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Leutkirch - Wenn im September der Elfte des Monats anbricht, dann sind es genau 20 Jahre, seit der bisher verheerendste Terroranschlag der Menschheits-geschichte die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers in Schutt und Asche legte und an die 3000 Menschen in den Tod riss. Bis auf einen Tag fast punktgenau zehn Jahre danach holte Bernd Dassel die ZDF-Reporterin Julie von Kessel am 12. September 2011 in seinen „Talk im Bock“ nach Leutkirch. Sie erlebte das grausige Inferno hautnah. Um ihr Leben rennend, schaffte sie es, dem Tod zu entrinnen.

Der damals 28-jährigen Berliner TV-Journalistin gebührt das Verdienst, dass das ZDF als erster ausländischer Sender nur eine Stunde nach dem Zusammenbruch des WTC-Nordturms eigene Bilder von der Katastrophe in Deutschland zeigen konnte. Ferner ein Interview mit ihr von ganz besonderer Art. Als sie nämlich mit ihrem Kameramann völlig außer Atem, aufgelöst, traumatisiert und in staubiger Jeansjacke von Ground Zero zurück ins Fernsehstudio fand, stellte ihr Chef Ulrich van Kampen ihr kaum gezielte Fragen, sondern ließ sie einfach erzählen, sich ihre Panik von der Seele sprechen. Diese Live-Schalte wurde zum Zeitdokument, weil von Kessel nicht journalistisch berichtete, sondern den Horror zutiefst emotional erzählte. Nach eigener Aussage brauchte sie drei Jahre, um das höllische Ereignis einigermaßen zu verarbeiten. Seit 11. September 2001 ist die heute 48-Jährige eine Person der Zeitgeschichte.
Wie die eigentlich auf „bunte Themen“ wie Promis, Künstler und mollige Models spezialisierte Reporterin im Bocksaal berichtete, war sie an jenem 11. September schon vor 8 Uhr im ZDF-Studio im 34. Stock eines Hochhauses an der Südecke des Times Square. Wegen der gerade stattfindenden „fashion week“ sollte sie eigentlich eine Modenschau drehen. Als sie ihr Boss kurz vor 9 Uhr zum WTC umdirigierte, wo angeblich ein kleines Sportflugzeug hineingeflogen war, war sie verständlicherweise massig. Per Taxi legte sie mit ihrem Kameramann die ungefähr sechs Kilometer lange Strecke zu Manhattans Südspitze zurück. Etwa viertel nach neun vor Ort angelangt, standen beide Türme bereits in Flammen. Alles war ein paar überdimensionale Nummern größer als angenommen. Kein kleines Sportflugzeug, sondern zwei große Passagiermaschinen, die vom Terrornetzwerk Al-Quaida entführt worden waren, waren in die Türme des WTC gekracht. Sie drängte zum Eingang, um heraus flüchtende Leute interviewen zu können, wurde jedoch von Polizisten abgedrängt. In etwa 30 Meter Entfernung vom brennenden Wolkenkratzer interviewte sie Passanten, als urplötzlich von oben „so‘n Grollen wie bei einem Erdbeben“ immer lauter wurde. Sie guckte nach oben und sah mit eigenen Augen, was niemand für möglich gehalten hatte: Der Südturm der Twin Towers stürzte ein, sackte langsam „tuck, tuck, tuck wie ein Kartenhaus“ in sich zusammen. „Ich habe es zwar gesehen“, erinnerte sich die Fernsehjournalistin, „weiß aber ganz genau, dass ich einige Sekunden gar nicht reagiert hab, weil es zunächst nicht zu fassen war“. Eine sich dickstaubig absenkende Aschewolke legte über alles ein undurchdringliches Grau.

