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Kreis Biberach - Jana ist eine schöne und glückliche Kuh, findet Martina Grau. Aber sie ist auch eine schlechte Kuh, sagt Norbert Huchler, denn die Original Allgäuer Braunviehkuh gibt zu wenig Milch. Das ist eigentlich ein Todesurteil. Denn eine Milchkuh muss ordentlich Milch geben, das ist auch bei einem Biobauer so. Und Norbert Huchler ist Biobauer und Besitzer von Jana, die eigentlich zum Metzger gehört. Eigentlich, aber nun hat die vierjährige Kuh das ewige Leben, eben so lange bis sie stirbt oder ihre Patin Martina Grau findet, dass Jana im Alter zu sehr leidet, dann wird auch sie durch Menschenhand sterben, aber behütet bis zuletzt. Jana, die Kuh, Frau Grau, die Patin, und Bauer Huchler sind eine kleine Schicksalsgemeinschaft, die zusammengefunden hat, weil Ende letzten Jahres in Biberach der Schlachthof geschlossen wurde. Eine Geschichte über Verlust und Gewinn.

Ein Verlierer war im letzten Jahr eindeutig Michael Koch, Eigentümer und Betreiber des Biberacher Schlachthofs. Mitglieder von Soko Tierschutz hatten mit versteckter Kamera den Schlachtbetrieb gefilmt und prangerten Verstöße gegen den Tierschutz an. Das Kreisveterinäramt als Aufsichtsbehörde, das von der Tierschutzorganisation 160 Stunden Filmmaterial zu sichten bekam, reagierte prompt und schloss den Schlachthof bis auf Weiteres. Für Michael Koch eine Katastrophe, weil seine Metzgerei, geschäftlich zwar eigenständig, aber in direkter Nachbarschaft zum Schlachthof, von den Kunden in Haftung genommen wurde. Der Umsatz brach erdrutschartig weg, und weg sind auch die 15 Arbeitsplätze im Schlachthof. Existenzen stehen auf der Kippe.
Michael Koch ringt immer noch um Fassung, wenn er von dem Geschehen erzählt. Für den Chef des Familienbetriebs ist der Skandal nicht mangelnder Tierschutz, den es seiner Meinung nach nicht gab, dafür aber manipuliertes Filmmaterial, versehen mit Fehlinterpretationen durch die Medien und der darauf folgende amtliche Kurzschluss, der den einzigen Schlachthof im Kreis Biberach von jetzt auf gleich stilllegte. Ein Skandal auf jeden Fall – für den der Unternehmer allein haftet.
Den einst städtischen Schlachthof hatte bereits sein Vater zur Jahrhundertwende übernommen und der Sohn hat ihn als kleinen, regionalen und damit ortsnahen Schlachthof weiter betrieben. Zwei Mal die Woche war Schlachttag, das kostete vier- bis fünfhundert Schweinen und etwa 15 Stück „Großvieh“ sowie rund 20 Kälbern das Leben. „Es hat sich getragen“, sagt Michael Koch. Das Schlachten sei „reine Dienstleistung“ und von seinen Kunden seien mehr als die Hälfte Biobauern gewesen.
Und diese begehren nun auf. Sie sehen Gefahr in Verzug, dass die vorläufige amtliche Schließung schlussendlich das endgültige Aus für einen regionalen Schlachthof bedeutet und damit die Wege zu den Schlachthöfen nach Ulm oder Mengen länger werden für ihre Tiere. Das wollen sie verhindern, schließlich ist ein kurzer Transport auch ein Qualitätskriterium fürs Tierwohl. Und weniger Stress bedeutet auch besseres Fleisch.

 

Schlachthof

Der Schlachthof in Biberach ist nach Vorwürfen von Tierschützern seit Ende letzten Jahres geschlossen. Foto: Andrea Reck

 

