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Wahlkreis Biberach - Zum guten Schluss steht die grün-gelbe Koalition zwischen Robert Wiest und Florian Hirt. Beide kannten sich vorher nicht, aber die gemeinsame Profession führte sie zusammen. Beide studieren Forstwirtschaft und beide haben politische Ambitionen. Ein Gespräch im Wald mit Blick auf die Politik und den Weg dorthin.

 

Robert Wiest hat die Nase vorn. Der 27-Jährige ist im Wahlkreis Biberach grüner Kandidat für den Landtag, der am 14. März gewählt wird. Ein halbes Jahr später tritt Florian Hirt für die FDP ebenfalls im Biberacher Wahlkreis bei der Bundestagswahl an. Mit 21 Jahren ist er dafür außergewöhnlich jung.
Es ist das ähnliche Alter, das gemeinsame Interesse an Wald und Natur und die unterschiedliche politische Heimat der Kandidaten, die neugierig machen. Warum und wozu wollen sie in die laute Politik, wenn sie sich den ruhigen Wald als späteren Berufsort vorstellen können? Was motiviert sie, Wahlkampf zu machen, anstatt die Natur zu genießen. Das ist kein Widerspruch, sondern Teil ihrer Motivation, stellt sich heraus.
Der Ort des Gesprächs ist eine Waldhütte im Umlachtal, wo sich auch Biber wieder wohlfühlen. Es ist Wochenende, die zwei Kandidaten haben Zeit mitgebracht, und ich den Kaffee und das Laugengebäck. Beide erscheinen im waldaffinen grün-braunen Outfit. Es liegt Frühling in der Luft, das Gespräch findet im Freien statt. Die journalistische Neugier, die mich treibt, ist das Interesse am anderen Blick. Wie sieht ein 40 Jahre Jüngerer die Welt und ihre Probleme? Soviel vorab: Ich bin tief besorgt und werde in den nächsten zwei Stunden aufgemuntert vom Elan meiner jungen Gesprächspartner.

 

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Robert Wiest (links) und Florian Hirt studieren Forstwirtschaft und kandidieren für ein Abgeordnetenmandat. Wiest will für die Grünen in den Landtag, Hirt für die FDP in den Bundestag. Fotos: Andrea Reck

 

Es ist nicht Empörung und erst recht nicht Wut, noch nicht einmal Enttäuschung, aber auf jeden Fall Problembewusstsein, was sie antreibt. Ich frage mich, woher nehmen sie die Gelassenheit, schließlich ist es ihre Elterngeneration, zu der ich gehöre, die ihnen das eingebrockt hat, über das sie abgeklärt sprechen. „Jeder lebt in seiner Zeit und jede Zeit hat seine eigene Herausforderung“, tröstet mich Robert Wiest. Es sind keine Problemleugner, sondern Problemkenner, die sich vorgenommen haben, zur Lösung beizutragen. Weder das Virus, noch die Klimakrise wird missachtet, aber von Schockstarre keine Spur.
Robert Wiest betont seine Wurzeln im Bauernhof seiner Großeltern, den es nicht mehr gibt. Den Strukturwandel mit all seinen negativen Folgen für die Naturlandschaft schiebt er der CDU, „der einstigen Baden-Württemberg-Partei“, in die Schuhe. Und als mit Kretschmann ein bodenständiger Grüner übernahm, war die Zeit reif, um Mitglied bei den Grünen zu werden. Das war 2012. Es folgte ein duales Studium „International Business“ und einige Jahre im Vertrieb und Projektmanagement eines großen Biberacher Industrieunternehmens. „Nur wer Mut hat zur Veränderung, kann auch bewahren“, behauptet der Erlenmooser und „diesen Mut habe ich mit dem Wechsel zum Studium Forstingenieurwesen bewiesen“. Er ist ein Land-Grüner wie aus dem Bilderbuch: engagiert in der Musikkapelle und als Vorsitzender des Gartenbauvereins kümmert er sich um die Streuobstwiesen, dazu hat er sich zum Fachwart ausbilden lassen, und als NABU-Mitglied kümmert er sich auch um das Wohlergehen der Vögel. „Denn der Verlust der natürlichen Artenvielfalt ist neben dem Klimawandel unsere größte Herausforderung“, erklärt Wiest und sieht sich als Repräsentant des Landes, das „Ökologie und Ökonomie verbinde“, heißt es in seinem Wahlprospekt.

 

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Öffentlichkeitsarbeit einst: Das Schild schmückt die Waldhütte. Foto: Roland Reck

 

