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Wenn man‘s nicht wüsste, könnte man darüber hinwegsehen. Denn es gibt immer noch zigtausende Seevögel auf den Shetland-Inseln, die auf der kleinen Inselgruppe nördlich Schottlands brüten und um ihren Nachwuchs kämpfen. Doch tatsächlich beobachten Naturschützer eine Katastrophe „apokalyptischen Ausmaßes“. Der Klimawandel entzieht den Seevögeln ihre Nahrungsgrundlage, stattdessen fressen die Möwen und Lummen angeschwemmtes Plastik und verhungern mit verstopften Mägen. Hat das etwas mit so genannten „Wuchshüllen“ zu tun, die Jahr für Jahr zigtausendfach in Deutschlands Wälder verbracht werden zum Schutz von jungen Bäumchen? Eine Spurensuche.

as Jahr 1990 ist das Referenzjahr, an dem sich beweist, wie ernst wir den Klimaschutz nehmen, an ihm müssen sich die CO2-Reduktionen messen, die notwendig sind, um das Pariser Klimaschutzziel von nicht mehr als 1,5 Grad Celsius plus zu erreichen. Wärmer sollte der Globus im Vergleich zur vorindustriellen Zeit nicht werden, damit die Küstenseeschwalben und der Mensch eine gedeihliche Zukunft haben.
Aber seit Anfang der 90er Jahre beobachten britische Vogelschützer einen dramatischen Rückgang der Seevögel auf den Shetland-Inseln. In den letzten 30 Jahren hat sich die Population der Küstenseeschwalben um 90 Prozent verringert, ebenso die der Papageitauchern, und die der Dreizehenmöwen und Schmarotzerraubmöwen um 80 Prozent sowie der Trottellummen um 50 Prozent, berichtet die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf wissenschaftliche Studien.

 

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Sebastian Hein, Professor für Waldbau und Waldwachstum an der Hochschule Rottenburg.

 

Und seit etwa 35 Jahren werden im deutschen Forst Plastikhüllen eingesetzt, so auch in Baden-Württemberg, erklärt Sebastian Hein. Der Professor an der Hochschule Rottenburg gilt als „Wuchshüllen-Papst“ und begleitet deren Einsatz bereits seit vielen Jahren wissenschaftlich. Seine Ergebnisse sind ernüchternd. Laut seiner Studien sind „in der Summe aller Waldbesitzarten in Baden-Württemberg im Durchschnitt der letzten 20 Jahre jährlich zwischen 228.000 und 387.000 Wuchshüllen und somit über den gesamten Zeitraum von 20 Jahren zwischen 4,5 und 7,7 Millionen Wuchshüllen ausgebracht“ worden. Und davon wiederum sind rund die Hälfte der Plastikröhren im Wald verblieben. Das entspricht „einer Menge von 780 bis 1340 Tonnen Kunststoff, die sich noch immer in den Wäldern Baden-Württembergs befinden“, konstatiert der Wissenschaftler. Und wohin die andere Hälfte verschwand und wie grundsätzlich entsorgt wird, wissen nur wenige. Hein: „Geregelte Abläufe der Entsorgung von Wuchshüllen finden sich leider nur in vereinzelten Forstbetrieben.“ Was diese Praxis mit dem Anspruch „naturnaher Waldbau“ zu tun hat, mit dem sich der Staatsforst seit langem schmückt, vermag der Wissenschaftler BLIX nicht zu erklären. „Ein massenhafter Einsatz von Plastik-Wuchshüllen sollte nicht als üblicher Bestandteil des Konzeptes eines naturnahen Waldbaus gesehen werden.“
Die Praxis sieht freilich anders aus. Die Klimakrise offenbart es auch dem unbedarften Waldgänger: je mehr Waldschäden, desto mehr Aufforstung. Und das Mittel der Wahl zu deren Schutz ist nicht mehr der althergebrachte Zaun, der wirtschaftlicher sei, „wenn man ein bisschen rechnet“, wie ein Forstunternehmer erklärt, stattdessen Plastik so weit das Auge reicht und darüber hinaus – vermutlich bis zu den Shetland-Inseln. Und das ist nicht nur im Staatswald so, sondern im Kommunal- und Privatwald ebenso.

