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KREIS RAVENSBURG - Ist die Zeit reif? - Es scheint so! Denn was vor zehn Jahren still schweigend beerdigt wurde, erlebt nun eine Auferstehung. Der Vorschlag, in Oberschwaben ein Biosphärengebiet auszuweisen, fand jüngst nicht nur Eingang in den Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landesregierung, sondern stößt auch vor Ort allenthalben auf Interesse. Quer durch die Parteien und Institutionen kommt interessierter Zuspruch. BLIX machte sich schlau im Kreis Ravensburg, wo sich der größte Teil des gewollten Biosphärengebietes erstrecken soll.

 

Das Terrain ist sumpfig – im eigentlichen und übertragenen Sinn. Der Kreis Ravensburg weist nicht nur landes- und bundesweit die meisten Moore auf, die mit ihrem überragenden ökologischen Wert den Kern des Schutzgebietes ausmachen werden, sondern ist seit geraumer Zeit auch tiefgründiges Kampfgebiet widerstreitender Interessen, die sich im Konflikt um den brandaktuellen Regionalplan spiegeln und bis in die Baumspitzen des Altdorfer Waldes ausgetragen werden, wo junge AktivistInnen in und mit Baumhäusern für den Erhalt des Waldes und gegen den drohenden Kiesabbau demonstrieren. Hinzu kommt noch ein (Senioren-)Verein (Natur- und Kulturverein Altdorfer Wald e.V.), der eine Petition mit über 13.000 Unterschriften für ein Landschaftsschutzgebiet im Altdorfer Wald auf den Weg brachte, sowie eine rege Klimaschutzbewegung rund um die jugendlichen SchülerInnen von Fridays for Future und ihren Eltern (Parents for Future), unterstützt von wissenschaftlichem Knowhow aus den örtlichen Hochschulen, den Scientists for Future. Es ist Dampf im Kessel – wie vor einem Gewitter.
Umso erstaunlicher, dass ein ambitioniertes Naturschutzkonzept wie ein Biosphärengebiet auf so breite Zustimmung stößt. Kaum hatte Manfred Lucha, grüner Landtagsabgeordneter aus Ravensburg, und seine grüne Kollegin aus Wangen Petra Krebs noch vor der Landtagswahl sich für ein Biosphärengebiet „Oberschwaben – Württembergisches Allgäu“ ausgesprochen, da sprang ihnen der CDU-Landtagsabgeordnete Raimund Haser, ebenfalls aus dem Wahlkreis Wangen, bei. Inzwischen sitzen Krebs und Haser gemeinsam im Umweltausschuss und äußern sich in einem ausführlichen Gespräch mit BLIX gleichermaßen begeistert von dem Naturschutzprojekt, das es nun zu realisieren gilt.

 
Haser Raimund
Krebs Petra
 Die Landtagsabgeordneten Petra Krebs (Grüne) und Raimund Haser (CDU) im Gespräch mit BLIX-Chefredakteur Roland Reck. Fotos: Alexander Koschny
 
Beim Gespräch im Kißlegger Schloss nähern sich die beiden Abgeordneten dem Thema aber mit Vorsicht, wohl wissend dass ein Biosphärengebiet nicht verordnet werden kann, sondern vor Ort entstehen und gestaltet werden muss. Gefragt sei die ganze Region und die Bevölkerung, „die sich auf den Weg machen muss“, erklärt Haser. Wobei die Region bisher noch nicht näher definiert ist. Krebs und Lucha schielten bei ihrem Vorschlag sogar über die bayerische Grenze. „Die Abgeordneten schlagen außerdem vor, das auf bayerischer Seite unmittelbar anschließende ‚Westallgäuer Hügelland‘ im Kreis Lindau mit in das Biosphärenschutzgebiet aufzunehmen“, heißt es in der Presseerklärung.
Doch zunächst spielt die Musik in Oberschwaben. Und hier rückt die oberschwäbische Hügellandschaft mit ihren vielen kleinen und größeren Mooren besonders in den Blick. Dabei endet Hasers Trachten nicht bei dem herausragenden Wurzacher Ried, sondern reicht bis zum Federsee und dessen ebenso imposanten Moorlandschaft, die ihn umgibt. Damit wäre auch der Kreis Biberach involviert.
 
