BLIX Banner1

Biberach - Er meldete sich zu Wort und widersprach. Sein Vorredner Ralph Heidenreich, linker Stadtrat in Biberach, hatte in seinem Statement über den Krieg in der Ukraine die deutschen wie die russischen Medien gleichermaßen als propagandistisch kritisiert. Das stimme nicht, erklärte der Zuhörer. Er spräche russisch und könnte die russischen Medien lesen und verstehen, deshalb müsste er dieser plumpen Gleichsetzung widersprechen. Der Unterschied sei riesig. Die russischen Medien seien raffinierte Propagandainstrumente Putins und mitverantwortlich für den Krieg.

 

Der Widersprechende heißt Vadim Volosin und war am 11. Juli in die Biberacher Stadthalle gekommen, um sich im Hans-Liebherr-Saal über das „Friedensgutachten 2022 - Friedensfähig in Kriegszeiten“ zu informieren. Veranstaltet vom Arbeitskreis Entwicklungspolitik und dem Biberacher Friedensbündnis, vorgetragen von Alfons Siegel und Ludger Semmelmann. Gekommen waren rund 60 Personen - Ü60. Vadim Volosin und sein Freund waren mit halb so viel Lebensjahren die beiden Youngster.
Das jährliche Friedensgutachten wird von vier Forschungsinstituten verfasst, die sich mit Sicherheitspolitik und Friedens- und Konfliktforschung beschäftigen. Ein wissenschaftliches Statement, das Gehör verdienen sollte. Insbesondere in Kriegszeiten. Aber selbst der Journalist und Verfasser dieser Zeilen hatte bis zu der Präsentation in der Biberacher Stadthalle von der Studie nichts vernommen. Bei der Vorstellung des Gutachtens am 21. Juni in Berlin war nur eine Hand voll JournalistInnen anwesend. Was erneut die Frage aufwirft, wie sehr wir uns schon mit dem Krieg vor unserer Haustür arrangiert haben.
Die Stimmung im Hans-Liebherr-Saal war ambivalent und die persönliche Feststellung von Ludger Semmelmann, der das Kapitel bezüglich der Sanktionen als politisches Druckmittel („Mittel zum Zweck“) vorstellte und meinte, „meine Unsicherheit ist geblieben“, dürften die meisten ZuhörerInnen geteilt haben.
In den Wortmeldungen wurde Kritik an den Waffenlieferungen an die Ukraine geäußert. Man vermisse die politische Einflussnahme auf die Ukraine, den Krieg zu beenden. Eine Zuhörerin mit grauem Haar stellte fest: „Wir sind in eine Kriegslogik eingestiegen“ und forderte Zugeständnisse von der Ukraine, die eine „Win-win-Lösung“ ermögliche, und fragte: „Was kann man Putin zubilligen?“ Die Diskussion ging zu Lasten der Ukraine, auch wenn Alfons Siegel als promovierter Politologe darauf hinwies, dass man der Ukraine vom Westen schwerlich abverlangen könne, auf Teile von ihrem Staatsgebiet zu verzichten.
Der 75-Jährige verwies dabei auch auf die Feststellung in der Studie, wonach „die Waffenlieferungen durch das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine nach Art. 51 der UN-Charta legitimiert“ seien. Und Siegel übte auch Selbstkritik, dass die Friedensbewegung sich zu wenig mit der Annexion der Krim 2014 und dem schwelenden Krieg im Osten der Ukraine beschäftigt habe. Man schaute lieber nicht so genau hin.
Zumindest das will man ändern, so äußerte eine Frau am Ende der Veranstaltung den Wunsch gegenüber Alfons Siegel nach mehr Informationen und Meinungsaustausch bei weiteren Veranstaltungen.

 

IMG 20191130 WA0015 be

Vadim Volosin interessiert Osteuropa. 2019 besuchte er auch Kiew.

 

„Es macht einfach keinen Sinn“

BLIX macht sich die Aufforderung zu eigen und suchte nach Ende der Veranstaltung das Gespräch mit Vadim Volosin, dem Mann, der widersprach.

