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Biberach - Die guten Nachrichten waren rar im letzten Jahr. Dass die Biberacher Filmfestspiele trotz aller Corona-Einschränkungen im Herbst letzten Jahres erfolgreich stattfanden, war eine solche. Die Intendantin Helga Reichert wollte dieses kulturelle Lebenszeichen unbedingt – für den Film und sein Publikum. Es war das zweite Jahr, dass die 47-Jährige das Biberacher Kulturhighlight, das von ihrem Mann Adrian Kutter vor 42 Jahren gegründet wurde und wofür er ebenfalls im Herbst letzten Jahres die Ehrenbürgerschaft verliehen bekam, als Intendantin verantwortete. Die Nachfolge schien geglückt. Weit gefehlt!

 

Die Juristin und Schauspielerin ist raus, ihr Vertrag endete am 31. Dezember 2020. Statt einer inhaltlich gleichlautenden Verlängerung, der Reichert ohne weitere Diskussion zugestimmt hätte, legte ihr der Verein Biberacher Filmfestspiele als Veranstalter des Filmfestivals einen Vertrag vor, den Reichert schlussendlich ablehnte. Die Neufassung des Werkvertrags durch den Vorstand weicht tatsächlich in wesentlichen Punkten von ihrem bisherigen Zwei-Jahres-Vertrag ab. Das zeigt sich schon allein darin, dass der Vorstand entgegen der Vorgabe der letztjährigen Mitgliederversammlung der Intendantin statt eines Drei-Jahres- nur einen Jahresvertrag anbot.
Inhaltlicher Knackpunkt, an dem sich die Geister schieden, ist laut Erklärung des Vereinsvorstandes „die Entwicklung eines begleitenden ‚Video on Demand‘ Programmes“, das zwingend für mindestens zwei Filmpreiskategorien im Vertrag vorgeschrieben ist. Der Vorsitzende des Vereins Tobias Meinhold sieht laut Schwäbische Zeitung, die Notwendigkeit in den Online-Bereich „reinzuschnuppern“. Dagegen wehrt sich auch Reichert nicht, sieht aber einen wesentlichen Unterschied zwischen „reinschnuppern“ und vertraglicher Fixierung. Sie pocht auf den Markenkern des Festivals, das als Publikumsfestival einzigartig und für dessen Weiterentwicklung wesentlich sei.
Sind es also konzeptionelle Meinungsverschiedenheiten, die zur Scheidung der Vertragspartner führten? Das könnte man meinen, wenn man der Erklärung des Vorstandes folgt. Doch in dessen Vertragsentwurf gibt es viele weitere Abweichungen von der bisherigen Arbeitsgrundlage, die insgesamt von Misstrauen und Kontrolle geprägt sind. So verlangt der Vorstand Mitsprache bei der Filmauswahl, was Reichert als Eingriff in ihre künstlerische Freiheit vehement ablehnt, und umgekehrt untersagt der Vorstand der künstlerischen Leitung jeglichen Medienkontakt. Selbst der Zugang zur Geschäftsstelle wird der Intendantin vertraglich im Detail vorgeschrieben und ohne Begleitung durch ein Vorstandsmitglied auf drei Monate beschränkt. In der Presseerklärung des Vorstandes heißt es dazu: „Auch in Fragen der internen Organisation und Leitung der Filmfestspiele kam es zu unterschiedlichen Auffassungen beider Parteien.“

Diese unterschiedlichen Auffassungen finden sich auch in roten Schuhen wieder, über die BLIX mit Nobert Zeidler sprach. Die Stadt Biberacher ist wichtigster Financier des kulturellen Leuchtturms und der Oberbürgermeister somit qua Amt Zweiter Vorsitzender des Vereins, wobei er sich in der Regel vom Kulturamtsleiter vertreten lässt, aber in dieser Situation versuchte er als Moderator, die Vertragsverhandlungen zu einem guten Ende zu bringen. Vergeblich. Und während Helga Reichert sich „einen Reset“, einen Neustart, wünscht, lautet Zeidlers Quintessenz: Die Vereinsmitglieder haben nun „das finale Machtwort“ zur Zukunft der Biberacher Filmfestspiele zu sprechen – und „grundsätzlich“ trägt er keine roten Schuhe, wie er im Interview mit BLIX (siehe unten) zu verstehen gab.