Eisvogel 0821Nur noch selten zu sehen: der Eisvogel. Foto: Rolf Müller
 
Petra Krebs gibt zu bedenken, dass man bei der Bemessung des Gesamtgebietes bereits dessen Zonierung, drei an der Zahl, im Blick haben müsste, da die streng geschützte Kernzone mindestens drei Prozent der Größe des Biosphärengebietes ausmachen müsste und zusammen mit der weniger streng geschützten Pflegezone immerhin 20 Prozent umfassen sollte. Der große Rest kann Entwicklungszone sein, wo das Ziel ist, umwelt- und naturverträglich zu wirtschaften. Dabei zeigt sich das Konzept flexibel: die Zonen können auch ein Flickenteppich sein. Aber dieser große Vorteil bedarf entsprechend diffiziler Abstimmungen mit den vielen Partnern vor Ort. Und das sind sowohl die Kommunen als auch die privaten Grundbesitzer. Es gehe nur zusammen, betonen die Politiker.
Dabei soll auch das Pfrunger-Burgweiler Ried mit dem Naturschutzzentrum in Wilhelmsdorf nicht außen vor bleiben. Es sei „ein Muss“, dass diese Riedlandschaft bei der Planung mit bedacht werde, meint Raimund Haser. Damit wäre auch der Kreis Sigmaringen mit im Boot. Der Kreis Ravensburg könnte überdies die großen Waldgebiete Adelegg und Altdorfer Wald beisteuern, die hauptsächlich im Besitz des Landes sind.
Und dort im Altdorfer Wald, wo vor über 200 Jahren der Schwarz Vere und seine Spießgesellen sich vor ihren Häschern versteckten, hocken heute junge „Aktivistis“ auf den Bäumen, um diese vor der Motorsäge und damit vor dem Kiesabbau zu schützen. Die Naturidylle ist seit einem halben Jahr die Kulisse, vor der das dramatische Stück zur Aufführung kommt: „Wie wollen wir leben – wie können wir überleben?“ Eine Jugendszene aus nah und fern stellt die Hauptdarsteller, dem Konsum abgeneigt, dem Veganismus zugeneigt, fordern sie gewaltfrei konsequenten Klimaschutz statt Wirtschaftswachstum, unterstützt von örtlichen SeniorInnen, die im Herbst ihres Lebens die Sinnfrage stellen und im Kampf um den Schutz der Natur vor ihrer gutbürgerlichen Haustüre eine Antwort finden. Die Elterngeneration der Aktivistis, sofern sie sich nicht bei den Parents for Future engagiert, ist der Gegner, dort finden sich die Macher und Entscheider, die dem „Weiter so!“ frönen und mit dem Regionalplan einen „Höllenplan“ für die nächsten 15 bis 20 Jahre auf den Weg bringen wollen, der der Klimakrise in keinster Weise gerecht wird. So die Kurzfassung des Stücks, das heftig diskutiert wird.
 
