillare - sage und schreibe - 300 Quadratmeter Oberfläche, auf denen Unmengen von Mikroorganismen Platz finden. Außerdem bewirkt Pflanzenkohle im Boden gute Wasser- und Nährstoffspeicherung. Ergebnis ist ein fruchtbarerer humoser Ackerboden mit gesteigerter Ertragskraft und erhöhter Artenvielfalt.
Jetzt im Herbst sind die Pflanzkohlekartoffeln auch im Hofladen der Steigmillers zu erwerben. Da die Herstellung dieser Kartoffeln etwas aufwendiger ist, wird ein kleiner Aufpreis erhoben. Max Steigmiller beziffert ihn pro Kilogramm auf 20 Cent. Den Preis von einer Tonne Pflanzenkohle geben die Kohlekumpels mit rund 1000 Euro an.
„Weltweit einmalig“, schwärmt Michael Konder, sei der Anbau klimapositiver Kartoffeln als Mittel zu mehr Klimaschutz. „Für den Verbraucher im Alltag jederzeit erlebbar und echt nachvollziehbar.“ Schlussendlich: Der Weltklimarat (IPCC) führt Pflanzenkohle als effektives Instrument zur Bekämpfung der immer bedrohlicheren Weltklimakrise.
www.kohlekumpels.de
www.steigmiller.bio

 

Autor: Horst Hacker

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