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Oberankenreute - Der Plan war, weiter Druck aufzubauen. Das Mittel der Wahl war ein Baumhaus. Beides funktionierte nur kurzzeitig. Dann schritt das Ordnungsamt und die Polizei ein und beendeten die Demonstration im Altdorfer Wald. So heimlich die Protestierenden gegen den Kiesabbau gekommen waren, so friedlich zogen sie wieder von dannen. Bis auf Weiteres!

 

Es ist mächtig was los im Altdorfer Wald. Wo einst die letzten Räuber Oberschwabens Unterschlupf suchten, tummeln sich heute jugendliche Aktivisten für Wald- und Klimaschutz und finden Verstärkung von einer kritischen Bürgerschaft. Das größte Waldgebiet Oberschwabens ist heute Schauplatz der Auseinandersetzung um die Frage: Wie gehen wir mit unseren natürlichen Ressourcen um? Brauchen wir das Kies, auf dem der Wald wächst, für weitere Straßen und Häuser und für den Export, weil das Wirtschaftswachstum es so verlangt oder schützen wir den Wald, weil wir ihn dringend brauchen für den Klima- und Wasserschutz, für Erholung und die nachhaltige Nutzung der Ressource Holz?

 

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Die zentrale Botschaft der Wald- und Klimaschützer.

 

Dieser Streit wird derzeit um den Regionalplan ausgefochten, der weiteren Kiesabbau auch im Altdorfer Wald möglich macht und kurz vor der Abstimmung steht und dann für die nächsten zwei Jahrzehnte die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vorgibt. Die Sitzung des Planungsausschusses der Regionalversammlung am 23. Juni in Horgenzell, die zwar ohne Beschlussempfehlung an die Hauptversammlung endete, aber mehrheitlich die Verwaltungsvorlagen stützte, war Anlass für einige Bürger unter Mithilfe junger Aktivisten vom Baumcamp in Grund, in einer Nachtaktion in einer stattlichen Buche eine Plattform zu bauen und mit einem Transparent kundzutun, worauf es ihrer Meinung nach ankommt: „Systemwandel statt Klimawandel – für eine soziale und ökologische Zukunft.“

 

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Frau Raedler, Dezernentin im Landratsamt Ravensburg, scheute keine Mühe, kam in Pumps und verhandelte selbst mit den Baumbesetzern.

 

Die Aktion im tiefen Tann bei Oberankenreute, zwischen Weingarten und Wolfegg gelegen, war nicht angekündigt und beim Eintreffen zum Pressetermin am Donnerstagvormittag, 17. Juni, wartete bereits die Polizei, die sich geduldete bis Martin Lang von der Plattform herunter, erklärt hatte, was ihn und seine Mitstreiter, „unbescholtene Bürger“, zu dieser ungewöhnlichen Aktion veranlasst hat. Dann schritt das Ordnungsamt in Person der Dezernentin Raedler ein, mit Pumps und freundlicher Miene erklärte sie die Versammlung für beendet und forderte Lang und seine Gehilfen auf, die Plattform abzubauen und den Ort des Geschehens zu räumen. Was diese nach einigem Hin und Her bis zum nächsten Tag zusicherten.

 

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Martin Lang (54), einer der Initiatoren der Baumbesetzung, sieht sich und seine Generation in der Pflicht, die jungen Aktivisten zu unterstützen.

 

Die Kulisse für diese friedliche Einigung und zugleich Streitobjekt ist ein stattlicher Wald mit Fichten und Buchen mit natürlicher Verjüngung. Eigentümerin dieses Naturschatzes ist das Land, betreut durch ForstBW, eine Anstalt öffentlichen Rechts, die dem Landratsamt eine „Besitzstandsstörung“ angezeigt habe, so die Dezernentin, worauf hin sie und ihr Amt tätig werden musste. Das klang fast bedauernd. Denn kommt es wie geplant, dann werden die 100-jährigen Bäume dem Kies zum Opfer fallen – und ForstBW viel Kies in die Kassen spülen.

 

Text und Fotos: Roland Reck

 

 

Pressemitteilung, 16.Juni 2021

Als Reaktion auf die ergebnislose Sitzung des Planungsausschusses und des Regionalverbandes Bodensee Oberschwaben, am heutigen Mittwoch, 16. Juni 2021 in Horgenzell, geben wir bekannt, dass wir unabhängige Bürger:innen, Anwohner:innen und Eltern heute Nacht einen weiteren Teil des Altdorfer Waldes bei Oberankenreute besetzt haben. Das verbissene Festhalten des Regionalverbandes an den vorliegenden Planungsentwürfen nötigt uns zu diesem, für uns ungewöhnlichen und unangenehmen Schritt. Nach Jahren unbeachteter Appelle, dem Ignorieren stichhaltiger Argumente und wissenschaftlicher Fakten durch den RVBO stellen wir uns auf diese Weise entschieden gegen den weiteren Raubbau und den geplanten Ausverkauf unserer Heimat. Unsere Besetzung verstehen wir nach der heute erneut vergebenen Chance des RVBOs, sich auf eine zukunftsfähige und klimagerechte Raumplanung einzulassen, als Mahnung und weiteres Dialogangebot an die Mitglieder der Regionalversammlung. Unsere Aktion werden wir auf unbestimmte Zeit, mindestens bis zur abschließenden Entscheidung der Regionalversammlung am 25. Juni aufrecht erhalten.

