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Biberach - Nathalie Arnegger ist die Neue. Die 49-jährige Oberschwäbin, geboren in Biberach, aufgewachsen in Ravensburg, wohnhaft in Friedrichshafen beerbt Helga Reichert als Intendantin der Biberacher Filmfestspiele. Das verkündete der Vorstand des Vereins im Beisein von Oberbürgermeister Norbert Zeidler, der qua Amt zweiter Vorsitzender ist und angesichts der zahlreichen MedienvertreterInnen in der Stadthalle meinte: „So viele Journalisten kommen in Biberach nur, wenn der OB zurücktritt oder die Filmfestspiele eine neue Intendanz bekommen.“ Letzteres ist der Fall.

 

Aber wer ist Nathalie Arnegger, die der Vorstand sichtlich stolz aus dem Hut zauberte und den Oberbürgermeister „die wichtige Botschaft“ verkünden lässt, dass die nächsten Filmfestspiele vom 2. bis 7. November stattfinden werden und den ersten Vorsitzenden Tobias Meinhold schwärmen lässt: „Wir haben eine tolle Person gefunden.“
Die „tolle Person“ hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt und sich initiativ um die Intendanz beworben, als sie aus der Presse erfuhr, dass in Biberach sich Vorstand und Helga Reichert nicht auf eine weitere Zusammenarbeit einigen konnten, erzählt sie und lässt wissen: „Es ist ein Traum von mir, ein Filmfestival zu gestalten.“ Und die Biberacher Filmfestspiele kenne sie gut: „Mit meinem ersten langen Kinodokumentarfilm ‚Zwei halbe Leben sind kein Ganzes‘ hat Adrian Kutter mich 2008 nach Biberach eingeladen. Schon damals war ich gerne hier. 2018 lud er mich in die Spielfilmjury ein und ich erlebte ein inspirierendes Filmfestival.“ Und nun möchte sie „mit Leidenschaft, Mut und Entschlossenheit das Erbe von Adrian Kutter und seiner Frau Helga Reichert weitertragen“.

 

NathalieArnegger

Nathalie Arnegger ist die neue Intendantin der Biberacher Filmfestspiele.

 

Das Problem: Die Erfahrung der beiden Genannten fehlt der studierten Film- und Fernsehwirtschaftlerin gänzlich und deren „Erbe“ ist hoch kompliziert. Die Aufgabe sei „Rock ’n’ Roll“, worauf sie sich freue, sagt die Neue. Ihre ausgehändigte Biografie ist einerseits lückenhaft, man erfährt weder ihr Alter noch ihren Familienstand und auch nicht, womit sie ihr Geld verdient, anderseits führt sie Preise und Aufzeichnungen auf, deren erstgenannter, Max-Ophüls-Preis, zugleich der bekannteste ist, aber definitiv nicht ihr verliehen wurde. Die Absolventin der Filmuniversität Babelsberg in Berlin nennt den dokumentarischen Kurzfilm „Rain is falling“ als ihren Debütfilm, der tatsächlich 2004 beim Saarbrücker Filmfestival ausgezeichnet wurde, doch nicht sie, sondern der Regisseur Holger Ernst erhielt den Preis. Nathalie Arnegger sucht man vergeblich in der Filmcrew. Beim Dokumentarfilm „Zwei halbe Leben sind kein Ganzes“, der bei den Biberacher Filmfestspielen 2008 gezeigt wurde, führte ihr Mann Servet Ahmet Golbol Regie, ebenso bei der Dokumentation „Rutenkinder“ (2011) über das Ravensburger Rutenfest. Arnegger begleitete beide Filme mit der gemeinsamen Filmproduktionsfirma Impala in Berlin. Diese existiert aber nur noch als Homepage und ebenso verschwinden die cineastischen Aktivitäten von Nathalie Arnegger – bis vor kurzem als sie ihren Traumjob in Biberach entdeckte, bis dahin soll sie als Jogalehrerin tätig gewesen sein. Man möchte sie fragen, doch telefonisch findet sich kein Kontakt und per Mail wird man vertröstet.
Auch keine Auskunft erhält man, wenn man wissen möchte, ob im Vertrag mit der neuen Intendantin die Realisierung eines Online-Angebotes festgeschrieben wurde, schließlich war es dieser Punkt, der nach Meinung des Vorstands für die Zukunftsfähigkeit des Festivals so wichtig ist, dass man Reicherts Demission in Kauf nahm. Auch die Frage nach der Vertragsdauer wird nicht beantwortet. Ursprünglich sollte Helga Reichert einen Dreijahresvertrag erhalten, schlussendlich wurde ihr ein Jahresvertrag mit einem Maulkorb vorgelegt, der künstlerischen Leiterin waren darin Medienkontakte ausdrücklich untersagt. Wie lange läuft nun der Vertrag mit Arnegger? „Über Vertragsdetails möchten wir keine Auskunft erteilen“, heißt es vom Vorstand.
Eine klare Ansage hingegen: Der Vertrag mit Nathalie Arnegger stehe nicht zur Disposition, die Mitgliederversammlung am 30. März werde informiert, aber habe nicht darüber zu entscheiden. So will es die Satzung. Und wenn irgendwie möglich, will man die Personalie und ihre Vorgeschichte nicht weiter diskutieren, kritische Fragen dazu sind lästig und machen verdächtig. So appelliert der Vorstand in seiner Presseerklärung: man wünsche sich, dass „alle Filmfest-Freunde Frau Nathalie Arnegger in ihrer neuen Funktion willkommen heißen und sie bei dieser besonderen Aufgabe bestmöglich unterstützen“.

Weiter zum Interview mit Douglas Wolfsperger

 

Autor: Roland Reck

Fotos: Filmfestspiele

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