 

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Quo vadis, Biberacher Filmfestspiele? (v.l. Tobias Meinhold, OB Norbert Zeidler, Helga Reichert)

 

„Das finale Machtwort überlasse ich den Mitgliedern“

 

Herr Zeidler, Sie sind 2. Vorsitzender des Vereins für die Biberacher Filmfestspiele und vertreten als solches auch die Stadt als Hauptsponsor der Filmfestspiele. Nun waren Sie als Moderator im Streit zwischen Vereinsvorstand und Intendanz gefragt und engagiert – und sind gescheitert. Warum?

Ich habe mich als Moderator angeboten in der Hoffnung, einen für beide Seiten gangbaren Kompromiss finden zu können. Es war insbesondere mit Blick auf das ergänzende Angebot eines Video-on-Demand-Programmes nicht möglich, eine Einigung zu erzielen, weswegen es zu keinem Vertragsabschluss zwischen dem Verein und der seitherigen Intendantin Frau Reichert kam. Ich bedauere dies sehr, muss es aber gleichwohl akzeptieren.

 

Stand heute gibt es keine weitere Zusammenarbeit mit der bisherigen Intendantin Helga Reichert. Warum?

Was immer wieder vergessen wird: Die Intendanz ist Beschäftige/r des Vereins. Frau Reichert hat sich dazu entschlossen, den ihr vom Verein angebotenen neuen Werkvertrag nicht zu unterzeichnen. Damit endete ihr Engagement als Intendantin der Filmfestspiele vertragsgemäß zum 31. Dezember 2020.

 

Die überragende Bedeutung der Filmfestspiele für Biberach hat die Stadt und der Gemeinderat mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Adrian Kutter im letzten Jahr gewürdigt. Die Nachfolge in der Intendanz durch seine Frau Helga Reichert schien geglückt. Das wurde vom Vorstand allenthalben auch so kommuniziert. Und nun das Desaster: Wer spielte dabei mit falschen Karten?

Mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Adrian Kutter hat die Stadt Biberach das Lebenswerk von Adrian Kutter geehrt. Das war richtig und wichtig. Sie stand jedoch in keinerlei kausalem Zusammenhang zur Frage seiner Nachfolge.

 

Unstrittig dürfte sein, dass die Filmfestspiele 2019, die ersten die Frau Reichert als Intendantin verantwortete, ein voller Erfolg waren. Premiere geglückt und der folgte durch Corona 2020 gleich die noch viel schwierigere Premiere: ein Publikumsfestival durchzuführen unter Virusschutzbedingungen. Auch diese Herausforderung wurde gemeistert und nun wird der Hauptverantwortlichen, Frau Reichert, mit vertraglichen Vorgaben die Weiterarbeit unmöglich gemacht. Das sieht nach einem Schildbürgerstreich aus?

In der Tat bin ich Frau Reichert für die von ihr geleistete Arbeit in den vergangenen beiden Jahren sehr dankbar. Ihre Einschätzung, die Weiterarbeit sei ihr durch vertragliche Vorgaben unmöglich gemacht worden, teile ich explizit nicht.

 

Wäre an dieser Stelle, nach misslungener Moderation, nicht ein Machtwort des OB von Nöten gewesen, um Schaden von der Stadt abzuwenden?

