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OCHSENHAUSEN. Es war vorbei. Endlich! Am 8. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg in Europa. Der Krieg der Deutschen endete bedingungslos. „Das tausendjährige Reich“ währte nur 12 Jahre, aber hinterließ zig-Millionen Kriegstote und ermordete Juden, Sinti und Roma, russische Kriegsgefangene, politisch Verfolgte, Homosexuelle und Behinderte. Das Grauen in den befreiten Konzentrationslagern war unvorstellbar. Vor 75 Jahren, vor nur einem knappen Menschenalter, endete der größte und grausamste Massenmord der Menschheitsgeschichte.

Millionen deutsche Frauen und Kinder und Alte waren auf der Flucht, ihre Städte lagen in Schutt und Asche, ihre Heimat im Osten war verloren. Deutschland war bis auf den letzten Quadratkilometer von den alliierten Truppen besetzt. In Ochsenhausen waren es wie von Ulm bis an den Bodensee französische Soldaten, die die deutschen in Gefangenschaft nahmen. Aber für den Marktflecken an der Rottum ging der Krieg wie in ganz Oberschwaben bereits Ende April 1945 zu Ende. Die Franzosen marschierten ein und beendeten den grausamen Spuk des nationalsozialistischen Wahns, dessen Bestialität sich noch im Untergang bewies.

Zum Beispiel in Waldsee: Am 22. April, es war ein Sonntag, trieben KZ-Wächter auf der Flucht vor den französischen Truppen etwa 40 Häftlinge vor den Augen der Waldseer durch die Stadt. Sie waren von der Schwäbischen Alb kommend vermutlich auf dem Weg zum 120 Kilometer entfernten Konzentrationslager Dachau. Völlig entkräftet, hungrig und durstig. Vier der Gefangenen wurden vor den Toren der Stadt erschossen, darunter zwei Franzosen. Nur zwei Tage später besetzte das französische Heer Waldsee. (BLIX, April 2015)

 11.8 Haltebefehl

Donau-Bodensee-Zeitung, 13. April 1945

Franz Fricker aus Ochsenhausen schildert das Ende so: „Am 22. April waren endlich die sechs Ochsenhauser Panzersperren fertig, die die Aufgabe haben sollten, den Vormarsch der herannahenden Franzosen aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Der örtliche Volkssturm hatte – gelegentlich unterbrochen von den immer häufiger ertönenden Fliegeralarmsirenen – alle Ortszufahrten mit dicken Fichtenstämmen verbarrikadiert. (…) Einen Tag später tauchte zum ersten Mal französisches Militär in Ochsenhausen auf. (…) Die Franzosen hatten an der Panzersperre in der neuen Biberacher Straße haltgemacht, aus einem nahegelegenen Luftschutzkeller die verängstigten Insassen herausgeholt und sie mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, die Panzersperre abzubauen. (…) Als die von Panzern angeführte Militärkolonne die Bahnlinie überquerte, schossen zwei junge Volksstürmler aus Ludwigsburg beim ‚Hirsch‘ auf einen Panzer, welcher daraufhin Brandmunition in das Haus jagte. (…) Auf der Rottuminsel war der 72-jährige Johann Ertl im Viehstall von französischen MG-Schüssen tödlich am Kopf verwundet worden (…) Ochsenhausen war an den Feind gefallen und irgendwie waren wir trotz des Blutzolls erleichtert, dass das Schießen vorbei zu sein schien.“ Die Hoffnung trog. Es dauerte noch weitere drei Tage mit weiteren Toten bis schließlich auch die französische Nachhut Ochsenhausen okkupierte und das Schießen endete.

Der Krieg war aus. Wie weiter? Frank Heckelsmüller lässt seinen Großvater Bild 62Franz Fricker (Jg. 1890) seine Geschichte und die seiner Familie bis zu dessen Tod 1967 weitererzählen. Nach zwei Weltkriegen und zwei Geldentwertungen am Boden zerstört, gelingt der Wiederaufbau mit Demokratie und Marktwirtschaft (Marshall-Plan) erstaunlich schnell. Das Wirtschaftswunder dient als Droge des Vergessens. Denn Franz Fricker hat als frühes Parteimitglied und langjähriger „Blockwart“ den Aufstieg der Nazis in Ochsenhausen gefördert und bis zuletzt unterstützt – nicht fanatisch, aber überzeugt. Trotz aller Kritik von Seiten seiner Ehefrau Senze (Kreszentia). Er war ein sturer Kerl und ein kleines Rädchen in der großen Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus'.

Noch vor Ende des 1. Weltkriegs heirateten im Juni 1918 Kreszentia Vabank und Franz Fricker in Ochsenhausen.

 

2 Familie 1952 neu

Überlebt: Familie Fricker 1952.
 

Mit dem dritten Band der Reihe „Einigkeit, Unrecht und Freiheit“ endet die Lebensgeschichte seines Großvaters und damit auch eine Lebensaufgabe von Frank Heckelsmüller, der mehr als zehn Jahre an der Biografie seines Ahnen gearbeitet hat. Der Geschichtslehrer am Gymnasium Ochsenhausen hat seinen Großvater nicht mehr erlebt und als seine Großmutter 1980 starb, war ihr jüngster Enkelsohn noch keine fünf Jahre alt. „Diese Lücke in meinem Leben versuchte ich wohl durch das Schreiben zu schließen“, erklärt Frank Heckelsmüller. „Und vielleicht lernen wir leichter aus der Geschichte, wenn wir versuchen, sie durch die Augen von einfachen Leuten zu sehen – wie die von Franz Fricker.“ (siehe Interview)

 

Heckelsmueller Cover

Franz Fricker: Einigkeit, Unrecht und Freiheit. Historisch-biografischer Roman (3 Bände).
Books on Demand.

 

 

 

 

 

Fotos: Frank Heckelsmüller

Autor: Roland Reck

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