Morgennebel am Baggersee 4910Morgennebel im Pfrunger Ried. Foto: Rolf Müller
 
So nicht! Raimund Haser, der beim Reden über das Biosphärengebiet ins Schwärmen gerät, zeigt sich nun empört. Der Vater einer neunjährigen Tochter spricht den Baumbesetzern jede Glaubwürdigkeit ab. Den Wald vermüllen und mit Handys und Laptops auf den Bäumen sitzen oder mit gefährlichen Straßenblockaden den Verkehr behindern, das sei kein Klimaschutz, schimpft der 46-Jährige. „Es ist unfassbar, was die da machen!“ Der studierte Betriebswirt und ehemalige Journalist fordert: „Ein echter Klimaaktivist macht eine Lehre zum Elektriker“ – damit er lernt, wie man Solarpaneelen montiert, meint der Politiker.
Petra Krebs (52) kritisiert den „aggressiven Unterton“ bei ihrem CDU-Kollegen und zeigt sich versöhnlich gegenüber den Klimaschützern. „Ich kann anerkennen, dass die Jungen in die Vollen gehen“ und „ziviler Widerstand ist legitim“. Die Krankenschwester und Mutter zwei erwachsener Töchter hat das Baumcamp bei Wolfegg schon besucht und sieht sich im Dilemma zwischen den radikalen Forderungen der jungen Aktivisten nach mehr Klimaschutz und der Sicherung von Wirtschaft und Arbeitsplätzen.
In einem sind sich die beiden Abgeordneten einig. Das Biosphärengebiet sei keine Lösung für den Streit um Wald und Kies, der müsse an anderer Stelle ausgefochten werden. Und sollte die Regionalversammlung beschließen, dass das umstrittene Gebiet bei Grund für den Kiesabbau genutzt werden kann, müsste, bevor die Bagger kämen, das Vorhaben erst im Detail geprüft werden. Aber Krebs ist sicher, dass gegen einen unveränderten Regionalplan juristisch geklagt wird, „er stößt auf zu viele Widerstände“.
Ganz anders zu den Plänen eines Biosphärengebiets in Oberschwaben, das neben den bereits realisierten Reservaten im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb das dritte in Baden-Württemberg wäre. Die Politiker benennen die Vorteile: der Schutz der hochsensiblen Moorgebiete bekämen als Biosphärengebiet ein werbewirksames Label, das der gesamten Region und insbesondere der bäuerlichen Landwirtschaft zugute käme, die im Tourismus sich ein zweites Standbein schaffen könnte. „Ganz Oberschwaben war einmal ein Sumpf“, um den die Römer einen Bogen gemacht hätten, flachst Haser und fügt hinzu: „Wir sitzen sprichwörtlich auf dem Louvre der Moorgebiete und keiner weiß es.“ Das soll sich ändern.
Zum weiteren Vorgehen erklären die Abgeordneten, dass das Umweltministerium die Federführung habe und mit Gutachten das Projekt konkretisiert werden müsste, darüber gälte es dann zu diskutieren sowohl auf parlamentarischen Weg als auch vor Ort. Und schließlich bedürfe es eines Parlamentsbeschlusses zur Einrichtung eines Biosphärengebietes, damit das Projekt ein Budget bekäme. Immerhin würden 70 Prozent der Kosten für die Förderprogramme das Land übernehmen, 30 Prozent müssten die Kommunen beisteuern, erklärt Petra Krebs.
Das Ziel eines Biosphärengebiets ist schlussendlich der Klima- und Artenschutz. „Es soll beispielhaft gezeigt werden, dass der Mensch die Biosphäre nutzen kann, ohne sie zu zerstören oder die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden“, heißt es in der Definition. Und darauf kommt es an!
 
Wurzacher Ried Ansicht Suedwest Foto Dr Alois Kapfer beDas Wurzacher Ried ist ein weiteres herausragendes Naturschutzgebiet. Foto: Alois Kapfer
  
 

Im Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landes­regierung sprechen sich die Koalitions­parteien für ein Biosphärengebiet Oberschwaben–Württembergisches Allgäu aus, das im Wesentlichen den Kreis Ravensburg betreffen würde.

WELCHE POSITION NEHMEN SIE DAZU MIT WELCHER BEGRÜNDUNG EIN?

