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Bad Waldsee - Die Kurstadt durchlebt aufrüttelnde Tage. Die Menschen in der Kommune müssen sich trotz aller Gegenwehr noch in diesem Jahr von ihrem geschätzten Krankenhaus verabschieden, so will es die Politik in Stuttgart und der Kreistag in Ravensburg folgte. Das ist bitter für das Gemeinwesen, wenngleich es triftige Gründe gab, so zu entscheiden. Aber ob die Entscheidung sich dereinst im Rückblick als richtig erweisen wird, bleibt abzuwarten. Derweil gibt es aber auch Neues zu berichten.

 

Denn wenn einst der Blick in die Historie das Jahr 2022 als das Jahr ausmacht, in dem die über hundertjährige Geschichte des örtlichen Krankenhauses zu Ende gegangen ist, dann wird vielleicht auch festgestellt werden, dass im selben Jahr Bad Waldsee nicht nur zur Großen Kreisstadt erhoben wurde, sondern auch eine wegweisende Zusammenkunft im Teilort Reute in der Durlesbachhalle, stattgefunden hat, nämlich die konstituierende Sitzung des „Dialogkreis Regionalentwicklung“, deren Teilnehmer am 20. Juni den ersten Schritt taten auf dem Weg zu einem Biosphärengebiet in Oberschwaben, das sich von Biberach bis zum Bodensee und von Leutkirch bis nach Ostrach erstreckt. Vielleicht! Vielleicht wird es so kommen, noch ist es Zukunftsmusik.
Über dieses mögliche Konzert in der Zukunft hat BLIX exakt vor einem Jahr in seiner Juliausgabe umfänglich berichtet. „Sumpfland“ (BLIX, 07/2021, S. 26 ff.) lautete der Titel mit Bezug auf die vielen Moore in der Region, die einen ganz besonderen Naturschatz darstellen. Wir stellten deshalb eingangs die Frage: „Ist die Zeit reif?“ Und mutmaßten: „Es scheint so!“ Der Hintergrund war die Landtagswahl und die Absichtserklärung der neuen-alten grün-schwarzen Koalition, in Oberschwaben ein Biosphärengebiet zu initiieren. Das war zunächst kaum wahrgenommen worden, tobte doch der Streit um einen ganz anderen Regionalentwicklungsplan, bei dem es den Kritikern angesichts der Klimakrise um Flächenschutz vor Kiesabbau und Versiegelung sowie grundsätzlich um Ressourcenschutz statt immer „Weiter so!“ ging. Dieser turnusmäßige Regionalentwicklungsplan, gültig für die nächsten zehn bis 15 Jahre, ist trotz aller Kritik beschlossene Sache, aber noch ist offen, ob er der Prüfung durch das Regierungspräsidium standhält.

 

Wurzacher Ried Ansicht Suedwest Foto Dr Alois Kapfer be

Das Wurzacher Ried ist ein weiteres herausragendes Naturschutzgebiet. Foto: Alois Kapfer

 

Zurück nach Bad Waldsee, wo sich in der Durlesbachhalle 65 Vertreter aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen versammelten, um einen Prozess in Gang zu setzen, der nach Meinung von Landrat Harald Sievers fünf bis acht Jahre dauern kann. Denn, das ist ausschlaggebend: die Entscheidungsfindung geht von unten nach oben. Schließlich entscheidet jede Gemeinde darüber, ob sie Teil des Biosphärengebiets sein will oder nicht. Über 40 Gemeinden sollen es sein, die im „Suchraum“ liegen. Über 185.000 Hektar und drei Landkreisen Ravensburg, Sigmaringen, Biberach erstreckt sich das Gebiet, das vom Regierungspräsidium als mögliches Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben zur Diskussion gestellt wird. Da wird es spannend! Wer macht mit, wer ziert sich und wer wehrt sich mit Händen und Füßen? Diese Diskussionen werden in jeder Gemeinde geführt. Die Grundeigentümer reden dabei genauso mit wie jeder Wirt und deren Stammtische. Und das von Leutkirch entlang der bayerischen Grenze bis hoch nach Memmingen und runter zum Bodensee, von dort schräg über Meckenbeuren zum Deggenhauser Tal, im Bogen nach Ostrach Richtung Bad Schussenried, in einer Ausbuchtung nach Norden schließt man den Federsee und seine wertvollen Naturschutzgebiete ein sowie in einem kleineren Zipfel bis kurz vor Biberach auch noch das Ummendorfer Ried eingefangen wird und von dort geht’s weiter über das Umlachtal zurück nach Süden, um vor Bad Waldsee im scharfen Schwenk nach Osten bis nach Memmingen den Kreis zu schließen.
Doch damit nicht genug. Denn innerhalb dieses amöbenhaften „Suchraumes“ befinden sich weitere amöbenhafte Gebiete, die als Kerngebiete dem strengen Naturschutz unterworfen sind, umgeben von Pflegezonen, in denen der Mensch sich pfleglich zu verhalten hat, und der große Rest als Entwicklungszone, die dem menschlichen Treiben wie gewohnt Raum lässt. Es ist ein komplexes Konzept, dass ein Biosphärengebiet auszeichnet, von denen es in Baden-Württemberg bisher nur zwei gibt. Im Südschwarzwald und ganz in der Nähe auf der Schwäbischen Alb rund um Münsingen. Der Anspruch lautet: „Es soll beispielhaft gezeigt werden, dass der Mensch die Biosphäre nutzen kann, ohne sie zu zerstören oder die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden“, heißt es dort. Diesen Beweis anzutreten, ist dringend notwendig.
Darin waren sich die Referenten in der Durlesbachhalle weitestgehend einig. Am vehementesten vertrat dies Gottfried Härle als Vertreter der regionalen Wirtschaft, gefolgt von Petra Misch, Geschäftsführerin der Oberschwäbischen Tourismus GmbH. Beide betonten die Chancen des Konzepts gerade hinsichtlich der regionalen Wirtschaft, die Landwirtschaft ausdrücklich eingeschlossen. Denn aus den Reihen der Landnutzer, der Land- und privaten Forstwirtschaft, kommen die ersten Widerreden. Es bildete sich bereits eine „Allianz“, die gegen ein Biosphärengebiet opponiert, weil man Angst hat, nicht mehr Herr im eigenen Wald zu sein.
Die Befürchtungen werden ernst genommen, die Diskussionen werden ergebnisoffen geführt, waren die zwei zentralen Botschaften, die von den Referenten wiederholt wurden. „Es gibt keine Blaupause“, betonte die Dezernentin im Landratsamt Ravensburg Iris Steger. „Wir machen, was unsere Region braucht. Das wollen wir gemeinsam erarbeiten.“ Timo Egger, Bürgermeister in Fleischwangen und Vertreter der Kommunen im „Dialogkreis“ kündigte an: „Als erster Schritt sollen, beginnend ab Juli in so genannten Regionalkonferenzen Informationen an örtliche Vertreter der jeweiligen Gruppen gegeben werden sowie Chancen und Risiken für die jeweils eigene Gemeinde diskutiert werden.“ Das wird spannend!

