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Steinhausen/Rottum - Es kann nicht verwundern, dass Rebecca Weißbrodt eine weitere Koalition der CDU mit den Grünen kritisch sieht: Das gehe auf Kosten des konservativen Kerns der CDU. Die 36-Jährige ist Vorsitzende der AfD im Kreis Biberach und wohnt in meinem Heimatdorf Steinhausen an der Rottum, wo die Rechtsaußenpartei bei der Landtagswahl mit 15 Prozent der Stimmen überdurchschnittlich gepunktet hat. Das schmerzt Hans-Peter Reck (nicht verwandt mit dem Autor), den Bürgermeister der rund 2000-Einwohner-Gemeinde mit den Teilorten Bellamont (700 Einwohner) und Rottum (300) zwar auch, aber viel mehr noch leidet er am Wahlergebnis seiner eigenen Partei, der CDU. Eine Wahlnachlese im Wohlstandsgebiet.

Rebecca Weißbrodt könnte zufrieden sein. Sie lebt mit Mann und drei Kindern im eigenen Haus in einem Dorf, das einst nur Bauern beherbergte, von denen es keinen mehr gibt. Auch die vielen Bauplätze in dem kontinuierlich wachsenden Neubaugebiet haben das nicht verhindert. Dafür gibt es viel Platz für junge Familien, deren Wohlstand sich mit Haus und Garten unübersehbar ausbreitet. Man wohnt im Dorf mit Kindergarten, Grundschule, Musik- und Sportverein vor der Haustüre und fährt nur wenige Kilometer zur Arbeit nach Ochsenhausen oder Biberach, auch Memmingen und Ravensburg sind nicht weit. Es ist ein sattes Leben gleich nach der Hochzeit.
Rebecca Weißbrodt, die aus Schongau stammt, gehört dazu und kann auch mit dem Wahlergebnis ihrer Partei vor der eigenen Haustür zufrieden sein. 15 Prozent und damit nur ein Prozent weniger als vor fünf Jahren hat die AfD in der Gemeinde an Zustimmung erhalten. Das sind fünf Prozent mehr als im Wahlkreis Biberach wie auch im Land, wo die AfD bei der Landtagswahl mit knapp zehn Prozent Stimmenanteil fünf Prozent der Wähler eingebüßt hat. In meiner Heimatgemeinde wählten folglich im März diesen Jahres noch fast so viele Bürger die Rechtskonservativen, wie dies vor fünf Jahren mit dem alles beherrschenden Thema „Flüchtlingskrise“ der Fall war. Wahlverlierer sehen anders aus.

 

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Hans-Peter Reck (39), kaum hatte er sein neues Amt als Bürgermeister angetreten, kam Corona. Foto: Reck

 