 

ErtelWOLFGANG ERTEL, PROFESSOR AN DER HOCHSCHULE RAVENSBURG-WEINGARTEN, INITIATOR VON SCIENTISTS FOR FUTURE UND KLIMAAKTIVIST, sieht in einem Biosphärengebiet einen „guten Schritt in die richtige Richtung, aber eben nur ein Schritt“ und betont die Wichtigkeit des Artenschutzes. „In einer Zeit des zunehmenden Artensterbens ist der Schutz der Arten von fundamentaler Bedeutung. Am Ende liegt uns eine Art ganz besonders am Herzen: Homo Sapiens. Und diese Art benötigt zum Überleben eine gesunde Flora und Fauna.“

 

Herr Franke Foto SchultesWILFRIED FRANKE, DIREKTOR DES REGIONALVERBANDES BODENSEE-OBERSCHWABEN, weist auf die verschiedenen Zonen hin, in die sich ein Biosphärengebiet gliedert, in denen „ sehr unterschiedliche Gebots- und Verbotstatbestände gelten“ und niemand könne derzeit verbindlich sagen, wie ein solches Gebiet sich abgegrenzt und gliedert. „Vor diesem Hintergrund kann bei dieser Unbestimmtheit allein die Absicht im Koalitionsvertrag derzeit keine konkreten Auswirkungen auf andere Planungen haben.“

 

Rudolf Bindig beRUDOLF BINDIG, SPD-FRAKTIONSVORSITZENDER IM KREISTAG RAVENSBURG, hält ein Biosphärengebiet für „ein erstrebenswertes Ziel“, das „sehr hoch ansetzt“. „Wichtig ist es, zunächst und parallel dazu, weitere Landschaftsschutzgebiete in der Region auszuweisen. Insbesondere der Altdorfer Wald sollte als ganzes zum Landschaftsschutzgebiet werden. Dafür ist der Landkreis unmittelbar zuständig.“ Wohingegen das Verfahren für ein Biosphärengebiet „vom Land betrieben werden muss“. Der Kommunalpolitiker pocht darauf, dass der Altdorfer Wald „unabhängig von den weitergehenden Zielen zügig“ zum Landschaftsschutzgebiet erklärt und dann beim Biosphärengebiet berücksichtigt wird.

Siegfried ScharpfSIEGFRIED SCHARPF, ÖDP-FRAKTIONSVORSITZENDER IM KREISTAG RAVENSBURG, seine Fraktion stehe „100-prozentig zu den Plänen, dass ein Biosphärenreservat für den Altdorfer Wald eingerichtet wird. In diesem Zusammenhang ist uns auch wichtig, dass der Kiesabbau ausgeschlossen wird.“ Dabei definiert er die Biosphäre grenzenlos. „Wir würden es sogar begrüßen, wenn ganz Oberschwaben, dann ganz Europa und danach die Erde ein Biosphärengebiet werden würde.“

 

 

Pfluger LivLIV PFLUGER, FRAKTIONSVORSITZENDE DER GRÜNEN IM KREISTAG RAVENSBURG, verweist darauf, dass die grüne Kreistagsfraktion „schon frühzeitig“ ein Biosphärengebiet gefordert hat. „Dies hätte den Vorteil, dass Belange des Natur- und Artenschutzes, des Klima- und Grundwasserschutzes mit wirtschaftlichen, landwirtschaftlichen und touristischen Belangen in Einklang gebracht und nachhaltiger entwickelt werden können.“ Das Biosphärengebiet „Oberschwäbische Moor und Hügelland“ habe gute Chancen auf eine Verwirklichung, „was die grüne Kreistagsfraktion natürlich als Erfolg bewertet“. 

Helmut Fimpel beHELMUT FIMPEL, VORSTANDSMITGLIED IM NATUR- UND KULTURLANDSCHAFT ALTDORFER WALD E.V., hält ein Biosphärengebiet für „ein erstrebenswertes Fernziel“, das durch ein Landschaftsschutzgebiet für den Altdorfer Wald als „Vorstufe“ leichter erreichbar sei. Der Verein möchte den erweiterten Kiesabbau im Altdorfer Wald verhindern, weshalb er fordert, „dass der Altdorfer Wald den Kern- oder Pflegezonen eines künftigen Biosphärengebiets zugerechnet wird. Nur dann ist Kiesabbau im Altdorfer Wald ausgeschlossen“.