 

Beispielhaft: Mensch und Natur

Umwelt. Biosphärengebiete oder -reservate sind großräumige Kulturlandschaften mit reicher Naturausstattung, die im Bundesnaturschutzgesetz nach § 25 als „einheitlich zu schützende und zu entwickelnde Gebiete“ definiert sind. Biosphärenreservate sind Modellregionen mit hoher Aufenthalts- und Lebensqualität, in denen aufgezeigt wird, wie sich Aktivitäten im Bereich der Wirtschaft, der Siedlungstätigkeit und des Tourismus zusammen mit den Belangen von Natur und Umwelt gemeinsam innovativ fortentwickeln können.

 

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Ein wichtiger Beitrag zum Naturschutz kann auch die Riedbeweidung sein. Foto: Rolf Müller

Die zusätzliche Anerkennung von Biosphärenreservaten durch die UNESCO als internationales Qualitätslabel erfolgt auf Antrag nach Erfüllung verbindlicher Kriterien. Weltweit gibt es momentan 714 Biosphärenreservate in 129 Ländern (Stand Mai 2021) die in das Weltnetz der UNESCO Biosphärenreservate aufgenommen wurden. In Deutschland sind es aktuell 16 UNESCO-Biosphärenreservate, darunter zwei in Baden-Württemberg, im Südschwarzwald rund um Schönau sowie auf der Schwäbischen Alb rund um den ehemaligen Truppenübungsplatz bei Münsingen.
Hinter dem Konzept der Biosphärenreservate steht als Kernstück die räumliche Gliederung in drei Zonen: Kernzone, Pflegezone, Entwicklungszone. Dabei erhält jeder Bereich eine unterschiedliche Bedeutung für Mensch und Natur. Mit der Zuteilung der Schutz-, Erhaltungs-, Nutzungs- und Entwicklungsfunktion in unterschiedliche Zonen soll nachhaltige Regionalentwicklung praxisnah umgesetzt werden. Die Kriterien von Biosphärenreservaten stellt an die Zonierung folgende Anforderungen:

• Das Biosphärenreservat muss in Kern-, Pflege- und Entwicklungszone gegliedert sein.

• Die Kernzone muss mindestens 3 Prozent der Gesamtfläche einnehmen.

• Die Pflegezone soll mindestens 10 Prozent der Gesamtfläche einnehmen.

• Kern- und Pflegezone sollen zusammen mindestens 20 Prozent der Gesamtfläche betragen.

• Die Entwicklungszone soll mindestens 50 Prozent der Gesamtfläche einnehmen.

Kernzone
Biosphärenreservate besitzen eine oder mehrerer Kernzonen, welche dem unbeeinflussten Naturzustand sehr nahe kommen sollen. Diese Flächen werden von jeglicher wirtschaftlicher Nutzung freigehalten. Hier geht es also vorrangig um den Schutz natürlicher und naturnaher Lebensräume und Lebensgemeinschaften.

Pflegezone
In der Pflegezone werden wertvolle Ökosysteme der Kulturlandschaft durch schonende Landnutzung für die Zukunft erhalten. Ziel ist insbesondere die Erhaltung artenreicher und bedrohter Tier- und Pflanzengemeinschaften, deren Fortbestand von der Aufrechterhaltung einer pfleglichen Nutzung abhängt. Das Credo der Pflegezone wird am besten mit „Schützen durch Nützen“ beschrieben. Für den Menschen kann dieser Bereich, unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte, zur Erholung, der Umwelterziehung oder der nachhaltigen Landbewirtschaftung dienen.

Entwicklungszone
In der Entwicklungszone schließlich steht der wirtschaftende Mensch im Vordergrund. In dieser Zone soll durch Förderprogramme die nachhaltige Entwicklung von Mensch und Natur gefördert werden, es soll versucht werden, die Wertschöpfung der Region auf eine umwelt- und ressourcenschonende Weise zu steigern. Es soll beispielhaft gezeigt werden, dass der Mensch die Biosphäre nutzen kann, ohne sie zu zerstören oder die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden. Die Entwicklungszone wird ausdrücklich als Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum der Bevölkerung verstanden. Es gelten daher keine besonderen rechtlichen Beschränkungen.

Quelle: www.biosphaerengebiet-alb.de/index.php/lebensraum-biosphaerengebiet/basisinformationen 

 

Autor: Roland Reck

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