Der 28-Jährige kam 1996 mit seinen Eltern aus Kasachstan über Aulendorf nach Biberach, wo er vom Lageristen über ein duales Studium der Betriebswirtschaft heute als Projektleiter bei Liebherr arbeitet. Als Kind verbrachte er jedes zweite Jahr die Ferien bei den Großeltern in Kasachstan und im Rahmen seines Studiums absolvierte er zwei Semester in Russland, 2018 im sibirischen Tomsk, 2019 arbeitete er ein halbes Jahr in einer Unternehmensberatung in Moskau. Sein Interesse an Osteuropa ist groß, wo er schon mehrere Länder besucht hat. In Tomsk lernte er seine Frau kennen, im August wird geheiratet. Das glückliche Paar plant seine gemeinsame Zukunft in Biberach. Eine schöne Geschichte wäre da nicht der Krieg.

 

Herr Volosin, wie haben Sie den russischen Angriff auf die Ukraine erlebt?

Es war ein Schock, mein größter Albtraum ist eingetreten. Ich bin morgens aufgestanden und sah die ersten Meldungen. Ich war in Schockstarre und konnte keine klaren Gedanken fassen, aber ich habe verstanden, dass dies ein Moment war, der alles verändern wird und dass dieser Krieg uns noch sehr lange begleiten wird. Es gab ab diesen Zeitpunkt kein Zurück mehr, ein Angriffskrieg mitten in Europa, der alle Gewissheiten in Frage stellt. Ich dachte bis dahin, eine diplomatische Lösung für den Konflikt, der seit 2014 herrscht, wäre möglich. Aber am Morgen des 24. Februar wusste ich, dieser Krieg kann jetzt nur beendet werden, wenn sich Russland zurückzieht, die Schuld eingesteht und Reparationszahlung leistet. Aber das schien damals Ende Februar als auch heute Ende Juli leider noch sehr weit weg und unrealistisch. 

 

Haben Sie damit gerechnet oder waren Sie wie die meisten Deutschen überrascht?

Ich habe bis zum Kriegsbeginn, gehofft das es nicht dazu kommt. Der Truppenaufmarsch in den letzten Monaten an der Grenze war sehr besorgniserregend und ließ nichts Gutes vermuten, aber trotzdem schien die Eskalation so weit weg und unrealistisch. Als dann am 21. Februar die Separatistengebiete anerkannt wurden und zuvor eine hasserfüllte Rede von Putin ausgestrahlt wurde, da war mir klar, irgendwas wird passieren. Die dann eingetretene Dimension des Kriegs konnte ich mir aber nicht vorstellen. Viele liberale Journalisten und Politiker in Russland, die versuchten über Youtube eine andere Sicht als die staatliche Propaganda für die russische Bevölkerung anzubieten, waren sich durch die Bank einig, einen Krieg wird es nicht geben, da es einfach keinen Sinn macht. Am Ende haben die meisten die imperialistischen Machtambitionen Putins unterschätzt, der vermutlich wirklich dachte, er könne schnell durchmarschieren, die Ukraine einnehmen bevor der Westen überhaupt reagieren kann. Eine schreckliche Fehleinschätzung, die zu Tausenden Toten bereits geführt hat. 

 

Haben Sie noch Verwandtschaft in Russland?

Ja ich habe noch Verwandtschaft in Russland, der Großteil lebt jedoch in Deutschland. Viel schlimmer erging es meiner Verlobten, fast ihre ganze Familie lebt noch in Russland und sie selbst war zu diesem Zeitpunkt gerade auf Familienbesuch in Russland. Wir haben sie dann über Helsinki wieder nach Deutschland holen können. 

 

Wie wird der Krieg in Ihrer Familie diskutiert?