 

Waldemar Westermayer beWALDEMAR WESTERMAYER, BAUERNVERBANDSVORSITZENDER VON ALLGÄU-OBERSCHWABEN UND EHEMALIGER CDU-BUNDESTAGSABGEORDNETER, sieht das Projekt skeptisch und fordert, dass ein Biospährengebiet nicht zulasten der Bauern gehen darf. „Die bäuerlichen Familienbetriebe stehen im internationalen Wettbewerb. Höhere Standards in Gebieten die unter Schutz gestellt werden, dürfen nicht zu Produktionskostensteigerungen bei der Bewirtschaftung (…) führen.“ Der Funktionär pocht auf Beteiligung am „Entwicklungsprozess“ und macht klar: „Ohne einer Beteiligung der betroffenen Eigentümer und Bewirtschafter wird es kein Biosphärenreservat geben.“

Daniel Gallasch beDR. DANIEL GALLASCH, FDP-FRAKTIONSVORSITZENDER IM KREISTAG RAVENSBURG, fordert einen Bürgerentscheid zu einem Biosphärengebiet. „Für uns ist es wichtig, dass zunächst für die Öffentlichkeit transparent alle Fakten auf den Tisch kommen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.“ Denn ein Biosphärengebiet bringe „auch Einschränkungen für Landwirtschaft, Wohnbebauung und Gewerbe mit sich.“ Bereiche, die durch ein Biosphärengebiet eingeschränkt würden, „sollten einen Ausgleich erhalten bzw. neue Perspektiven eröffnet bekommen“.

 

Oliver Spieß beOLIVER SPIESS, FRAKTIONSVORSITZENDER DER FREIEN WÄHLER IM KREISTAG RAVENS­BURG erklärt für seine Fraktion Unterstützung für ein Biosphärengebiet. „Vor allem im Zeichen des Artensterbens und des Klimawandels müssen wir der Landschaft bei uns einen größeren Stellenwert einräumen, müssen ihr eine großräumige Chance geben, auch in Verantwortung jüngerer Generationen gegenüber. Wir haben jetzt die einmalige Chance, auch mit Hilfe von Landesmitteln (...) etwas Nachhaltiges, ökologisch und auch ökonomisch Sinnvolles für Mensch und Natur zu schaffen.“ Allerdings warnt er vor einem „Verbotsbiosphärengebiet“, stattdessen sei „eine funktionierende Koexistenz von Mensch, Natur, Wirtschaft und Landwirtschaft gut möglich“. Und fordert, die Energiewende auch „in Teilen des Biosphärengebietes“ durch Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen zu unterstützen.

Gerstenkorn Hoch 1NINA GERSTENKORN, IHK BODENSEE-OBERSCHWABEN, REFERENTIN PRESSE- UND ÖFFENTLICHKEITSARBEIT, erklärt, dass die IHK einem Biosphärengebiet „aufgeschlossen gegenüber steht“. Es gehe um „das modellhafte Miteinander von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft“. Dabei sie „die Einbindung aller betroffenen Akteure in den Begleitprozess wichtig“. Besondere Vorteile sieht Sie für den Tourismus, generell sei wichtig, dass bei diesem Prozess „wirtschaftliche Betätigung und Entwicklung nicht eingeschränkt wird“.

 

 

Volker RestleVOLKER RESTLE, CDU-FRAKTIONSVORSITZENDER IM KREISTAG RAVENSBURG, befür­wortet ein Biosphärengebiet und legt großen Wert auf die besondere Bedeutung der Moore, „weil diese die Chance eröffnen, die Kernzone überwiegend aus bereits dem Naturschutz zugehörigen Flächen bestehen zu lassen und die Bewirtschaftung von Wald und Wiesen weitestgehend im Status Quo zu erhalten. Auch für die Siedlungspolitik sehen wir unter diesem Aspekt weiterhin genügend Entwicklungsmöglichkeiten“. Er plädiert für die Einbeziehung des Pfrunger-Burgweiler- sowie des Wurzacher-Riedes als auch des Federsees in das Biosphärengebiet und regt an, das Augenmerk auch auf das Thema ‚Wasser‘ zu richten „wegen der vielen Weiher und Seen“ sowie den „schönen Flussläufen“. Neben wirtschaftlicher Entwicklung erhofft er sich im „Prozess hin zur Biosphäre“ eine Stärkung des „Gemeinschaftsgefühls in der Region“ sowie „ neue Impulse für nachhaltiges Leben und Wirtschaften“.