Das weiß auch der Bürgermeister, der sich ratlos fragt, wo sie alle stecken, die AfD-Wähler. Einen Reim kann er sich darauf nicht machen. Im Oktober 2019 wurde der gebürtige Aulendorfer und promovierte Mathematiker mit CDU-Parteibuch im ersten Wahlgang mit 68 Prozent zum Nachfolger des scheidenden Rathauschefs gewählt. Bei seinem Haustürwahlkampf seien ihm keine AfD-Anhänger aufgefallen, erinnert sich der 39-Jährige. Und erst an Hand der Kandidatenliste habe er festgestellt, dass die Kreisvorsitzende der AfD nicht nur als Ersatzkandidatin bei der Landtagswahl antritt, sondern auch Bürgerin seiner neuen Gemeinde ist. Kennen gelernt habe er sie noch nicht.
Deren kritische Sicht auf die anstehende Neuauflage der Koalition seiner Partei mit den Grünen ist ihm freilich wohl bekannt. Der Mann steckt wie seine Partei in einem Dilemma: mit den Grünen weitermachen als stark geschwächter Juniorpartner, ist angesichts der dritten Wahlschlappe in Folge und mit Blick auf die eigene Verzwergung nicht verlockend einerseits, andererseits kann das wegen Corona Noch-Vorstandsmitglied im CDU-Kreisverband in Ravensburg und Noch-Ortsvorsitzender in Aulendorf sich seine Partei nicht in der Opposition vorstellen. Reck: „Opposition kann die Union nicht.“
Angesichts dieser Zwickmühle kann der CDU-Bürgermeister, von denen es auch immer weniger gibt, sich noch nicht einmal daran freuen, dass der Kreis Biberach immer noch eine CDU-Hochburg ist und Thomas Dörflinger erneut mit dem Direktmandat in den Landtag eingezogen ist. Mit 36 Prozent fiel Dörflingers Ergebnis in der Gemeinde Steinhausen im Vergleich mit dem Landesergebnis seiner Partei (24 %) überdurchschnittlich aus. Aber, so der Blick des Analytikers, vor fünf Jahren hatte der Ummendorfer in Steinhausen noch 42 Prozent eingefahren. Der Trend macht ratlos.
Und dann tun 15 Prozent für rechts von der CDU richtig weh. Warum dieser Aderlass? Wo sind die Konflikte in der Gemeinde? Einen solchen gab es vor der letzten Landtagswahl, als in Rottum in einem leer stehenden Schlachthof eine Sammelunterkunft für Geflüchtete eingerichtet werden sollte. Was nicht geschah, aber in dem 300-Seelen-Nest für große Empörung sorgte. Das ist Vergangenheit und war vor seiner Zeit als Bürgermeister, Reck lobt ausdrücklich die gute Zusammenarbeit in der Gemeinde. Er weiß dies als langjähriger Gemeinderat in seiner Heimatstadt Aulendorf zu schätzen und verweist auf die anstehenden Projekte: das neue gemeinsame Feuerwehrgebäude ist bereits im Bau, Glasfaser wird mit Hochdruck verlegt, die Dorfsanierung vorangetrieben, Bauplätze ausgewiesen, allein der Mietwohnungsbau lässt zu wünschen übrig. „Aber Not, die findet man nicht“, meint der Schultes, zumindest nicht als Erklärung für 15 Prozent AfD-Wähler.
Für Rebecca Weißbrodt braucht es keine Not, um ihre Partei zu wählen. Im Gegenteil: „Der ‚Häuslebauer‘ ist überwiegend ein konservativ eingestellter Bürger“, erklärt Weißbrodt mit Blick in die Nachbarschaft. Und Unzufriedenheit reiche, um AfD zu wählen. Zum Beispiel „die Eigenheimbesitzer im Grünen, die die Natur erhalten und keine Windkraftanlagen vor der Haustür wollen“, behauptet die ehemalige Zeitsoldatin, die als Berufstätigkeit „Referentin“ nennt. Und: „Kultur und Traditionen sind auf dem Land meist höher gewichtet als in der Stadt und der Erhalt derselben ist klar der konservative Kern, den unsere Partei vertritt. Genauso wählen uns aber auch die Arbeiter, die täglich zur Stadt pendeln und daher auf den Individualverkehr angewiesen sind. Aber auch Eltern und Lehrer, die mit den Änderungen am Bildungssystem nicht zufrieden sind, zählen zu unserer Wählerschaft.“ Schlussendlich: „Es gibt viele gute Gründe als konservativ eingestellter Bürger AfD zu wählen.“

 

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Rebecca Weißbrodt (36) ist AfD-Vorsitzende im Landkreis Biberach und will für ihre Partei, der sie 2017 beigetreten ist, in den Bundestag.

 

Da meldet sich der „Sohn des Dorfes“ in mir. Schließlich bin ich dort zur Schule gegangen, hab’ ziemlich schlecht Fußball gespielt und ziemlich viel Blödsinn angestellt, hab’ schlussendlich die ersten 20 Jahre meines Lebens in diesem „Kuhdorf“ zugebracht, so benamte es meine Mutter, die Anfang der 50er Jahre „als Flüchtling“ und junge Frau an der Seite ihres Ehemanns nach Steinhausen zuzog, ihre vier Kinder hier großzog und schon ewig lange nirgendwo anders leben möchte. Das „Kuhdorf“ ist ihre große Liebe geworden. Kann es also sein, dass für die saturierten MitbürgerInnen meiner 95-jährigen Mutter Unzufriedenheit ausreicht, um eine Partei zu wählen, die Schutzsuchende nach ihrem Nutzen sortieren will, aus der EU austreten will und die Klimakrise als „Klimarettungshybris“ (Wahlprogramm) abtut und stattdessen den Diesel retten möchte?
Rebecca Weißbrodt ficht das nicht an. Auch nicht der Hinweis, dass sie als Soldatin einen Eid auf das Grundgesetz geleistet hat, aber der Verfassungsschutz Teile ihrer Partei als verfassungsfeindlich beobachtet. Für die ehemalige Panzergrenadierin kein Problem: „Eine Beurteilung durch den Verfassungsschutz ist grundsätzlich eine subjektive Einschätzung von Äußerungen und Handlungen Einzelner“, erklärt sie forsch. „Ich lasse mich nicht für Einzelpersonen in Sippenhaft nehmen, ich vertrete eine Politik, die meinem damaligen Eid auf das Grundgesetz entspricht und mein Bewertungsmaßstab ist meine politische Arbeit und nicht, was irgendein Provinzfürst aus sonstwo von sich gibt.“ Egal, sie freut sich „in unserer schönen Partei“ zu sein.
Für den Bürgermeister verbirgt sich hinter den Ungereimtheiten „Zukunftsangst“ und „die gab es schon immer“, tröstet er sich und stellt fest: „Die komplexe Welt ist nicht für einfache Erklärungen gemacht.“ Das ist eine einfache Erklärung für ein komplexes Problem, nicht nur in Steinhausen.

 

Autor: Roland Reck

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