Ausrichter der Filmfestspiele ist der Verein Biberacher Filmfestspiele e.V., in dem die Stadt Mitglied und im Vorstand vertreten ist. Wir haben dort keine Sonderrolle oder so etwas wie ein Vetorecht. Das finale Machtwort wollte ich im Übrigen den Mitgliedern des Vereins überlassen: Mein Vorschlag, der so in den Vertragsentwurf übernommen wurde, sah vor, dass die finale Entscheidung über die strittige Frage eines begleitenden Video-on-Demand-Angebotes durch die Mitgliederversammlung getroffen werden sollte.

 

Die letzte Mitgliederversammlung des Vereins sah vor, Frau Reichert statt wie bisher einen Zwei- einen Dreijahresvertrag zu geben. Nun wurde ihr zum schlechten Schluss einen Einjahresvertrag unterbreitet mit vielen Einschränkungen Ihrer Freiheit als Intendantin. Das sieht nach einem Abwehrangebot aus, damit der Vorstand sich die Hände in Unschuld waschen kann?

Mein Eindruck im Rahmen der Moderation war nicht, dass der Vertrag an der Laufzeit gescheitert ist, sondern am Wunsch des Vereinsvorstandes, begleitend zum gewohnten Präsenzprogramm den Versuch zu unternehmen, ein Online-Angebot zu machen – vorausgesetzt, die Mitgliederversammlung hätte diesem Vorgehen zugestimmt.

 

Frau Reichert hatte nach eigenem Bekunden keine weitergehenden Forderungen, sondern wäre mit einer Fortschreibung ihres bestehenden Werkvertrages einverstanden gewesen. Das wäre doch nach dem schwierigen Coronajahr von großem Vorteil gewesen?

Der Abschluss eines Vertrages setzt voraus, dass bzgl. des Vertragsinhaltes Einigkeit zwischen den Vertragspartnern besteht. Dem war im gegenständlichen Fall leider nicht so.

 

Ist aufgrund des unprofessionellen Vereinshickhacks nicht zu fürchten, dass wichtige Sponsoren abspringen und damit das Fortbestehen der Filmfestspiele in Frage gestellt ist? Was nicht nur ein immenser Imageschaden für die Stadt, sondern insbesondere nach der Coronakrise auch ein wirtschaftlicher Schaden für den Einzelhandel darstellen würde, siehe ‚Verkaufsoffener Sonntag‘?

Auf solche Spekulationen möchte ich mich nicht einlassen. Ihre Bewertung, bei den Vorgängen der vergangenen Wochen handle es sich um ‚unprofessionelles Vereinshickhack‘ teile ich ausdrücklich nicht. Hier wird mit viel Engagement und Herzblut ehrenamtlich gearbeitet, um Jahr für Jahr Biberacher Filmfestspiele zu ermöglichen.

 

Dass im Verein ‚unprofessionell‘ gehandelt wird, legen rote Schuhe nahe, die jedem Vorstandsmitglied im vergangenen Jahr offensichtlich von einem örtlichen Hersteller kostenfrei als Festivaloutfit zur Verfügung gestellt wurden. Der Preis je Paar beläuft sich auf rund 200 Euro. Vorstandsmitglieder posieren als Werbeträger für einen Laufschuhhersteller, der dafür auf allen Festival-Plattformen als Sponsor erscheint. Können Sie den Vorgang bestätigen, haben Sie selbst ‚rote Schuhe‘ angeboten bekommen und auch getragen? Wie bewerten Sie ein solches Vorgehen?

Sämtliche Verträge mit Sponsoren wurden vom Vorstand des Vereins einvernehmlich besprochen und bewilligt. Es steht dem Vereinsvorstand frei, derlei Verträge mit Sponsoren zu schließen, insbesondere auch, um die Finanzierung der Filmfestspiele gewährleisten zu können. Im vorliegenden Fall wurde einem jungen, innovativen Unternehmen die Chance geboten, auf sich aufmerksam zu machen. Ich halte das nicht für verwerflich. Rote Schuhe werden von mir grundsätzlich nicht getragen – sie wurden mir (wahrscheinlich deshalb) auch nicht angeboten.