Ulfried Miller 2015 BUNDUlfried Miller, Regionalgeschäftsführer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz, Ravensburg: „Der BUND würde es sehr begrüßen, wenn in Oberschwaben ein Biosphärengebiet nach UNESCO-Kriterien ausgewiesen wird – analog der Schwäbischen Alb bei Münsingen und dem Südschwarzwald. (…) Vor allem im Bereich der Bioökonomie aber auch beim Klimaschutz, der umweltfreundlichen Mobilität und dem Tourismus im ländlichen Raum gibt es noch viele Ideen, die dadurch leichter auf den Weg gebracht werden könnten.“ Wichtig sei jetzt „eine breite und offene Diskussion über die Ziele, Chancen und eine sinnvolle Gebietskulisse in der Region. Diesen Prozess müssen nun die Landratsämter, Städte und Gemeinden anschieben.“ Der BUND bringe dafür gerne seine Projektideen und Netzwerke ein.

Sievers Harald 50 bearbeitetHarald Sievers, Landrat Kreis Ravensburg, begrüßt das grün-schwarze Koalitionsprojekt eines Biosphärengebiets „Oberschwäbisches Moor- und Hügelland“. „Für mich als Vertreter unserer kommunalen Familie ist es ganz wichtig, dass dieses große Projekt intensiv mit allen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, in den Gemeinderäten, mit der Landwirtschaft und mit allen interessierten Akteuren der Zivilgesellschaft diskutiert wird. Die Initiative zu einem Biosphärengebiet muss im Landkreis breit getragen werden, um erfolgreich zu sein“, betont Sievers die aus seiner Sicht entscheidende Bedeutung eines gut durchdachten und integrativen politischen Prozesses, der auch auf Ängste und Sorgen eingehe.“ Nun gelte es zu klären, wie sich das Land den politischen und fachlichen Prozeß hin zu einem Biosphärengebiet „Oberschwäbisches Moor- und Hügelland“ vorstelle.

Bernhard Dingler beBernhard Dingler, ForstBW, Leiter des Forstbezirks Altdorfer Wald, zeigt sich begeistert von der oberschwäbischen Jungmoränenlandschaft. „Daher begrüße ich es, dass dieser Landschaftsraum nun als Biosphärengebiet entwickelt werden soll.“ Ein Biosphärengebiet sei „kein fertiges Produkt, sondern ein anspruchsvoller, langwieriger und spannender Prozess, bei dem die konkreten Ziele und Maßnahmen für die angestrebte Entwicklung erst noch festgelegt werden.“ Für ForstBW stelle sich zunächst die Frage nach der äußeren Abgrenzung des Biosphärengebiets sowie der inneren Zonierung nach Kern-, Pflege- und Entwicklungszonen. „Klar ist: ForstBW wird umfangreiche und hochwertige Waldgebiete in das zukünftige Biosphärengebiet einbringen und mit seinem Waldmanagement für die Schutz-, Entwicklungs-, Erholungs- und Bildungsfunktionen (Waldpädagogik) des Biosphärengebiets einen entscheidenden Beitrag leisten.“

AUTOR: ROLAND RECK

  

BEISPIELHAFT: MENSCH UND NATUR

UMWELT - Biosphärengebiete oder -reservate sind großräumige Kulturlandschaften mit reicher Naturausstattung, die im Bundesnaturschutzgesetz nach § 25 als „einheitlich zu schützende und zu entwickelnde Gebiete“ definiert sind. Biosphärenreservate sind Modellregionen mit hoher Aufenthalts- und Lebensqualität, in denen aufgezeigt wird, wie sich Aktivitäten im Bereich der Wirtschaft, der Siedlungstätigkeit und des Tourismus zusammen mit den Belangen von Natur und Umwelt gemeinsam innovativ fortentwickeln können.

