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Ravensburg - Am 12. Dezember hatte eine Gruppe junger Klimaaktivisten im Grüngürtel um die Altstadt einen Baum besetzt, an der viel befahrenen Schussenstraße. Auf Transparenten mahnten sie die weltweite Reduktion des Klimas um 1,5 Grad an, global die Abkehr vom herrschenden Wirtschaftssystem, „change the system not the climate“, und lokal endlich handeln statt reden.

Nichts, sagten sie, sei von den im Gemeinderat beschlossenen Klimazielen umgesetzt worden. Weder der OB Dr Daniel Rapp noch Simon Blümcke, der 1.Bürgermeister, suchten das Gespräch mit den jungen Leuten. In der Nacht zum 30. Dezember wurde, bewusst nach Beginn der Ausgangssperre, eine ordnungspolitische Groteske inszeniert.
60 Bereitschaftspolizisten aus Göppingen, ein Sondereinsatz-Kommando mit 14 Fahrzeugen, drei Fahrzeugen der Freiwilligen Feuerwehr räumten den Baum in gleißendem Scheinwerferlicht. Oben befand sich ein (!) Jugendlicher, der 17jährige Samuel Bosch. Unten machte sich der 61 jährige Professor Dr. Wolfgang Ertel von der FH Weingarten mit Kletterseilen bereit, im Baumhaus eine Nacht zu verbringen. Dafür der Großeinsatz staatlicher Gewalt, für einen vermutlich sechsstelligen Betrag, der, so wird es im Räumungsbescheid (Sofortkosten 150 Euro) angedroht, dem minderjährigen Samuel Bosch und somit dessen Eltern in Rechnung gestellt werden dürfte. Ferner werden auf sieben eng beschriebenen Seiten, in sprachlichem Beton und ordnungspolitischer Besessenheit, ein Exempel zu statuieren, im Räumungsbe-scheid (der dem Autor vorliegt) Verstöße und strafrechtliche Vergehen konstruiert, die einen das Fürchten lehren vor solchen Bürokraten und der sie absichernden Verwaltung.

 

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Der Ort des Geschehens an der vielbefahrenen Schussenstraße.

 

Am Morgen des 30. Dezember dann aber eine stark besuchte Pressekonferenz vor dem geräumten Baum mit Vertretern regio-naler Umweltorganisationen. „Wir brauchen die jungen Menschen in den Bäumen“, sagte Manfred Walser von den Scientists for Future (S4F) und Regionalplaner. Er analysierte den Regionalplan Bodensee-Oberschwaben bis 2035. Das Ergebnis, das auch Barbara Herzig vom BUND bestätigte: keine verdichteten Wohnformen, sondern weiterhin Zersiedlung, keine interkommunale Planung für Handwerk, Handel, Arbeit, sondern jeder mit seinem Supermarkt, seiner Industrie-ansiedlung. „Wir rennen wie die Lemminge auf den Abgrund zu. Jahrzehntelange Appelle, die Böden als Lebensraum, als Speicher zu erhalten, haben nichts genutzt. Nur die Jugend klettert auf die Bäume“, meint Barbara Herzig vom BUND, und Manfred Walser ergänzt: „Die Flächen, die im neuen Regionalplan zur Bebauung ausgewiesen sind, speichern zur Zeit eine knappe halbe Million Tonnen C02.Es zeigt, dass in den Köpfen der Mehrheit unserer Bürgermeister, Landräte und Lokalpolitiker das wirtschaftliche Wachstum noch immer das zentrale Leitbild ist. Und dass sie über Lippenbekenntnisse nicht hinauskommen.“ Das gilt auch für den Altdorfer Wald, Wasserspeicher, Naturschutzgebiet mit einzigartiger Artenvielfalt. Doch nur fünf Prozent sind geschützt. Er soll als Ganzes erhalten bleiben, „doch Tausende von LKWs transportieren Kies nach Österreich und in die Schweiz. Vom Landrat gibt es nach eineinhalb Jahren noch immer keine Reaktion“, klagt Alex Knor vom Verein „Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald.“ Und der grüne Ministerpräsident Kretschmann habe sich bislang auch nicht gegen den Kiesabbau ausgesprochen.
„Wir waren“, sagt Melanie von fridays for future, „in die Ravensburger Klimakommission eingeladen. Aber wir wurden nicht gehört. Was eine Blamage für den Klimaschutz in dieser Stadt ist“. Auch Professor Wolfgang Ertel von den S4F war Mitglied. Es gehe um die Zukunft dieses Planeten, in vielen Bereichen sei man am „point of no return“: unumkehrbar. „Es hat nichts genutzt, dass wir als Wissenschaftler 50 Jahre die Fakten verkündeten. Wenn wir nicht sofort handeln, wird es zu Aufständen kommen, werden wir Hunderte Millionen Flüchtlinge haben. Die Lösung heißt Gemeinwohl.“ So wichtig er die Aktionen der Jugendlichen findet, ist es doch für ihn auch ein positives Zeichen, dass der Ravensburger Gemeinderat einstimmig einem lokalen Klimaplan zugestimmt hat. Aber: „Man schickt das Ordnungsamt, nicht den Oberbürgermeister. Paragraphen statt Diskurs. Die Politik hat Angst, unbequem zu werden.“ Dennoch plädiert er dafür, die zu unterstützen, „die von innen was verändern wollen. Kein Krieg zwischen Aktivisten und Stadt.“
„Small is beautiful“, „Das Kleine ist großartig“, schrieb 1973 der vor den Nazis nach England emigrierte Ökonom Ernst Friedrich Schumacher im ersten Klassiker zu Nachhal-tigkeit. Dies gilt auch für ein Megaprojekt, das in Ostrach im Landkreis Sigmaringen geplant ist, ein 1000-Kühe-Stall, gegen den sich mittelständische Bauern und der BUND wehren. Den Widerstand dagegen vertrat beim Pressegespräch am geräumten Baum die Heumilchbäuerin Petra Müller: dieser Hof, am Rande des Wasserschutzgebietes Pfrungener Ried gelegen, sei mit einem jähr lichen Wasserverbrauch von etwa 27 Mio Litern, Raubbau. Der Bedarf an etwa 20 Mio Kilo Futter pro Jahr werde nennenswert ge- deckt mit Soja, wofür der Amazonas abge- brannt werde. „Die Massentierhaltung vernichtet die kleinen Höfe in der Umgebung.“ (2000 - 2019 gingen in Deutschland 50 Prozent der Milchviehbetriebe ein.) Von 1000 Kälbern im Jahr würden 700 „verramscht“ und die Milch brauche niemand, angesichts der EU-weiten, hoch subventionierten Überschüsse von über 200.000 Tonnen. Petra Müller: „Die werden zu Milchpulver verarbeitet und nach Afrika exportiert, wo es Kleinbauern und Händler in den Ruin treibt.“
Dies alles, so das Fazit des Pressege-sprächs, sind aktuelle regionale Umwelt-Themen, die mit dem Protest der Baumbe- setzer und der Proteste lokaler fridays-for-future Aktivisten zusammenhängen.
Und die Jugend macht weiterhin Druck: Schon einen Tag nach der Räumung war im Grüngürtel ein anderer Baum besetzt. Provisorisch und symbolisch. Es wurde bis 11. Januar ein Stillhalteabkommen zwischen den jugendlichen Aktivisten, der Stadtverwaltung und dem Polizeipräsidium vereinbart. Dann soll ein Gespräch mit dem OB Daniel Rapp stattfinden.

 

Text und Fotos: Wolfram Frommlet

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