Es ist ein schwieriges Thema, da die russische Medienpropaganda auch in unseren Wohnzimmer Einzug gehalten hat und in den letzten acht Jahren große Vorarbeit geleistet hat und indirekt die Zuschauer auf so etwas wie einen Krieg mit der Ukraine mit aggressiver Rhetorik und Lügen vorbereitet hat, es ist eine selbst erschaffene Realität. Auch für meine Familie war es erst mal ein Schock, und es wurde auch viel darüber geredet und diskutiert, besonders von meiner Seite. Jedoch hat die Desinformationskampagne sich noch weiter intensiviert, so dass ständig die russischen Lügenmärchen in der Diskussion verwendet wurden. Ich habe aber schon gemerkt, dass auch manchmal große Zweifel an manchen Versionen aus dem russischen Fernseher da waren, viel mehr als in den letzten Jahren. Trotzdem ist die Flucht in die aufgebaute Scheinrealität ‚Putin sei der Gute‘ für viele wesentlich einfacher und angenehmer als in Frage zu stellen, an was man die letzten Jahrzehnte so sehr geglaubt hat.

 

Sie waren schon mehrmals in Russland (Studium/Beruf), warum, wo und wie lange, was haben Sie gemacht?

Mich hat es schon länger interessiert nach Russland zu gehen und mir ein eigenes Bild über das Land und die Leute zu machen. Ich habe vor 2014 auch ab und zu russische Staatsmedien geschaut, ich erhoffte mir Land und Leute etwas besser zu verstehen. Ich war schon sehr kritisch und bemerkte viele Widersprüche, aber ich wollte es nicht aus der Entfernung beurteilen, da ich bis dahin nur Deutschland und Kasachstan kannte. Aber mit der MaidanRevolution verschärfte sich die Rhetorik im Fernseher, aus dem ‚ukrainischen Freund wurde der ukrainische Feind und Böse‘. Dies konnte ich nicht verstehen, vor allem da diese Denkart sich auch langsam in der Familie und bei Freunden verbreitete. Dies machte Diskussion unheimlich schwierig und ich merkte, wie machtlos ich gegen die russische Propaganda bin. Also wollte ich mir ein eigenes Bild machen und zusätzlich meine Sprachkenntnisse verbessern und auch das Abenteuer Auslandssemester wagen. Ich freute mich sehr, dass die DHBW Heidenheim eine Partneruniversität in Russland hatte, so dass ich im sibirischen Tomsk gelandet bin. Eine Studentenstadt mitten in Sibirien und rund 6000 Kilometer entfernt von Biberach. Eine wunderschöne Zeit, die mein Leben prägte, begann für mich.

 

Wie haben Sie Land und Leute und die russische Gesellschaft erlebt?

Ich hatte auch meine Vorurteile, mit denen ich nach Russland reiste, aber ich muss sagen, viele haben sich sehr schnell relativiert. Ich konnte sehr schnell Anschluss zu den anderen internationalen Studierenden finden, die aus der ganzen Welt kamen und auch das Abenteuer Sibirien mit einem ‚echten Winter‘ wagen wollten. Durch meine Russischkenntnisse kam ich auch schnell mit den einheimischen Studenten in Kontakt und lernte meine Verlobte kennen. Wir leben seit fast drei Jahren gemeinsam in Augsburg. Besonders die Jugend in der Stadt war kaum von europäischen jungen Erwachsenen zu unterscheiden. Offen, sehr aufgeschlossen und interessiert an den anderen Ländern, so habe ich aber auch viele andere Leute in Russland kennengelernt, die oft auch sehr kritisch gegenüber der Politik im Land waren und sich nach Veränderungen sehnten, sie fühlten aber auch eine gewisse Machtlosigkeit, dies zu ändern. Ich fragte kritischer nach, um die Menschen im Land besser zu verstehen. Dabei hörte ich von dem so genannten Gesellschaftsvertrag: ‚Ihr lasst uns die Politik machen und uns bereichern und wir schauen, dass der Wohlstand im Land und bei den Menschen stetig zunimmt.‘ Dies immer auch im Zusammenhang mit dem Patriotismus, der sehr stark gefördert wurde und dadurch manche Entbehrungen in Kauf genommen wurden. Grundsätzlich lässt sich aus meiner Erfahrung sagen, dass die Gesellschaft genauso heterogen ist wie unsere, die aber unter einem anderen System lebt. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und wenn man den Leuten fröhlich und mit einem Lächeln entgegenkam, konnten auch mürrische Russen manchmal etwas auftauen. 

