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Oggelsbeuren - Eigentlich gehört dieser Titel zu einem deutschen Melodram des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Es geht dabei um eine 60-jährige deutsche Putzfrau, die einen 20 Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter heiratet. Eine spannende Geschichte. Aber darum geht es mir eigentlich nicht nur. Es geht mir um Ängste verschiedener Dimensionen.

 

Für Heidegger ist die Angst die Grundbefindlichkeit des Seins. Für die Philosophie ist der Begriff Angst nicht unbedingt ein „Übel“. Angst beschäftigt jeden Menschen. Die Angst, Menschen zu verlieren, den Arbeitsplatz, die Gesundheit, das Vermögen oder auch das innere Gleichgewicht.
Ich lebe als katholischer Pfarrer und Seelsorger in der „Stiftung Heimat geben“ in Oggelsbeuren bei Biberach mit 70 überwiegend muslimischen Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern zusammen – im Mai 2021 sind es sieben Jahre. Etwa 500 Flüchtlinge waren hier. Gleichzeitig bin ich in Ländern wie Libanon und Syrien aktiv. Ich lebe also nicht in einer Welt der Theorie, sondern ganz konkret mit Menschen und ihren Sorgen und Ängsten. Viele meiner Freunde und Freundinnen sind Menschen aus Deutschland. Auch da ist Seelsorge gefragt. Auch da gibt es Sorgen und Ängste. Von ganz konkreten Sorgen um das innerliche und körperliche Wohlergehen, über die Sorgen im eigenen Kontaktumfeld bis hin zu Sorgen um das eigene Heimatland öffnen sich verschiedene Felder der Angst. Der Radikalismus, der Rassismus, der Extremismus, der Fundamentalismus ängstigt Menschen. Der bedrohlich schlechter werdende Zustand der Schöpfung, der Natur ruft besonders auch junge Menschen zum Einsatz auf. Der Terrorismus überall auf der Welt, auch hier bei uns, ruft Ängste hervor. Existenzängste sind vermehrt da, obwohl wir noch nie so lange ohne Krieg hier bei uns gelebt haben. Doch in diesen vergangenen Jahren ist vieles geschehen. Massen von Flüchtlingen sind gekommen. Zuerst in einem großen Begrüßungsfestival aufgenommen, jetzt aber doch mit dem Blick auf Attentate, Terror und Kriminalität hat sich da einiges gewandelt. Ängste vor Überfremdung, einem breit machenden muslimischen Gedankengut und der Lebenswelt andersartiger Lebenswelten beschäftigen Menschen bewusst oder unbewusst.

Bild Pater Alfred

Pater Alfred Tönnis ist Vorstand der „Stiftung Heimat geben“ und wird in seiner Arbeit täglich mit den Sorgen und Ängsten der Menschen konfrontiert. 

 

Jetzt noch Corona. Ein lebensbedrohender Virus erobert die Welt, macht sich breit, ruft Ängste um das eigene Leben und das Leben lieber Menschen hervor. Er bedroht unsere Kontaktgestaltung, unsere Normalität, unser Lebensgefühl. Durch seine Wirkung wird vieles Infrage gestellt – vom Hände schütteln über Urlaubsreisen bis zur Krankenhausversorgung.
Angst essen Seele auf. So lesen wir es in der Überschrift. Verändern diese oben beschriebenen Ängste unsere Seele? Unser Seelenheil? Für mich als Seelsorger ist die Seele nicht nur ein irdisches Werk. Nicht nur ein Teil der menschlichen Schaffenskraft. Für mich ist die Seele von Gott in jeden Menschen hineingelegt, der Mensch ist beseelt. Diese Beseelung ist das „Ja“ Gottes zu jedem Menschen. Dieser Gott will mich grundsätzlich und jeden Menschen in dieser Welt. Das kann Mut machen, Hoffnung geben. Das „Ja“ wird nicht entzogen, wenn wir Irrwege gehen. Für diese Wege müssen wir einstehen. Manchmal auch viele Jahre oder sogar bis zum Lebensende.
Weihnachten ist ein solches Fest der Bejahung Gottes. Er wird Mensch. Er kommt uns ganz nahe nicht mit Worten, sondern mit einer Tat.
Für die Christen ist Jesus der Sohn Gottes. Für die Muslime ein großer Prophet. Wir feiern in Oggelsbeuren Weihnachten interreligiös. In Wertschätzung der anderen Religion gegenüber und gleichzeitig in dem Bewusstsein, Gemeinsamkeiten zu haben. Papst Franziskus war im letzten Jahr im Vereinigten Arabischen Emirat. Er hat mit dem Großimam von al-Azhar, Mohammad al-Tayyeb, ein Dokument unterzeichnet: „Über die Geschwisterlichkeit aller Menschen“. Und auf dem Petersplatz hat er gesagt: „Der Dialog zwischen Christen und Muslimen sei der Motor des Friedens.“

Wie könnte also ein Weg aus Ängsten gelingen?

Eine große Perspektive dabei ist Wertschätzung. Ich wertschätze mich, weil Gott mich bejaht. Weil dieses Ja nie wegfallen wird, egal welche Wege ich gehe. Ich wertschätze den anderen Menschen. Es gibt eine Geschwisterlichkeit aller Menschen. Ich sehe seine Würde, unabhängig seiner Rasse, seines Aussehens und seiner Herkunft. Ich beginne einen Dialog. Ich setze mich mit der Andersartigkeit des anderen Menschen auseinander. Vielleicht begegnen sich Ängste. Ich missioniere nicht, auch nicht mit Gewalt. Ich gebe Zeugnis von meinem Glauben. Warum nicht verschiedene Glaubenswege auf einen Gott hin?
Angst löst sich am besten in Begegnungen. Begegnungen herbeiführen. Wir leben hier so in Oggelsbeuren in der Stiftung Heimat geben. Nicht angstfrei. Aber im Bewusstsein, dass Angst nicht unser Handeln bestimmt. Und im Sinne der Weihnachtsbotschaft: „Fürchtet euch nicht. Habt keine Angst“.

 

Autor: Pater Alfred Tönnis

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