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Ravensburg - Der Artikel an meinen „lieben Vorstand“ ist geschrieben, dann taucht kurz vor Redaktionsschluss die Nachricht auf: Helga Reichert wird vom 21. bis 24. Oktober die „Filmtage Oberschwaben“ durchführen – in Ravensburg! Helga Reichert bestätigt die Nachricht.

In der Konsequenz bedeutet das, dass eine Woche vor den Biberacher Filmfestspielen die „Filmtage Oberschwaben“ in Ravensburg stattfinden werden. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren, erklärt Reichert am Telefon. Eine gemeinnützige GmbH ist gegründet, erste Filmangebote seien schon eingegangen. Die Homepage fast fertig. Der Vertrag mit dem Ravensburger Kinobetreiber fix. Das Rennen läuft!
Reichert wiegelt ab: In Konkurrenz zu Biberach will sie ihre Veranstaltung nicht sehen. Sie mache das, was sie könne und was in Biberach nicht mehr erwünscht gewesen sei: ein Filmfestival zu organisieren und durchzuführen. Basta!
Das ist eine harte Nummer. Während in Biberach die Ravensburgerin Nathalie Arnegger Reicherts Job übernimmt und damit das Erbe eines hoch respektablen Filmfestivals antritt, mit einem emsigen Verein und potenten Sponsoren an der Seite, mit alleine 70.000 Euro aus der Stadtkasse (der Verein möchte mehr), tritt Reichert als alleinige Gesellschafterin ihrer gGmbH an – aber mit Mann. Adrian Kutter, Gründer der Biberacher Filmfestspiele, wurde dafür, dass er in 40 Jahren das Festival zum nationalen Aushängeschild der Biberstadt gemacht hat, im letzten Jahr von Oberbürgermeister Norbert Zeidler zum Ehrenbürger gekürt. Seine Enttäuschung ist abgrundtief. „Das dürfen die Biberacher ruhig wissen, dass Kutter dabei ist“, an der Seite seiner Frau, „ich unterstütze sie“. Dabei hatte der 78-Jährige vor zwei Jahren die Intendanz in Biberach mit ausdrücklichem Wollen auch des Vereins an seine Frau (48) übergeben, die das Festival mit viel Lob durch zwei schwierige Jahre geführt hat. Aber auf einen neuen Vertrag konnte sich Vorstand und Intendantin nicht einigen. Es endete unter den Augen des OB im Zerwürfnis. BLIX fand es „Zum Heulen“ (März/April 21, S. 48ff.) und versuchte, die Hintergründe zu beleuchten.
Jetzt werden die Karten neu gemischt. In Ravensburg stehen Reichert im Kino am Frauentor nur drei Säle zur Verfügung, halb so viel wie im Biberacher Traumpalast. Was sie nicht stört, sie „denke familiär“, gibt sich die Schauspielerin bescheiden, und deklariert ihr Projekt als „Filme mit Freunden“. Das erinnert natürlich sehr an das Biberacher „Familientreffen des deutschen Films“. An Letzterem wolle sie nicht festhalten, sondern auch internationale Filme zulassen. Ein Zweck der Gesellschaft sei nicht umsonst die Förderung „kultureller Toleranz“, ein Thema, das ihr „sehr wichtig“ sei. Sie fühle sich frei in der Gestaltung der Filmtage, schließlich mache sie das auf eigenes Risiko.
Wichtig ist dem Ehepaar, dass es trotz aller Enttäuschung, dass „in Biberach der Name Kutter/Reichert nicht mehr gewünscht wird“ (Helga Reichert), ihr neues Projekt „nicht als Zornreaktion auf den Rausschmiss aus Biberach, sondern als Reaktion auf Bitten vieler Filmschaffenden“ (Adrian Kutter) zu verstehen sei. Deren Botschaft laute: „Macht ein neues Festival, egal wo, wir kommen!“ (Kutter) Die Initiatoren der Unterschriftenliste, mit der 108 Filmschaffende sich hinter Helga Reichert als Intendantin der Biberacher Filmfestspiele gestellt hatten, und die sich von Vorstand und Oberbürgermeister äußerst schäbig abgefertigt fühlen, rühren auf jeden Fall schon kräftig die Werbetrommel für die Filmtage in Ravensburg. Und wenn das Virus es zulässt, kommt ein cineastisch bunter Herbst auf Oberschwaben zu. 

 

Autor: Roland Reck

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