Die zusätzliche Anerkennung von Biosphärenreservaten durch die UNESCO als internationales Qualitätslabel erfolgt auf Antrag nach Erfüllung verbindlicher Kriterien. Weltweit gibt es momentan 714 Biosphärenreservate in 129 Ländern (Stand Mai 2021) die in das Weltnetz der UNESCO Biosphärenreservate aufgenommen wurden. In Deutschland sind es aktuell 16 UNESCO-Biosphärenreservate, darunter zwei in Baden-Württemberg, im Südschwarzwald rund um Schönau sowie auf der Schwäbischen Alb rund um den ehemaligen Truppenübungsplatz bei Münsingen.
Hinter dem Konzept der Biosphärenreservate steht als Kernstück die räumliche Gliederung in drei Zonen: Kernzone, Pflegezone, Entwicklungszone. Dabei erhält jeder Bereich eine unterschiedliche Bedeutung für Mensch und Natur. Mit der Zuteilung der Schutz-, Erhaltungs-, Nutzungs- und Entwicklungsfunktion in unterschiedliche Zonen soll nachhaltige Regionalentwicklung praxisnah umgesetzt werden. Die Kriterien von Biosphärenreservaten stellt an die Zonierung folgende Anforderungen:
• Das Biosphärenreservat muss in Kern-, Pflege- und Entwicklungszone gegliedert sein.
• Die Kernzone muss mindestens 3 Prozent der Gesamtfläche einnehmen.
• Die Pflegezone soll mindestens 10 Prozent der Gesamtfläche einnehmen.
• Kern- und Pflegezone sollen zusammen mindestens 20 Prozent der Gesamtfläche betragen.
• Die Entwicklungszone soll mindestens 50 Prozent der Gesamtfläche einnehmen.

KERNZONE
Biosphärenreservate besitzen eine oder mehrerer Kernzonen, welche dem unbeeinflussten Naturzustand sehr nahe kommen sollen. Diese Flächen werden von jeglicher wirtschaftlicher Nutzung freigehalten. Hier geht es also vorrangig um den Schutz natürlicher und naturnaher Lebensräume und Lebensgemeinschaften.

PFLEGEZONE
In der Pflegezone werden wertvolle Ökosysteme der Kulturlandschaft durch schonende Landnutzung für die Zukunft erhalten. Ziel ist insbesondere die Erhaltung artenreicher und bedrohter Tier- und Pflanzengemeinschaften, deren Fortbestand von der Aufrechterhaltung einer pfleglichen Nutzung abhängt. Das Credo der Pflegezone wird am besten mit „Schützen durch Nützen“ beschrieben. Für den Menschen kann dieser Bereich, unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte, zur Erholung, der Umwelterziehung oder der nachhaltigen Landbewirtschaftung dienen.

ENTWICKLUNGSZONE
In der Entwicklungszone schließlich steht der wirtschaftende Mensch im Vordergrund. In dieser Zone soll durch Förderprogramme die nachhaltige Entwicklung von Mensch und Natur gefördert werden, es soll versucht werden, die Wertschöpfung der Region auf eine umwelt- und ressourcenschonende Weise zu steigern. Es soll beispielhaft gezeigt werden, dass der Mensch die Biosphäre nutzen kann, ohne sie zu zerstören oder die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden. Die Entwicklungszone wird ausdrücklich als Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum der Bevölkerung verstanden. Es gelten daher keine besonderen rechtlichen Beschränkungen.
Quelle: www.biosphaerengebiet-alb.de/index.php/lebensraum-biosphaerengebiet/basisinformationen

 

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