 

IMG 20220725 WA0000 be

Roter Platz in Moskau. 2018 absolvierte Vadim Volosin ein Praktikum in Moskau. Seine Verlobte hatte er während seines Auslandssemesters im sibirischen Tomsk kennen gelernt. 

 

Welche Gründe sehen Sie, die zu diesem Krieg geführt haben?

Ich denke, dies war eine lange Verkettung von Ereignissen, die diesen Krieg überhaupt möglich gemacht hat. Ich habe in Unterhaltungen oft von einem imperialistischen Komplex der Russen gehört, der in der Gesellschaft verankert sein soll. Dieser wurde jedoch auch damit begründet, dass es darum geht, dieses riesige Land zusammenzuhalten. Dies konnte ich nachvollziehen, da ein Auseinanderbrechen des Landes vermutlich zu mehr Konflikten und auch Kriegen führen würde. Die Art und Weise wie dies ausgeübt wurde, sah ich aber sehr kritisch. Autoritär, zentralistisch und systemisch korrupt sah ich als sehr gefährlich an, aber dies müsste sich eben noch entwickeln und sei Überbleibsel aus der Sowjetunion, war zumindest meine Hoffnung. Dieser imperialistische Komplex wurde jedoch auch zunehmend dafür genutzt, das Land nicht nur zusammenzuhalten, sondern auch vermehrt zu vergrößern. Angefangen beim Georgienkrieg 2008, über die Krimannexion und den unterstützen Donbass-Krieg und mündet in einem großen konventionellen Krieg, den sich in Europa kaum jemand vorstellen konnte. In dieser Zeit wurde die Propaganda zu einer der wichtigsten politischen Waffe, die Macht des Präsidenten wurde ausgeweitet und Grundrechte eingeschränkt. Gepaart mit einer imperialistischen Großmachtfantasie und einer realitätsfernen Arroganz des russischen Präsidenten wurde dieser Krieg begonnen, vermutliche mit der Überzeugung, diesen schnell zu gewinnen und daraus gestärkt hervorgehen zu können. All diese Punkte haben aus meiner Sicht zu diesem Krieg geführt.

 

Wie beurteilen Sie die Politik der Bundesregierung in diesem Krieg?

Ich bin positiv überrascht. Viele Handlungen, die noch vor dem Krieg unmöglich schienen, wurden umgesetzt und waren auch schnell gesellschaftlicher Konsens. All das aber unter einem demokratischen ‚Mantel‘ mit Diskussionen und Streit innerhalb des Parlaments und der Bundesregierung, aber die meisten erkannten die dringende Notwendigkeit, so dass es schnell umgesetzt wurde. Trotzdem entstand eine riesige Gemengelage aus deutscher Opposition, Bundesregierung, der EU und NATO mit so vielen unterschiedlichen Interessen, aber alle eint, diesen ungerechtfertigten Angriffskrieg zu stoppen. Sich in dieser Situation zurechtzufinden, stelle ich mir ungemein schwierig vor. Nur so kann ich mir den bisherigen und aktuellen Schlingerkurs der Bundesregierung erklären. Manchmal wünsche ich mir, dass Deutschland stärker voran gehen und öfter agieren statt reagieren würde. 

 

Wie erleben Sie die Diskussion darüber in Deutschland?

Mein erster Eindruck ‚alle in Deutschland‘ waren zutiefst schockiert und machtlos vor dieser neuen Situation, wodurch auch eine massive Solidarität entstand, die mich wirklich beeindruckt hat. Es gab nur ein Thema und viele wollten verstehen, was aktuell passiert. Die Politik hat am Anfang schnell reagiert und die Bevölkerung versuchte mitzukommen und so gestalteten sich auch die Diskussionen. Zunehmend wurde öfter das Wort Waffenlieferungen benutzt und deren Notwenigkeit erkannt, auch mir ging es so. In Deutschland haben wir in den letzten Monaten ‚durchgemacht‘, das vor einigen Monaten noch unmöglich schien.

 

Sie verfolgen auch die russischen Medien, welche Rolle spielen sie?