Dem kann auch Florian Hirt zustimmen, der sein Studium wegen seiner Fächervielfalt schätzt und nicht müde wird, die „zielführende“ Verbindung von Ökonomie und Ökologie zu betonen und sich lediglich in der Methodik von Wiest abgrenzt, indem er sich der üblichen Verdächtigung bedient und den grünen Verboten die liberale Überzeugung gegenüberstellt. Der junge Kandidat übt sich im FDP-Jargon, den Liberalen trat er erst im Sommer letzten Jahres bei und wurde gleich aufs Schild für die Bundestagswahl gehoben. „Das hat für mich nicht ganz zusammengepasst“, räumt er ein, aber „ich sehe es als Herausforderung und Chance und möchte es besser machen“, räumt er Zweifel aus. Stolz und etwas holperig heißt es auf der FDP-Homepage: „Vor dem Hintergrund der Klimadebatte ist ein Forstwirt und im Lichte der Future-for-you-Bewegung ein 21-jähriger das richtige Signal.“
„Das richtige Signal“ für was oder wen? Pandemie und Klimakrise seien „eine Zeitenwende“, aber keine Katastrophe, der man nicht Herr werden könnte, beurteilt Hirt die Verhältnisse. Der Grüne sieht es nicht so gelassen: „Fünf bis zehn Jahre, mehr Zeit bleibt nicht.“ Damit ist Wiest näher bei den protestierenden SchülerInnen von Fridays for Future als sein jüngerer Kollege, aber in der Konsequenz entfernt er sich wieder von ihnen, denn sein politisches Vorbild ist Winfried Kretschmann, dessen Maß-und-Mitte-Politik den Klima-Kids keinesfalls genügt. Dass Kretschmanns Credo vom richtigen Maß und der Mitte vom CDU-Amtsvorgänger Erwin Teufel stammt, irritiert Wiest nicht.
Die Grenzen sind fließend, auch zwischen den beiden Kandidaten, so stellt Florian Hirt plötzlich fest: „Es geht nicht auf Dauer weiter mit dem Wachstum.“ Da ist die Warnung vor „der Überschuldung“ als „großes Problem für die Jungen“ schon eher Parteilinie. Seine Suche nach Antworten auf die Frage, „wie sollen wir Handeln“, mäandert wie die nahe Umlach, die sich durch das kleine Naturschutzgebiet schlängelt. Was seinem grünen Kollegen „Maß und Mitte“, ist bei ihm „vernünftig und zielführend“. „Zielführend“ ist eine Lieblingsvokabel des Arztsohnes. Und dass „die Vernunft“ bei den Liberalen zu Hause ist, steht für den Biberacher außer Frage. Und ausgestattet mit derselben, sieht Hirt sich auf dem richtigen Weg, der da wäre: „wirtschaften aber ökologisch“.
Damit wären wir bei der Forstwirtschaft, der Wiege der Nachhaltigkeit und dem Metier der beiden Forststudenten. Die natürlich wissen, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit aus der Not geboren wurde, weil auch schon vor mehr als 300 Jahren Raubbau getrieben wurde, der Wald verwüstet war und Holzmangel herrschte. Dabei ist es so einfach: Nutze nur so viel wie nachwächst. Das Prinzip ist simpel, aber die Praxis umso diffiziler.
Während Robert Wiest, der gerade dabei ist, die Jägerprüfung zu absolvieren, den Wald stärker schützen möchte, indem zehn Prozent, statt der von der EU geforderten zwei Prozent des Waldes nur Natur sein darf ohne Forstwirtschaft, legt Florian Hirt Wert darauf, dass die Nutzung den Erhalt und Schutz des Waldes finanziert. Er sieht in einer positiven Bilanz die Nachhaltigkeit, während Wiest den Wald nicht als Betriebswirtschaftler betrachtet. Es sei denn, es geht um den Kiesabbau im Herrschaftsholz in der Gemeinde Maselheim, wo der Nachwuchsgrüne dem altgedienten grünen Bürgermeister Elmar Braun beispringt, der mit Verweis auf der Schwaben liebste Tätigkeit „Heisla baua“ der Rodung von 45 Hektar Wald zuspricht, um an das Kies zu kommen für unseren Wohlstand, wie der Bürgermeister seinen Kritikern genüsslich unter die Nase reibt. Es klingt nicht tröstlich, wenn Robert Wiest das Dilemma historisiert: „Der Mensch hat noch nie nachhaltig gelebt.“
Dem widerspricht auch Florian Hirt nicht. Der sein Studium als Auftrag sieht, den Wald so gut es geht zu nutzen und ihn nicht zuerst und ausschließlich als CO2-Speicher zu sehen. Er beschreibt fachkundig die Schäden, die der Klimawandel dem Wald antut, und die Suche der Förster nach Rezepten, sprich nach Bäumen, die dem Klimawandel standhalten, dabei müssen sie die Entwicklung vorwegnehmen und viele der heimischen Baumarten fallen aus. Hirt: „Wir haben ein Problem: Die Bäume gehen uns aus.“
Und wie gehen die Wahlen aus? Das klingt vor dem Hintergrund der Gesamtschau fast schon wie Pipifax, ist es aber nicht. Weil „jeder kann was tun“, sagt Robert Wiest, dem sein liberaler Gesprächspartner zubilligt: „Deine Chancen sind wirklich nicht schlecht.“ Wohingegen er sich mit seinem Listenplatz (29) keine Chancen bei der Bundestagswahl ausrechnen kann. Was ihn nicht betrübt, denn seine berufliche Zukunft sieht er nicht im stillen Wald, sondern auf turbulenterer Ebene. „Ich brauch‘ den Stress.“ Und der ist in der Politik sicher. So bleibt abzuwarten, ob die beiden Waldler sich zukünftig auch auf politischer Bühne begegnen. Sowohl für Stuttgart als auch in Berlin könnten die Oberschwaben sich eine grün-gelbe Koalition vorstellen. Schau’n wir mal, was die WählerInnen dazu meinen.

 

Autor: Roland Reck

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