 

NineElevenMemorial

Das Zentrum der 9/11-Gedenkstätte in New York bildet das Mahnmal mit zwei großen rechteckigen Hohlräumen, die an die Fundamente der zerstörten Zwillingstürme erinnern. Um die äußeren Wände sind die 2983 Namen der Opfer in zwei Galerien aus Stein eingraviert. Foto: Manuela Hollmann

Und dann rannte sie los, rannte, rannte und rannte. In Lebensgefahr verlor sie den Kameramann aus den Augen. „Und auf der Straße lagen ganz viele Schuhe, Taschen - die Leute hatten flüchtend alles fallen gelassen. Das war für mich wie eine Kriegsszene irgendwie.“ Auf abenteuerlichen Wegen schaffte es die Journalistin wie auch der Kameramann zurück ins Studio. Kurze Zeit später stand sie vor laufender Studiokamera und Ulrich van Kampen ließ die junge Frau in ihrem aufgelösten Zustand einfach nur überstürzt holprig mit tränenschweren Augen sprechen. Was sie sagte, ging auch ihrem Chef an die Nieren. So sehr, dass er völlig baff mit halb offenem Mund nur ungläubig nickend lauschen konnte.
TiB-Moderator Dassel drang im Bocksaal auf Details, zum Beispiel auf ihre Gefühle beim Anblick der aus den Fenstern der Wolkenkratzer in die Tiefe springenden Menschen. Was muss sich da im Innern der Türme abgespielt haben, wenn sich Menschen als bessere Alternative bewusst dafür entscheiden, aus 400 Meter Höhe aus den Fenstern zu springen? Vor Beklommenheit und Entsetzen machte das Publikum damals im Bocksaal keinen Mucks.
Weil alle Beweise darauf hindeuteten, benannte US-Präsident George W. Bush das internationale Terrornetzwerk Al-Quaida unter Osama bin Laden als für die Anschläge verantwortliche Organisation. Vom Taliban-Regime in Afghanistan verlangte er dessen sofortige Auslieferung. Weil diese verweigert wurde, machte Bush seine Drohung wahr und startete den „Krieg gegen den Terror“. Die NATO rief erstmals seit ihrem Bestehen den Bündnisfall aus. Wegen des kriegerischen Angriffs auf das Staatsgebiet der USA sei der militärische Beistand aller Partner des Nordatlantik-Vertrags erforderlich. Zunächst eröffnete die US-Armee ihr Bombardement auf afghanische Taliban-Stellungen. Ab Dezember 2001 engagierten sich einige europäische Staaten in der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF), darunter auch Truppen der Bundeswehr. „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, hieß es in einer neuen sicherheitspolitischen Leitlinie des damaligen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD) von Dezember 2002.
Auf Befehl von Präsident Obama gelang es zwar US-amerikanischen Spezialkräften am 2. Mai 2011 Osama bin Laden, die Identifikations- und Symbolfigur vieler islamistischer Terrorgruppen, im Nachbarland Pakistan zu töten, aber zu einer Befriedung des Landes am Hindukusch kam es nicht. Ganz im Gegenteil: Es verging und vergeht bis heute kaum ein Tag, an dem kein terroristischer Anschlag Dutzende Menschen in den Tod reißt.
Inzwischen ist der angekündigte Abzug der NATO-Truppen nach fast 20-jähriger Besatzung weitestgehend abgeschlossen. Auf deutscher Seite sind 59 Gefallene zu beklagen. Nachdem die Rückkehr der letzten Bundeswehrsoldaten erst kürzlich noch ohne öffentliche Ehrung und ohne Anwesenheit politischer Verantwortlicher stattfand, soll nun am 31. August der Einsatz mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Reichstag in Berlin gewürdigt werden.
Mit dem Abzug der US-Truppen und ihrer Verbündeten rücken die Taliban weiter unaufhaltsam vor. Es scheint nur eine Frage von kurzer Zeit zu sein, bis sie das Land wieder vollständig unter ihrer Kontrolle haben werden. Währenddessen müssen die afghanischen Helfer der Bundeswehr und ihre Angehörigen um ihr Leben fürchten. Bürokratischer Hickhack statt schneller Hilfe bestimmt den Umgang mit den Ortskräften, den laut SPIEGEL die Vizefraktionschefin der Grünen und Ravensburger Bundestagsabgeordnete Agnieszka Brugger als „unfassbar undankbar und zutiefst beschämend“ bezeichnete.

TV-Tipp: Am 11. September 2021 bringt das ZDF um 18 Uhr das „ZDF-Spezial: Gedenkfeier am Ground Zero“ mit Elmar Theveßen und Julie von Kessel (Chefin vom Dienst beim Berliner Morgenmagazin).

 

Autor: Horst Hacker

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