BLIX Banner1

Altdorfer Wald - Die Generalprobe fand in Ravensburg statt, wo am 12. Dezember letzten Jahres, pünktlich zum fünften Jahrestag des Pariser Klimaabkommens, eine Hand voll junger AktivistInnen aus der Fridays-for-Future-Bewegung einen Baum in der Innenstadt besetzten. Die Polizei räumte Baum und -haus noch vor Silvester. Nun zogen die KlimaaktivistInnen aus der Stadt in den Wald und verkünden, „wir appellieren nicht länger mit Demonstrationen an euer Verantwortungsbewusstsein. Ab sofort stellen wir uns eurer Zerstörungswut aktiv in den Weg. Der Altdorfer Wald bleibt.“

 

Es geht formal um elf Hektar Wald, die dem darunter liegenden Kies zum Opfer fallen sollen, so sieht es der Regionalplan vor, der noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll und dann für die nächsten 15 Jahre den wirtschaftlichen Handlungsrahmen für die Kommunen in den Kreisen Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis vorgibt. Dagegen rührt sich Widerstand, nicht erst jetzt, aber jetzt mit jugendlichem Tatendrang.

Dort, wo die Bäume fallen sollen, entstehen seit dem 25. Februar in der Nähe von Wolfegg in Oberschwabens größtem Forst abenteuerliche Baumhäuser zum Schutz des Waldes, wie das Dutzend junger AktivistInnen wissen lässt. „Wir bleiben bis die Kiesgrube verhindert ist“, erklärt Samuel Bosch, der Erste unter Gleichen. Der 18-Jährige hat bereits in Ravensburg an der Schussenstraße das Baumhaus in die Krone einer Linde gebaut und gilt als Fachmann, sein Können hat er sich in der harten Praxis im Dannenröder Forst in der Nähe von Marburg im Widerstand gegen den dortigen Autobahnbau erarbeitet. Die bis zu 1000 Protestanten im hessischen Wald scheiterten, ihre Baumhäuser wurden abgerissen, die Bäume gefällt, die lang geplante Autobahn wird weitergebaut, und Samuel Bosch kehrte mit seinem Wissen, Können und seinem Netzwerk in seine Heimat zurück. Was im „Danni“ nicht gelang, soll nun im Altdorfer Wald gelingen: den Schutz des Waldes zum Wohl des Klimas.

 

Samuel Bosch

Samuel Bosch (19) ist „Baumhaus-Baumeister“ und hat seine „Lehrzeit“ im Dannenröder Forst absolviert. Foto: Reck

 

Der Ravensburger Schüler rechnet auf jeden Fall mit baldiger Unterstützung aus allen Teilen der Republik, denn was im Altdorfer Wald passiert, erreicht dank Internet sekundenschnell die Szene nah und fern. Aber zunächst zählt die Nähe, zu der der Weiler Grund gehört, wo die Baumkletterer breite Unterstützung erfahren. Und wenn nächtens aus vorbeifahrenden Autos Drohungen in den Wald gerufen werden und mit Gewalt gedroht wird, dann seien in zehn Minuten Beschützer aus Grund zur Stelle, erzählen die „Aktivisti“, wie sie sich selbst nennen und sich mit „Waldnamen“ schmücken.

Zur Nähe zählen auch die Mitglieder des Vereins „Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald“. Die überwiegend Älteren haben mit ihrem hartnäckigen Widerstand gegen den Kiesabbau den Jungen den Weg in den Wald bereitet. Sie sind es, die mit viel Fantasie und Ausdauer das Problembewusstsein in der Region geschärft haben, was nicht nur zur Folge hat, dass die Jungen auf die Bäume klettern, sondern auch, dass viele Anrainergemeinden des Altdorfer Waldes, der von Waldburg bis nach Aulendorf reicht, sich per Gemeinderatsbeschluss gegen den Kiesabbau und für ein Landschaftsschutzgebiet aussprechen. Sie haben nicht zuletzt rund 13.000 Unterschriften gesammelt und mit zwei Petitionen den Landtag beschäftigt, was schließlich auch die Grünen aufschreckte und die beiden Landtagsabgeordneten Manne Lucha (Ravensburg) und Petra Krebs (Wangen) erst kürzlich veranlasste, ein Moratorium zu fordern, also die Planung für den Kiesabbau bei Grund auf Eis zu legen.

 

Dino

„Dino“ - ihr „Waldname“ – will demnächst auch ins Baumcamp ziehen. Foto: Reck

 

Was vermutlich nicht geschehen wird, denn über die Pläne entscheidet die Regionalversammlung, die sich aus einer Vielzahl von VertreterInnen aus den Kommunen zusammensetzt, darunter viele Bürgermeister mit einem CDU-Parteibuch. „Euer Widerstand hilft uns gewaltig“, erklärt Walter Widler aus Bad Wurzach, der für die ÖDP im Regionalverband sitzt und an diesem Tag den Baumbesetzern seine Solidarität erweist und nicht mit leeren Händen kommt, sondern eine Tüte Eßbares mitbringt. Doch daran mangelt es den Jungen nicht. Sie könnten gar nicht so viel essen, wie sie gebracht bekämen, meint „Engel“ (Waldname), 22 Jahre alt und Student in Weingarten.