Für mich spielen die Medien eine zentrale Rolle, ohne die aus meiner Sicht dieser Krieg nicht möglich wäre bzw. nicht so lange fortgeführt werden könnte. Diese sind Werkzeuge des Kremls und haben den Auftrag, jede Handlung der russischen Politik und Armee positiv darzustellen und sie so zu vermitteln. Kritik wird keine geduldet und kommt auch nicht vor, sondern nur beim politischen Feind. Es soll den Menschen ein gutes Gefühl vermitteln, ‚wir sind doch die Guten und machen das Richtige, dafür müssen auch Entbehrungen in Kauf genommen werden‘. Dies funktioniert vor allem bei den Menschen, die noch die Sowjetzeit erlebt haben. Sie können sich bei den Geschichten, die in den Medien erzählt werden, gut wiederfinden und glauben diese. Befeuert wird das, weil sich diese Menschen meist ihre Informationen über den Fernseher holen. Aber auch das Internet ist sehr zensiert und sich andere Informationen zu holen, ist mühsam und aufwendig, zudem sind das Informationen, die so anders sind, dass sie einen nicht gefallen bzw. eine andere Welt zeigen, die bisher gekannt wurde. Bestes Beispiel sind Freunde und Bekannte russischer Familien, die anrufen, wie sie gerade bombardiert werden, aber ihnen nicht geglaubt, sondern argumentiert wird: „Ihr irrt euch, im Fernseher sagen sie, wir retten euch.“ Die Propaganda ist wahnsinnig und hat die Menschen die letzten Jahrzehnte massiv beeinflusst. Es ist ein entscheidendes Kriegsmittel. 

 

Fühlen Sie sich von den deutschen Medien ausreichend/gut informiert?

Ich fühle mich tatsächlich gut informiert, weil ich mir auch die Mühe mache, verschiedene Medien zu nutzen und dabei auch widersprüchliche Reportagen entdecke. Zudem kann ich mir auch ukrainische Medien und auch oppositionelle russische Medien anschauen und deren Sichtweise neben den deutschen und europäischen Medien wahrnehmen. 

 

Putin ist die zentrale Figur in diesem Krieg, es wird viel über ihn spekuliert. Muss man Russe oder Russin sein, um ihn zu verstehen? Verstehen Sie seine Motive?

Ich glaube, auch ein großer Teil der russischen Bevölkerung verstehen diesen Mann nicht. Vor Beginn des Krieges war ich mit Freunden und Bekannten in Russland im Austausch und alle waren sich sicher, einen Krieg wird es nicht geben, dieser macht keinen Sinn. Also genau so wie es uns allen ging. Die Erzählungen und Lügen, die jetzt verbreitet werden, um den Russen diese ‚Sonderoperation‘ - nur so darf der Krieg genannt werden in Russland, sonst droht Haft - zu erklären bzw. zurechtfertigen, sind aus deutscher Sicht schwer nachzuvollziehen, aber fallen in der russischen Bevölkerung auf gut genährten Boden. Ich denke, viele in Russland auch die sogenannte Elite verstehen Putin nicht, aber sie folgen ihm, da sie glauben, mit ihm sind sie besser dran als ohne ihn. 

 

Der Krieg dauert bald schon ein halbes Jahr mit vielen zig-tausend Toten auf beiden Seiten, ein Ende ist nicht abzusehen. Was können und sollten wir tun, um den Krieg zu beenden?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, auf jeden Fall nicht denselben Fehler zu machen wie 2014 und diesen Krieg einfach einfrieren, das bringt keinen Frieden. Ich finde die deutsche Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sind auf einem guten Weg, aber diesen muss man auch durchhalten. Krieg darf nicht zum Alltag für uns werden, auch wenn es anstrengend ist. Der Druck wird von verschiedenen Seiten weiter zunehmen, hier gilt es, standhaft zu bleiben. Wir müssen weiterhin solidarisch mit der Ukraine bleiben, denn ich habe mich in der Sicherheitsordnung der letzten Jahre sehr wohlgefühlt und möchte nicht, dass diese weiter zerstört wird. Ich denke, der einzige Weg zum wirklichen Frieden ist eine russische Niederlage in diesem Angriffskrieg, ansonsten wird der Krieg nur verschoben. 