 

In der Filmbranche herrscht Erstaunen, wenn nicht gar Entsetzen über die Vorgänge in Biberach, und in Biberach kann man in der Tageszeitung die Forderung nachlesen, nicht die Intendanz auszutauschen, sondern den Vereinsvorstand. Wie wollen Sie darauf reagieren?

Mir ist bislang keine entsprechende Rückmeldung aus der Filmbranche zugegangen oder bekannt. Leserbriefe in Tageszeitungen geben die Meinung des jeweiligen Verfassers wieder, sind aber in aller Regel nicht Grundlage meiner eigenen Meinungsbildung. Im Übrigen ist es unsererseits nicht üblich, derartige Fragestellungen über die Presse zu bearbeiten.

 

Welche befriedigende Lösung der verfahrenen Situation können Sie sich vorstellen? Frau Reichert wünscht sich einen ‚Reset‘, einen Neustart, und wäre nach wie vor bereit, die Intendanz fortzuführen, wie sie BLIX gegenüber versicherte. Würden Sie sich dafür einsetzen?

Ich hatte mich in den gemeinsamen Gesprächen dafür eingesetzt, dass Frau Reichert weiterhin die Intendanz übernimmt. Leider konnte dies nicht erreicht werden. Dem Verein Biberacher Filmfestspiele e.V. als Veranstalter der Filmfestspiele fällt nun die Aufgabe zu, eine künstlerische Leitung für die Filmfestspiele zu finden.

 

kliebhan samstag 21 DBZ

Oooh, sooo schöne Schuhe! (v.l. Vorsitzender Tobias Meinhold und Reinhard Brockof, Schriftführer)

 

Zitate von facebook Biberacher Filmfestspiele:
https://www.facebook.com/biberacherfilmfestspiele/

 

Cathrin Ehrlich, Leiterin Fernsehfilm Festival Baden Baden und Deutsches Fernsehkrimi-Festival
„Wie kann man so eine kompetente, kluge, wundervolle Frau wie Helga ziehen lassen? Ich bin fassungslos.“

Felix NJ Hassenfratz, Regisseur & Drehbuchautor
„Ob Biberach nach dieser Entscheidung noch das ‚Familientreffen der deutschen Filmemacher‘ bleiben wird? (…) Ich wünsche mir, genau wie viele, viele Filmschaffende, dass ihr eure Entscheidung überdenkt.“

Erik Borner, Schauspieler und Regisseur
„Unfassbar und sprachlos. (…) Der Vorstand sollte keinesfalls unterschätzen, dass ein Biberacher Filmfestival ganz ohne Helga Reichert und Adrian Kutter, im Grunde keinen wirklichen Anklang mehr finden wird. Denn ohne Seele - kein Film.“

Christian Schiesser, Schauspieler 
„Ich verstehe es einfach nicht, ich bin fassungslos. (…) Es geht nicht um persönliche Egos, sondern um Kunst und Film, und die Menschen die Film verstehen. Mahlzeit…. eine Laienbühne übernimmt das Staatstheater.“

Katharina Fiedler, Filmeditorin
„Das ist aber sehr schade! Helga Reichert hat ihren Job in diesen 2 Jahren so toll, persönlich und sympathisch gemacht.“

Holger Bergmann, Filmproduzent
„Das ist wirklich traurig, dass so ein etabliertes Festival es nicht schafft, die internen Differenzen zu überwinden. (…) Vielleicht sollte man überlegen den Vorstand auszutauschen nicht die Intendanz.“

Ferdinand Ascher, Schauspieler
„Die Filmfestspiele in Biberach leben von ihrem Livepublikum, was ich als neugierig, kritisch, voller Begeisterung und einfach wundervoll erleben durfte. (…) Das ist der Lebenshauch des Films und kann sich online niemals entfalten. Ich habe selten Kino so lebendig erlebt wie in den Tagen des Festivals.“

 

Autor: Roland Reck

Fotos: Georg Kliebhan

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