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Interview mit Bürgermeister Dieter Krattenmacher zum Sachstand bei IKOWA

„… dann ist der Schritt nach Osteuropa nicht mehr weit“



Foto: Gemeinde Kißlegg
„Wir müssen unseren Betrieben sichere Investitionsmöglichkeiten geben.“ Bürgermeister Dieter Krattenmacher im Interview mit der Bildschirmzeitung “Der Kisslegger”.

Kißlegg – IKOWA – das Interkommunale Gewerbegebiet Waltershofen. Darüber wird in und um Kißlegg seit Jahren beraten. Das Rathaus legte zur jüngsten Gemeinderatssitzung am 9. Juli dazu einen Bericht vor (den 16-seitigen Bericht haben wir hier unter „Downloads“ hinterlegt, zu finden am Ende des Artikels). Julian Aicher, Reporter der Bildschirmzeitung „Der Kisslegger“, hat dazu Bürgermeister Dieter Krattenmacher befragt. Hier das Gespräch im Wortlaut:

Die Bildschirmzeitung (DBSZ): Herr Bürgermeister, zur Gemeinderatssitzung Kißlegg am 9. Juli 2025 legte das Rathaus den Ratsmitgliedern einen 16-seitigen Bericht zum Sachstand Interkommunales Gewerbegebiet Waltershofen westlich von Waltershofen vor. Kurz IKOWA genannt. Auch ohne Studium der Rechtswissenschaften lässt sich dort erkennen: Dieses Gewerbegebiet ist schon seit den 1990er-Jahren geplant. Allerspätestens ab 2009. Wenn IKOWA tatsächlich für Betriebe auch in Kißlegg so notwendig ist – warum dauert dann das Planungsverfahren so lange?
Bürgermeister Dieter Krattenmacher: Der frühere Regionalplan sah südlich von Kißlegg einen Schwerpunkt für Gewerbe und Industrie vor. Um das Jahr 2005 und den Bau der A96 wurde offenbar, dass die Verbandsgemeinden keine Baulandreserven mehr haben und es sinnvoll ist, dieses Thema gemeinsam anzugehen. Eine Studie kam zum Ergebnis, dass ein Gewerbegebiet an der Autobahnauffahrt Kißlegg am verträglichsten wäre. Nachdem der Grunderwerb gesichert war, sind wir in die Verfahren eingestiegen.

Im Jahr 2012 lagen alle Genehmigungen vor. Dann ging’s los: Der Zweckverband wurde mit Gerichtsverfahren überzogen, die sich bis 2016/17 hinzogen. Das schaffte auch viel Verunsicherung. Im Nachhinein muss ich leider feststellen, dass wir damals von den Landesbehörden schlecht beraten waren. Der traurige Höhepunkt dieser unguten Entwicklung war dann 2023 erreicht, als wir nach jahrelangen Abstimmungen mit der überraschenden Entscheidung des Landes konfrontiert wurden, doch nicht in den neuen Regionalplan aufgenommen zu werden. Eine solche Schlechtleistung von Landesbehörden haben wir bis dahin nicht für möglich gehalten. Gegen diese Entscheidung haben wir deshalb geklagt, aber trotzdem den Gesprächsfaden wieder aufgenommen. Nach intensiven Abstimmungen haben wir jetzt den neuen Anlauf gewagt.

DBSZ: Im aktuellen 16-seitigen IKOWA-Bericht zur Gemeinderatssitzung steht, bereits 2018 sei festgestellt worden, dass sich der Bedarf an Flächen für Betriebe „ohne das IKOWA nicht decken” lasse. 2023 bremste dann das Regierungspräsidium Tübingen. Eine der Begründungen der Tübinger Behörde: IKOWA läge auch auf Moorgrundstücken. Sie, Herr Bürgermeister, haben immer wieder betont, wie wichtig es sei, Moore zu erhalten. Warum setzen Sie sich trotzdem für IKOWA ein? Oder anders gefragt: Wie wichtig ist Ihnen der Moorschutz im Vergleich zu neuen Gewerbeflächen? 
Krattenmacher: Weder im Moor-Atlas des Landes noch bei unseren Bodenuntersuchungen konnten intakte Moorböden im IKOWA-Gebiet gefunden werden. Auch wegen dieser offensichtlich fehlerhaften Begründung des Landes haben wir geklagt. Aber ganz klar: Wo intakte Moore sind oder reaktiviert werden können, haben neue Siedlungen nichts zu suchen.

DBSZ: Ihre Gemeindeverwaltung hat ab 2023 Betriebe in Kißlegg gefragt: Wieviel neuen Platz braucht Ihr? Dazu steht im erwähnten 16-seitigen Bericht in Sachen IKOWA: 92.000 Quadratmeter – allein in Kißlegg. Aus allen Gemeinden, die neue Gewerbeflächen auf das IKOWA konzentrieren möchten, wurde der Bedarf so beziffert: 262.000 Quadratmeter. Diese Gemeinden sind – außer Kißlegg: Amtzell, Argenbühl und Wangen. Einerseits brauchen Firmen Platz. Andererseits beschweren sich Leute, die die Natur schützen wollen, darüber, dass immer mehr Fläche zubetoniert und -zugeteert wird. Hat die Gemeindeverwaltung Kißlegg mit den hiesigen Unternehmen darüber gesprochen, ob deren Neubau-Wünsche zum Beispiel auch durch Mehr-Geschoss-Bauten auf weniger Bodenfläche möglich wäre? Gibt es von Behörden Vorschläge an die Firmen, wie derart platz-sparender gebaut werden könnte?
Krattenmacher: Den Zweckverbandsmitgliedern ist diese flächensparende Sicht- und Bauweise wichtig und wird sicher auch bei der Auswahl und in den Verträgen mit den Betrieben eine Rolle spielen. Im Übrigen werden die „Käsefreunde“ in Zaisenhofen demnächst zeigen, wie man sehr platzsparend und wirtschaftlich bauen und produzieren kann. Das dient dann auch als Vorbild fürs IKOWA.