 

Wie fühlen Sie sich als junger Mensch mit russischen Wurzeln in dieser ‚Zeitenwende‘? Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Es ist, glaube ich, für sehr viele eine innere Zerreißprobe. Zwischen Herkunft und liberalen europäischen Werten. Viele hocken zwischen den Stühlen, einerseits der russischen Familien und den deutschen Freunden. Man sucht nach Positionen und schlingert hin und her, mit einer inneren Dysbalance. Eine ganz schwierige Situation für sehr viele junge Deutschrussen. Ich habe die russische Regierung immer sehr kritisiert, aber auch immer versucht, die russische Welt zu erklären und manchmal auch zu verteidigen, seit dem Krieg fällt mir das sehr schwer. Mein Rat ist, sicher und klar Position zu beziehen und diesen Krieg aufs Schärfste zu verurteilen und damit auch in der Familie selbstbewusst umzugehen. 

 

INFO: „Friedensfähig in Kriegszeiten“
Vier wissenschaftliche Institute erstellen und publizieren jährlich das Friedensgutachten. In diesem Jahr mit dem programmatischen Titel „Friedensfähig in Kriegszeiten“. Im Fokus der WissenschaftlerInnen stehen aktuell die „Friedens- und Sicherheitspolitik nach der Zeitenwende“, wozu sie in einer Stellungnahme Empfehlungen abgeben.
Mit Verweis auf das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine, gestützt durch den Art. 51 der UN-Charta, seien die Waffenlieferungen durch internationale Rechtmäßigkeit legitimiert, heißt es in dem Gutachten. Dennoch warnen die ExpertInnen vor einer Eskalation des Krieges, die Verhinderung eines Atomkrieges müsse „imperativ“ sein, weshalb die Waffenlieferungen kontinuierlich überprüft werden müssten, ob sie „sinnvoll und nicht kontraproduktiv sind“. Warnend heißt es: „Verstärkt ist von der Möglichkeit eines militärischen Sieges der Ukraine und der Schwächung Russlands über den gegenwärtigen Krieg hinaus die Rede. Abgesehen davon, dass damit das Rechtfertigungsnarrativ Putins bedient wird, der Westen habe es schon immer auf die Niederwerfung Russlands abgesehen gehabt, könnten solche Absichten die Risikobereitschaft der russischen Führung erhöhen.“ Die Empfehlung lautet: „Angesichts nicht zuletzt nuklearer Eskalationsgefahren sollte das Ziel des Westens deshalb sein, die Kosten des Krieges für Russland durch militärische Unterstützung der Ukraine, ökonomische Sanktionen und diplomatische Isolierung zwar hoch zu treiben, gleichzeitg aber diplomatische Auswege aus dem Krieg aufzuzeigen, so dass sich die russische Führung zu Verhandlungen bereit findet.“
Die Sanktionen, die die WissenschaftlerInnen als „in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich“ bezeichnen, müssten in eine „übergreifende Gesamtstrategie eingebunden sein“, um in gewünschter Weise politisch wirksam zu werden. Denn es habe sich gezeigt: „unmittelbare, kurzfristige Verhaltensänderungen erzwingen Sanktionen selten. Sie sind aber durchaus geeignet, mittel- und langfristig Handlungsspielräume einzuschränken.“ Wobei die ExpertInnen kritisch anmerken, dass Sanktionen gegen eine Großmacht wie Russland schwerer zum Ziel führen als dies gegenüber schwächeren Staaten der Fall ist. Neben strikten Kontrollen der Sanktionen auch hinsichtlich ihrer Wirksamkeit oder Unwirksamkeit müssten auch die Bedingungen zu deren Beendigung klar definiert und kommuniziert werden.
Eine zentrale Schlussfolgerung lautet: „Im Zeichen der russischen Aggression gegen die Ukraine wird es dabei entscheidend sein, Wehrhaftigkeit mit Perspektiven für eine Kriegsbeendigung zu verbinden, mithin: friedensfähig in Kriegszeiten zu sein. Nur so wird es gelingen, eine neue Friedensordnung für Europa zu schaffen.“ www.friedensgutachten.de

 

Autor: Roland Reck

Fotos. privat

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

­