Norbert Huchler ist nicht nur Milch- und Biobauer auf dem Wendelhof bei Gutenzell, sondern auch schon viele Jahre Kreisrat für die ÖDP (Ökologisch Demokratische Partei). Dem ersten Reflex – bei Skandalen in Deckung bleiben – folgte die Einsicht, und er und eine Hand voll Gleichgesinnter suchten das Gespräch mit Michael Koch, der sich zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlte und klar machte, dass er nach diesen Erfahrungen den Schlachthof nicht mehr weiterbetreiben werde, aber kooperationsbereit sei für eine praktikable und zukunftsfähige Lösung.
Und so wächst nun aus der Ödnis um einen stillgelegten Schlachthof eine Initiative, die diesem Ort des Todes neues Leben einhauchen will: mit Biosiegel. Das eigentlich für den Schlachthof schon seit 2012 vorhanden, aber nie vermarktet worden sei, erklärt Koch.
Mit im Boot ist Carola Brumm, verantwortlich für das beim Landkreis angesiedelte Projekt „Biomusterregion“. Dabei geht es um Förderung, Entwicklung und Ausbau der „Wertschöpfungskette“ im Biobereich, vom Produzenten bis zum Verbraucher. Und wenn das beim Fleisch gelingen soll, dann bedarf es eines Schlachthofes und einer Verarbeitung vor Ort, sind die Akteure überzeugt. Und beides ist in Biberach vorhanden: der Schlachthof und in direkter Nachbarschaft die Metzgerei. Die Akzeptanz der Verbraucher und deren Bereitschaft, auch mehr für das Steak oder das Hack zu bezahlen, ist ein Dauerthema, aber Carola Brumm sieht vor allem in der „Außer-Haus-Verpflegung“ eine tragfähige Basis, um Bio-Fleisch dauerhaft auf die Teller zu bringen.
„Ein großes, aktuell noch weitgehend unerschlossenes Marktpotenzial wird von den regionalen Akteuren im Bereich der Außer-Haus-Verpflegung gesehen. Zum Beispiel bei der Schul- und Kindergartenverpflegung, im Kreis-Berufsschulzentrum und vielen Kantinen der großen regional ansässigen Firmen“, erklärt die Koordinatorin via Internet. Ansprechpartner seien Unternehmen mit eigener Kantine und nicht zuletzt auch Kommunen, wo die Gemeinderäte von der Kita bis ins Altenheim entscheiden können, wie viel ihnen gutes Essen für ihre jungen und alten Mitbürger wert ist. Das Interesse sei vorhanden, meint Carola Brumm und ist zuversichtlich, dass es gelingt, ausreichend Kooperationspartner in den Großküchen zu finden.
Dazu bedarf es einer verlässlichen Organisation des Schlachtbetriebs und einer kundenspezifischen Weiterverarbeitung. Die passende Rechtsform für den Betrieb des Schlachthofes wird gesucht, ebenso ein Betriebsleiter. Beides seien lösbare Aufgaben, ist Josef Weber überzeugt. Auch er ist engagierter Biobauer und grüner Kommunalpolitiker. Das Projekt entspräche den politischen Forderungen nach Regionalität und verstärkter Bioproduktion und sei deshalb förderfähig, ist Weber sicher. Währenddessen ist man im Biberacher Landratsamt in Habachtstellung und erwartet ein schlüssiges Betreiberkonzept. Man stehe im Austausch mit den Akteuren, erklärt Walter Holdenried, Dezernent für Bauen und Umwelt, der Erste Landesbeamte zeigt sich zurückhaltend und sieht in der Finanzierung des Projekts eine hohe Hürde.
Bei Familie Grau kommt seit einem halben Jahr deutlich weniger Fleisch und Wurst auf den Tisch, und das, obwohl Martina Grau begeisterte Fleisch- und Wurstesserin war und eigentlich immer noch ist, erzählt sie ungeniert. Aber als ihre Arbeitskolleginnen im Dezember letzten Jahres der 39-jährigen PTA vom Biberacher Schlachthof erzählten, beschloss sie zweierlei: auf Fleisch und Wurst zu verzichten sowie einer Kuh ein langes und schönes Leben zu bescheren. Der persönliche Verzicht falle ihr nicht leicht, da sie Mann und Sohn auf Wunsch auch weiterhin mit fleischlicher Kost versorge, berichtet die Hausfrau, aber bis Ende des Jahres werde sie persönlich mit ihrer Fleischabstinenz auf jeden Fall durchhalten. Konsequent blieb der Familiengrill bisher kalt.
Warm ums Herz wird der Burgriederin bei Jana, die im August „ein Kälble“ bekommt, freut sich die Patin. Zwei Mal in der Woche besucht die Mutter mit ihrem 7-jährigen Sohn ihre Patenkuh, die im Sommer selbstverständlich auf der Weide ist. Manchmal lasse sich Jana gerne streicheln, manchmal nicht, aber interessant sei es immer auf dem Hof. Dass Martina Grau bei Norbert Huchler ihre Wunschkuh fand, ist eine glückliche Fügung und schließlich der örtlichen Nähe geschuldet.
Gesucht, gefunden – und der kommunikative Bauer will nicht nur schaffen, sondern auch erklären, was er tut und wie Landwirtschaft seiner Meinung nach funktionieren sollte. Und dazu gehört ein guter Schlachthof. Norbert Huchler sieht es als Chance, Vorbild zu werden, wenn Bauern, Metzger, die politischen Entscheidungsträger und schlussendlich die Konsumenten mitmachen.
Die Pferdehalterin Martina Grau weiß, dass Nutztierhaltung ohne Schlachten nicht geht. Das Wie wird wohl entscheiden, ob sie am Ende diesen Jahres ihren Fleischstreik beendet. „Jeder sollte sich Gedanken machen, woher das Fleisch kommt“, findet sie. Und Metzger Koch sieht nach einer schweren Zeit die Zukunft und den Gewinn bei Bio. 

 

Autor: Roland Reck

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