DBSZ: Neue Betriebsflächen. Sie zu schaffen, bedeutet: Mühe und Geld-Ausgaben. Was sagen Ihnen als Rathauschef die örtlichen Kißlegger Unternehmen zu ihrem Platzbedarf? Werden sie in ihrer Arbeit behindert oder eingeschränkt, wenn ihnen diese neue Flächen fehlen? Wie wirken sich solche Einengungen aus?
Krattenmacher: Wir haben Betriebe, die aus unterschiedlichen Gründen expandieren oder sich auch aus den Ortschaften heraus verlagern müssen. Die Betriebe möchten gerne hier vor Ort bleiben, weil sie ihre Mitarbeiter und Kunden behalten wollen. Wenn die Investitionen hier nicht stattfinden können, dann bleibt nur die (teilweise) Verlagerung oder auch Aufgabe des Standorts. Wenn Verlagerungen in den Unternehmen diskutiert werden, dann ist der Schritt nach Osteuropa oder Asien oft nicht mehr weit. Ich frage mich dann immer: Ist das gut für uns, wenn unsere Betriebe anderswo investieren, also neu bauen, und bei uns Arbeitsplätze und Steuereinnahmen unter Druck geraten? Ist es das, was wir wollen?

DBSZ: Immer wieder sagen Sie, Herr Bürgermeister, in Gemeinderatssitzungen: Es besteht die Gefahr, dass heimische Betriebe abzuwandern drohen, die in sich in Kißlegg – etwa durch Platzmangel – behindert fühlen. Das würde dann wahrscheinlich auch heißen: Arbeitsplätze wandern aus Kißlegg ab. Der Bericht Ihres Rathauses zu IKOWA für die Gemeinderatssitzung am 9. Juli mahnt deshalb „Chancengleichheit mit benachbarten bayerischen Standorten” an. Können Sie das etwas genauer erläutern?
Krattenmacher: Eine kleine Reise beispielsweise entlang der A96 offenbart, dass in Bayern Gewerbe an gut erschlossenen Autobahnauffahrten gedeiht oder auch interkommunale Gebiete nicht zwingend an vorhandene Siedlungen anschließen müssen, wie man nun bei Gestratz sehen kann. Das sehe ich auch in allen anderen europäischen Ländern. In Baden-Württemberg wächst aber inzwischen auch die Erkenntnis, dass die vielen strukturellen Herausforderungen nur verträglich gemeistert werden können, wenn wir unseren Betrieben sichere Investitionsmöglichkeiten geben.

DBSZ: Das Gewerbegebiet IKOWA wird seit Jahren – eher: seit Jahrzehnten – geplant. Dabei tun sich amtlich und planerisch immer wieder neue Hürden auf. Wird das nochmal mit IKOWA? Und wenn ja: wann? Noch bis 2030?
Krattenmacher: Das IKOWA ist wahrscheinlich das bestuntersuchte Gebiet im Württembergischen Allgäu. Große Überraschungen sind eigentlich nicht zu erwarten. Deshalb könnte dieses Bebauungsplanverfahren in zwei Jahren durchgeführt werden. Man wird aber sehen, ob und wer auch dieses Mal meint, mit Einwendungen und Klagen das Verfahren verzögern zu müssen. Ich hoffe trotzdem, dass wir in einer großen Verantwortungsgemeinschaft unseren Betrieben ein positives Signal geben und sie spüren lassen, dass wir sie hierbehalten wollen.

Herr Bürgermeister, die Bildschirmzeitung dankt für Ihre Auskünfte.

Die Fragen stellte Julian Aicher

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32,5 Hektar im Besitz des Zweckverbandes

Der Zweckverband zur Entwicklung des Interkommunalen Gewerbegebietes Waltershofen wurde nach jahrelanger Vorarbeit am 5. Mai 2008 aus der Taufe gehoben.  Nach Genehmigung und Veröffentlichung der Satzung durch das Landratsamt Ravensburg ist der Zweckverband am 31. Mai 2008 entstanden. Zweck des Verbandes ist die gemeinsame Ansiedlung von Gewerbe entlang der Bundesautobahn A96, Anschlussstelle Kißlegg/Dettishofen. Mitglieder des Zweckverbandes sind vier Gemeinden mit folgenden Beteiligungsverhältnissen:
Gemeinde Kißlegg: 3 Stimmen 50 %
Stadt Wangen: 1 Stimme 16 ²/³ %
Gemeinde Amtzell: 1 Stimme 16 ²/³ %
Gemeinde Argenbühl: 1 Stimme 16 ²/³ %

Unter „Downloads“ finden Sie die Ausarbeitung der Verwaltung zu IKOWA mit Darstellung der Planungsgeschichte sowie Karten zum Entwurf des IKOWA-Bebauungsplanes (Bauabschnitt 1) auf den Seiten 15 und 16. Den IKOWA-Bericht hat der Gemeinderat am 9. Juli zustimmend zur Kenntnis genommen.



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