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Biberach - Jetzt hat es uns erwischt – vor der eigenen Haustür. Nicht irgendwo, nein, im Biberacher Schlachthaus haben Tierschützer üble Tierquälereien dokumentiert. Das Verfahren läuft. Also besser abwarten, Maul halten und hoffen, dass sich alles irgendwie wieder einrenkt. Bloß nicht nachdenken, was hat das mit mir zu tun. Es könnte mir ja den Appetit auf das nächste saftige Steak oder Mutters Schweinebraten verderben.

Okay, ich hab' zum Töten von Tieren einen archaischen Zugang: Ich bin Jäger und hab' schon viele Tiere getötet, sehr viel mehr als ich essen konnte. Meist waren es Rehe, die dann verkauft wurden, besonders nachgefragt an Weihnachten als Festtagsbraten. Da kann man sich doch freuen, alles ganz natürlich.
Ja, und ich hab' Tiere auch schon leiden sehen. Dann, wenn ich nicht gut genug gezielt und schlecht geschossen habe. Das ist bitter, aber es kommt vor. Als junger Jäger bin ich darüber hinweggegangen, im Alter macht mir das sehr viel mehr zu schaffen. Ich leide mit. So auch, wenn ich Bilder sehe von aus Angst weit aufgerissenen Kuhaugen und am Haken zappelnden Schweinen. Ich sehe die Tiere in einer ihnen fremden Welt verenden: Industrie statt Natur.
In meiner Betroffenheit als Fleischfresser suche ich Orientierung in der Literatur. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, was wusste Berthold Brecht darüber? Sein „episches Theater“ handelt ebenfalls von Industrie, den Schlachthöfen in Chicago, und der Ausbeutung der Arbeiter, es geht um Klassenkampf nicht um Tierschutz. Brechts Drama – „die heilige Johanna“ stirbt und das Elend geht weiter – spielt zwar in der Weltwirtschaftskrise 1929/30, aber passt auch in die heutige Welt von Schlachtbaron Tönnies, wo alleine in Rheda-Wiedenbrück zwischen 70.000 und 100.000 Schweine pro Woche geschlachtet werden und osteuropäische Leiharbeiter in miserablen Unterkünften sich in diesem Frühjahr massenhaft mit Corona infizierten. Es geht auch in dem kleinen Flecken in Niedersachsen um Ausbeutung nicht um Tierschutz. Aber hat beides nicht miteinander zu tun? Es geht auf jeden Fall um billiges Fleisch und maximalen Gewinn. Das stinkt nach Kapitalismus.
Was hab‘ ich damit zu tun? Ich renne nicht hinter den unterirdischen Preisknallern bei Aldi, Lidl, Kaufland & Co. her. Aber dann kam Gärtringen, jener Ort im Landkreis Böblingen, in die Schlagzeilen. Fast schon wieder vergessen, wie die Arbeiter bei Tönnies. Der Schlachthof in Gärtringen ist verglichen mit Tönnies Monstrum in Niedersachsen ein schwäbisches Schlachthöfle und überdies eine Genossenschaft, in der Bauern als Lieferanten und Metzger als Abnehmer mitreden und es einen Aufsichtsrat gibt. Sehr sympathisch. Bis die Bilder vom Soko Tierschutz das Konstrukt entlarvte: üble Tierquälerei im Schlachthöfle, das man sich als heimelige Alternative zur eiskalten Schlachtindustrie vorstellen mochte. Das Entsetzen im Herbst war groß.

Zwischenueberschrift

Der Imageschaden ist groß und die großformatige Werbung der Metzgerei Koch verspricht Empathie.

Und dann kam der Winter und mit ihm der Skandal um den Schlachthof in Biberach. Auch er entspricht einem Klischee, nämlich dem eines wohlanständigen Familienbetriebs. Und auch hier ähnliche Bilder wie in Gärtringen. Der ehemals städtische Schlachthof war gezielt an einen örtlichen Metzger verkauft worden. Alles richtig gemacht: lokal und familiär und selbstverständlich tierschutzgerecht. Und das Landratsamt als Aufsichtsbehörde, die darüber zu wachen hat, ist nur ein paar Minuten entfernt. Falsch: Zwar hatte der Metzger – Ihres Vertrauens! – viele Argumente für sein Angebot an Fleisch und Wurst, aber als Geschäftsführer hat er keine Erklärung für das abstoßende Geschehen in seinem Schlachthaus. Es werde geprüft! Indes legt Michael Koch, besagter Geschäftsführer von Schlachthof und Metzgerei, großen Wert darauf, dass es sich juristisch um zwei getrennte Unternehmen handelt, die er beide führt.
Und während seinem Kollegen Günther Egeler, Metzger und Aufsichtsratsmitglied in der Schlachthof-Genossenschaft in Gärtringen, in einem SWR-Beitrag hörbar zum Heulen ist, und er sich „persönlich ganz arg vorwerfe, die Kontrolle vernachlässigt“ zu haben – „Ich fühle mich als Versager!“ – bläst der Biberacher Metzger im Südfinder die Backen auf: „Und jeder sollte sich bewusst sein, dass hier mächtige Interessen eine Rolle spielen. Es geht nicht nur um Tierschutz, es geht auch um die Interessen von Fleischgegnern und Veganern. Es geht um die Rolle der Aufsichtsbehörden. Da ist noch viel aufzuarbeiten.“

 

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Gute Miene zum bösen Spiel. Inhaber und Geschäftsführer Michael Koch sieht die Bösen bei den Tierschützern und Veganern, die erreichen wollten, „dass Sie am besten gar kein Fleisch und keine Wurst mehr essen“.

Ja, da hat Metzger Koch recht, „da ist noch viel aufzuarbeiten“ – aber am wenigsten bei den Veganern!
Währenddessen bricht ihm der Umsatz weg und er versucht mit großformatiger Werbung in der Schwäbischen Zeitung, das Schlimmste zu verhindern. Er wirbt lächelnd um Vertrauen. Nichts passiert!
Da ist man in Gärtringen mit dem selbstkritischen und reumütigen Metzger Egeler schon ein Stück weiter: mit mehr Personal weniger schlachten. Das heißt: mehr Zeit, weniger Stress für Mensch und Tier – aber auch Mehrkosten! Wer ist bereit, dafür zu bezahlen? Wer es nicht ist, sollte beim nächsten Skandal das Maul halten.

 

Autor: Roland Reck 

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