Wir appellieren eindringlich an die Mitglieder der Regionalversammlung des RVBOs:
• Beenden Sie die gesellschaftliche Spaltung in unserer Region! Es kann und darf in unserer Zeit keine weitere Planungen mehr geben, die nationale und internationale Klimaschutz-Verpflichtungen ignorieren und über die Köpfe der Bevölkerung und Teile Ihrer politischen Vertreter:innen auf kommunaler Ebene hinweg festgeschrieben werden.
• Treten Sie mit Ihrer Stimme für eine gründliche Überarbeitung der bisherigen
Planungen ein. Nachgewiesene falsche Planungsgrößen, z.B. bzgl. Bevölkerungswachstum (siehe Gutachten der S4F) müssen behoben werden.
• Geben Sie in Ihrer Planung dem Gemeinwohl oberste Priorität. Wachstumsideologien die uns geradewegs auf einen Klimakollaps zusteuern, müssen überwunden und die planetarischen Grenzen auch in der regionalen Flächenplanung respektiert werden. Setzen Sie sich daher für ein Ende der klimaschädlichen Rodungen von Wäldern für den Rohstoffabbau in unserer Region ein. Stellen Sie die Weichen für eine klimaneutrale und intelligente Verkehrswende. Beenden Sie den verschwenderischen Flächenverbrauch.
• Die CDU-Mitglieder im Regionalverband fordern wir als Teil der CDU in Baden
Württemberg zur Vertragstreue auf. Setzen Sie die vertraglichen Zusagen im bestehenden Koalitionsvertrag in der Region um. Im Zusammenhang mit dem
Flächenverbrauch in Baden Württemberg hat sich Ihre Partei im Koalitionsvertrag wortwörtlich zu folgendem Passus verpflichtet:

„Netto-Null“ beim Flächenverbrauch: Wir wollen den Flächenverbrauch weiter reduzieren und halten weiterhin an dem Ziel der „Netto-Null“ fest. Ein weiterer Faktor, um unnötigen Flächenverbrauch zu vermeiden, ist der Rückbau bestehender, nicht mehr benötigter Infrastruktur" Wer sich vehement gegen die Bedenken großer Bevölkerungsteile und wissenschaftlicher Erkenntnisse versperrt und stattdessen einseitig für privatwirtschaftliche Interessen einzelner, teils international verflochtener, Kies-Unternehmen agiert, muss sich heute Fragen zur eigenen Integrität gefallen lassen. Wir weisen darauf hin, dass der Fortschreitende Klimawandel nicht nur das Gemeinwohl bedroht, sondern zunehmend den ökonomischen Erfolg großer Teile unserer Wirtschaft gefährdet. Mit unserer Waldbesetzung möchten wir Nachbarn und weitere Teile der Bevölkerung wachrütteln und aufzeigen, was hier vor unserer Tür auf dem Spiel steht. Dabei geht es nicht allein um die Erschließung von 11 Hektar Wald für den Kiesabbau bei Grund, 30 Hektar neue Kiesflächen bei Oberankenreute oder den Schutz von 60 Hektar im Altdorfer Wald. Es geht um mehrere tausend Hektar fruchtbarer Ackerböden und wertvoller Wälder, die in unserer Region durch die Planungen des RVBO gefährdet sind. Im Hinblick auf nachfolgende Generationen und den Ländern des globalen Südens schreiben die Planungen einen einen Verbrauch fest, der über unseren Verhältnissen liegt. Wer Klimagerechtigekeit ernst nimmt, darf nicht länger auf Kosten anderer Leben.


Solidaritätsbekundung
Wir solidarisieren uns ausdrücklich mit der Baumbesetzung bei Grund und in anderen Regionen Deutschlands. Wir können und wollen den Schutz unserer Wälder, des Trinkwassers, landwirtschaftlicher Flächen und anderer Lebensgrundlagen nicht länger allein den jungen Aktivist:innen zumuten. Wir sind beeindruckt vom dauerhaften Engagement und der Ernsthaftigkeit mit der sich junge Menschen heute für unser Gemeinwohl einsetzen und dafür Strapazen und Schikanen in Kauf nehmen. Von den Verantwortlichen in der Politik wünschen wir uns eine deutlich höhere Wertschätzung für unsere Erde, alle Geschöpfe der Schöpfung und dem Einsatz junger Aktivist:innen. Wir geben zu bedenken, dass es unsere und die Generationen zuvor waren, die unsere Welt in die Nähe eines unkontrollierbaren Klimakollaps geführt haben. Wir können die Herausforderungen, die der Klimawandel an uns stellt, nicht allein zukünftigen Generationen aufbürden. Um ein Klimachaos doch noch abzuwenden ist es jetzt allerhöchste Zeit entschlossen zu Handeln. Nicht wir als besorgten Bürgerinnen und Bürger, sondern der rasant fortschreitende Klimawandel gibt dabei den Takt vor.
Noch ist es für eine einvernehmliche Lösung im Streit um den vorliegenden Planungsentwurf des Regionalplanens nicht zu spät und wir sind weiterhin gesprächsbereit. Mit uns können Sie reden - mit dem Klima lässt sich nicht verhandeln!

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