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Wolfegg - Es ist Mitte März noch ungemütlich kalt in dem alten „Fischerhaus“, das im Bauernhausmuseum Wolfegg die neue Dauerausstellung „Kommen, schaffen, bleiben“ beherbergt und das nicht zufällig. Denn was heute der Historie dient, war in den 70er Jahren Unterkunft für „Gastarbeiter“, die im ländlichen Oberschwaben Arbeit fanden. Nach mehreren Jahren der Recherche und Vorarbeit findet sich in der „Keimzelle“ des Freilichtmuseums nun eine spannende Zeitreise, die mit vielen O-Tönen dokumentiert, wie die Fremden aus Südeuropa als Arbeitskräfte kamen und als Menschen die hiesige Welt, die Provinz war, veränderten und sich dabei selbst veränderten, indem sie blieben.

 

Ahmet Albayrak ist einer von ihnen. Mit dem türkischen Oberschwaben sprachen wir bereits vor zwei Jahren. Seine Geschichte und die seiner Familie erzählt er anschaulich - neben anderen aus anderen Ländern - in der Ausstellung, die er mitgestaltet hat. Der 47-Jährige ist in Wolfegg verwurzelt, wenngleich er inzwischen mit seiner Familie im benachbarten Bergatreute wohnt. Der Ortswechsel ist nur ein Katzensprung im Vergleich zu seinem Geburtsort, von wo ihn 3200 Kilometer trennen und wo er trotzdem seine Wurzeln spürt: in Rize, einer Stadt in Nordost-Anatolien am Schwarzen Meer. Die Wurzeln, so verstehe ich ihn, sind seine und die Familie seiner Frau, ein Teil lebt hier und ein großer Teil noch dort. Und es ist die Kultur, die man verlassen und im Herzen mitgenommen hat, aber deren Heimat sich in der fernen Türkei befindet, wo man sich nicht erklären muss, warum man kein Schweinefleisch isst und keinen Alkohol trinkt, alle dieselben Feste feiern, Rituale teilt und pflegt, sich selbstverständlich als Teil des Ganzen fühlt. Und nicht anders.
Aber, und das ist sein Dilemma: anders fühlt sich Ahmet Albayrak nicht nur in Oberschwaben, wo er ausweislich seines Passes Ausländer ist und als Moslem sich zwischen all den katholischen Kirchtürmen auch anders fühlt. Reist er nämlich in seine türkische Heimat, ist er dort „der Deutschländer“. Anders eben. Wieviel anders, hänge vom eigenen Verhalten ab, meint der türkische Oberschwabe, der perfekt deutsch spricht und in der Familie beide Sprachen mischt.

 

Portrait Dr. Tanja Kreutzer c Frauke Wichmann

Tanja Kreutzer (37) ist seit Januar 2021 die neue Leiterin des Bauernhausmuseums. Die promovierte Kunsthistorikerin ist in Augsburger geboren und war dort unter anderem am Staatlichen Textil- und Industriemuseum tätig. Foto: Frauke Wichmann

 

Acht Kinder waren sie, Ahmet mitten drin. Sein Vater, ein Korbmacher, kam mit dem letzten Anwerbekontingent im April 1973 nach Deutschland und arbeitete am nächsten Tag bereits im fürstlichen Sägewerk in Wolfegg. Fünf Jahre später folgte seine Frau mit Ahmet und zwei seiner Geschwister, ein Jahr darauf kamen die drei anderen, die zwei jüngsten wurden in Oberschwaben geboren. Eine große Familie in einer Zeit, in der dies im Boom der Nachkriegszeit schon selten wurde. Es war dieser rasante Wirtschaftsaufschwung nach der verheerenden Zerstörung mit den Millionen Toten, der sich nur mit Hilfe ausländischer Arbeitskräfte fortsetzen ließ.
Um den Arbeitskräftebedarf decken zu können, schloss die Bundesrepublik mit mehreren Mittelmeerländern Anwerbeabkommen. Ab 1955 kamen so ausländische Arbeitnehmer nach Deutschland. Der Begriff „Gastarbeiter“ signalisierte, der Einsatz sollte zeitlich befristet sein. Als die Ölkrise 1973 endgültig das Nachkriegswirtschaftswunder beendete, endete auch die Anwerbekampagne. 2,6 Millionen Menschen waren bis dahin dem Werben gefolgt, die meisten von ihnen mit dem Vorsatz, als „gemachter Mann“ bald wieder in die Heimat zurückzukehren. Doch zunächst kamen die Familien, wie bei Albayraks. Und die Rückkehr beschränkte sich auf einige Wochen Urlaub – alle paar Jahre packte die Familie den roten Ford Transit über das Dach hinaus voll und begab sich auf den weiten Sehnsuchtsweg: zurück in die Heimat, wo man als „Deutschländer“ mit vielen Geschenken immer herzlich willkommen war. So bleibt es ein Leben in zwei Welten: für die Eltern, deren Kinder und Enkel, bis heute.
„Man hat nicht alles in den Händen, was man macht“, sagt Ahmet Albayraks. „Es ist Schicksal.“ Was nicht bedeutet: die Hände in den Schoss zu legen. Der gelernte Holzbearbeitungsmechaniker, der 1989 seine Ausbildung im Sägewerk begann und dem Werk bis heute treu geblieben und dort Abteilungsleiter ist, erinnert sich gerne an seine Kindheit, inmitten seiner deutschen Freunde und deren Familien.
Der Schmerz schleicht sich mit dem Erwachsenwerden ein. Die kulturellen Unterschiede führten dazu, dass er aus dem Fanfarenzug ausschied, weil er keinen Alkohol trank und ihn die ritualisierte Sauferei abstieß. Leicht verständlich: Wer hält nüchtern einen Bus voll Besoffener aus? Der Unterschied bleibt bestehen, was für den gläubigen Moslem nicht das Problem darstellt. Ausdrücklich lobt er die Vielfalt, in der die Menschen glücklich sein sollen. Für ihn gehört dazu sein Glaube.
Doch dem Vater von vier Kindern, zwei beinahe erwachsene und zwei Teenager, macht es Sorgen, dass das gesellschaftliche Klima sich zum Negativen verändert hat, wie er findet. Die Trennung zwischen WIR und IHR, die er in seiner Kindheit nicht so erlebt habe, sei heute stärker und habe dazu geführt, dass Kinder aus der Nachbarschaft plötzlich mit den eigenen Kindern nicht mehr spielen wollten. Der Egoismus sei ausgeprägter, das Teilen geringer geworden, und das, obwohl es allen materiell besser ginge, als dies in seiner Kindheit noch der Fall gewesen sei, kritisiert er die Verhältnisse.
Dass das gesellschaftliche Klima abgekühlt sei, führt Albayrak auch auf die politische Großwetterlage zurück. Früher sei der Kommunismus das Feindbild gewesen, heute sei es der Islam, erklärt er. Aber das, was Al Qaida mache, „hat mit meinem Glauben nichts zu tun“. Und: „Ich denke, dass ich nach 40 Jahren hier integriert bin“. Er habe allerdings das Gefühl, dass es vielen nicht um Integration, sondern um Assimilation gehe. „Das will ich nicht! Ich will nicht saufen, nur weil es alle tun.“

Bitte beachten Sie, vor Ihrem Besuch die besonderen Bedingungen wegen der Pandemie zu prüfen:
www.bauernhaus-museum.de

 

Autor: Roland Reck

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