Unterdessen geht das Gewerkel in dem Fichtenforst munter weiter. „Wie bei den Bienen“, erlebte es auch Bernhard Dingler. Der nicht nur Imker, sondern vor allen Dingen als Leiter des Forstbetriebs Altdorfer Wald verantwortlich ist für den Tann und somit Hausherr im Staatsforst. Er hat sich vor Ort ein Bild von dem Treiben im Wald gemacht und ist hin- und hergerissen zwischen „Respekt“ vor der „Professionalität“ der neuen Waldbewohner und Ärger über deren „Hausfriedensbruch“, auch weil er sich gezwungen sieht, „es zu dulden“, weil die Versammlungsfreiheit ein hochrangiges Grundrecht sei, erklärt Dingler. Der Wald ist dem Forstmann nur relativ wichtig, gegen den Kiesabbau würde er nie opponieren und erkennt auch „keine höhere Schutzwürdigkeit“, wie sie die Naturschützer für den Altdorfer Wald reklamieren. Stattdessen verweist er auf 300 Hektar, die unter Naturschutz bereits vor forstlicher Nutzung sicher sind im Altdorfer Wald, der insgesamt rund 10.000 Hektar umfasst. Warum also „so eine Kirbe“ wegen elf Hektar, fragt sich der Betriebsleiter.

 

Prof. Ertel von den Scientists for Future

Prof. Ertel ist KI-Forscher an der Hochschule RV-Weingarten und engagiert sich bei „Scientists for Future“, hier bei einer Kundgebung vor der Geschäftsstelle des Regionalverbandes in Ravensburg. Foto: Baumcamp

 

Sein früherer Lehrmeister ist da ganz anderer Ansicht. Gerhard Maluck war Forstamtsleiter in Bad Waldsee und hat als solcher den Schenkenwald vor der B30 gerettet. In Dienstuniform protestierte er gegen die Trassenführung und setzte sich unterstützt vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) höchstrichterlich durch. Das ist längst Vergangenheit, aber der Pensionär ist als Biberbeauftragter und für den BUND weiterhin aktiv, so auch im Verein „Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald“, denn für Maluck ist klar: „Forstleute sind in aller erster Linie zum Schutz des Waldes da.“ Und ebenso klar ist für ihn: „Wenn da mal ein Loch ist, dann wird es immer größer.“ Deshalb lobt er „die Mädchen und Burschen auf den Bäumen“, die nach seinem Augenschein bemüht seien, „keine Schäden zu machen“.
Zur Nähe zählen auch – nicht zu vergessen – die Eltern, die sich bei „Parents for Future“ engagieren, um ihre Kinder bei deren Kampf für eine lebenswerte Zukunft zu unterstützen. Und dazu zählen auch die WissenschaftlerInnen, die sich als „Scientists for Future“ ebenfalls dem Pariser Klimaabkommen mit dem 1,5-Grad-Ziel verpflichtet sehen und mit ihrer Expertise den Kids den Rücken stärken.

Das bekam auch Wilfried Franke zu spüren. Kurz vor seiner Rente steht der Direktor des Regionalverbandes Bodensee-Oberschwaben mächtig unter Druck. Die Zahl der Widersacher wächst wie Frühlingsgras, darunter auch die „Scientists for Future“, die in ihrem Gutachten darlegen, dass Franke und seine Mitstreiter mit Fortschreibungen der Zahlen aus der Vergangenheit nichts weiter tun als „weiter so“, womit der Regionalverband die Klimakrise befeuere statt ihr entgegenzuwirken. Entnervt stellt der Verbandschef fest: „Seit sechs Jahren diskutieren wir den Regionalplan. Ich frage mich, wo waren die ‚Scientists for Future‘ all die Jahre“, zitiert ihn die Schwäbische. Dabei übersieht der Zornige, dass die „Scientists for Future“ noch eine ganz junge Initiative ist. Die Rentnerin und hoch engagierte Waldschützerin Gertrud Kording urteilt über Franke: „Der Mann ist sehr fleißig, aber seine Zeit ist ummmm!“

„Dino“ (Waldname) ist 19 Jahre jung und hat ihr Abitur bereits in der Tasche. Die zierliche Frau übt sich im Bäumeklettern, sie will in Kürze die Baumbesetzer für zwei Wochen unterstützen und dann mit „ausreichend frischer Unterwäsche und einem guten Buch“ in einem Baumhaus übernachten. Ihr Motiv sei „eine Mischung aus Angst und Hoffnung“. Sie fürchtet, die Welt könnte bereits „irreversibel kaputt“ sein, und dennoch hält „Dino“ es nicht für vertane Zeit, um ein kleines Stück Wald zu kämpfen. „Hauptsache ist, dass ich was mache.“ 

 

Autor: Roland Reck

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

­