 

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Prof. Sebastian Hein: „Die gigantische Verschmutzung der Weltmeere mit unserem Plastikmüll ist eines der größten, menschengemachten Umweltprobleme unserer Zeit.“

 

Die gigantische Verschmutzung der Weltmeere mit unserem Plastikmüll ist ein bekanntes Desaster (und als Mikroplastik weithin unsichtbar). „Die globale Vermüllung durch Plastik ist eines der größten, menschengemachten Umweltprobleme unserer Zeit“, stellen Hein und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Yannic Graf in einem Artikel im Holz-Zentralblatt (4. Dez. 2020: „Auf dem Weg zur Plastikreduktionsstrategie“) fest. Die EU und die Bundesregierung haben reagiert, indem ab Juli diesen Jahres viel Plastik für den bequemen Alltag verboten wird: neben Plastikgeschirr auch Trinkhalme aus Plastik, ebenso das Wattestäbchen und manches mehr. Also während auch bei Försters im Sommer die Grillparty ohne Plastikgeschirr und nur noch mit echtem Strohhalm für die Kleinen stattfinden kann, feiert im Wald die Plastikinvasion ihren Siegeszug. Der Natur zum Trotz.
Die Begründung folgt: Der Klimawandel zwingt verstärkt zum raschen Waldumbau. Dabei sind die Baumarten entscheidend, ob der Wald der Zukunft Hitze besser verträgt. Und damit das auch gelingt, müssen die kleinen Bäumchen (Douglasie, Tanne, Eiche, Buche und vielerlei Exoten) vor den gefräßigen Mäulern von Reh und Hirsch geschützt werden. Der Professor erklärt das so: „Der Grundsatz einer intensiveren Bejagung sollte weiterhin verfolgt werden und Wuchshüllen im Idealfall NUR die nachrangige Lösung darstellen.“
Nun ist die Jagd als Wald-vor-Wild-Strategie schon lange vorherrschend im Staatsforst, ebenso wie die „Wuchshüllen“ vorherrschende Praxis und keinesfalls „nachrangige Lösung“ ist. Ein Spaziergang genügt. Ist damit die Wald-vor-Wild-Strategie, die ebenfalls schon lange für mächtig viel Ärger zwischen privaten und besoldeten Jägern sorgt, gescheitert? Hein bleibt dabei: „Die sinnvollste Alternative zur Wuchshülle ist und bleibt eine funktionierende Jagd. Danach kommt lange erst mal nichts!“ Doch: zeitgleich die Plastikhülle - bisher. Den Widersprüchen zum Trotz lässt der Wissenschaftler hoffen: zwar sei richtig, dass bisher keine praxistaugliche, nachhaltig hergestellte und biologisch abbaubare Schutzhülle zur Verfügung stehe, mithin unendlich viel Müll produziert wird, der „in mehrfacher Weise“ die Klimakrise befördere, aber es stehe in Aussicht, dass über kurz oder lang eine zertifizierte Bio-Wuchshülle entwickelt werden könnte.
In Aussicht! Vergangenheit und Gegenwart bezeugen hingegen, dass seit 35 Jahren „in mehrfacher Weise“ unter dem Etikett „naturnaher Waldbau“ die Klimakrise befeuert und den Seevögeln der Garaus gemacht wird. Wäre Duldsamkeit gegenüber der Natur nicht eine ökologische Tugend? Der Waldexperte: „Wir alle übernutzen die natürlichen Lebensgrundlagen unserer Erde – auch und besonders in Deutschland und auch in Baden-Württemberg. Gesellschaftlich gesteuerte und parlamentarisch legitimierte Einschränkungen sowie persönliche Bescheidung tun Not!“ 

 

Autor: Roland Reck

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