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Kardinal Walter Kasper:

„Man findet das Glück, indem man andere glücklich macht“



Foto: Fe-Medien
Auf dem Titel des aktuellen Vatican-Magazins (Oktober-Heft) wird mit diesem Bild das Interview mit Walter Kardinal Kasper angekündigt. Mit freundlicher Genehmigung des Fe-Medienverlages wird das Interview in der Bildschirmzeitung ungekürzt nachpubliziert.

Rom / Kißlegg (dbsz)Der Fe-Medienverlag in Kißlegg-Immenried bringt das im ganzen deutschen Sprachraum beachtete Vatican-Magazin heraus. Im jetzt erschienenen Oktober-Heft ist ein großes Interview mit Kardinal Walter Kasper abgedruckt. Titel: „Schwäbischer Seelsorger in Rom“. Im Gespräch mit dem Journalisten Christian Dick schildert der 92-jährige Theologe prägende Kindheitstage am Fuße der Schwäbischen Alb. Früh habe er den Wunsch verspürt, Priester zu werden und den Menschen als Pfarrer zu dienen. Dann aber sei er immer wieder gerufen und berufen worden: als Professor, als Bischof und zuletzt von Papst Johannes Paul II. nach Rom. Das Interview erstreckt sich über fünf Seiten und beinhaltet einige Bilder aus dem Leben des weltweit geachteten Gelehrten. Unser Redaktionsleiter Gerhard Reischmann hat nach dem Lesen des Interviews Folgendes notiert:

Beeindruckend, wie dieser Seelsorger mit einfachen Worten für den Glauben wirbt. Aus seinen Worten spricht tiefstes Gottvertrauen. Es ist wohltuend und stärkend, diese Worte auf sich wirken zu lassen. Besonders jungen Menschen sei der Text ans Herz gelegt. Der Rat des Theologen für ein gelingendes Leben: Nicht nach dem Geld jagen. Den Menschen zugewandt sein. Teilen, geben. Und das Beten nicht vergessen.

Alles ganz einfach und doch so schwer.

Lesenswert.

Hier das Interview in voller Länge:

Christian Dick: Nach so vielen Jahren im Dienst der Kirche – was haben Sie am meisten an Ihrem Dienst im Weinberg Gottes geliebt?
Kardinal Kasper: Am meisten geliebt habe ich es, wenn ich mit Menschen sprechen konnte, die in Not sind oder die Probleme haben, um Ihnen zu sagen, dass Gott für sie da ist, dass Er ihre Not versteht und dass sie nicht allein gelassen sind. Wer an Gott glaubt, ist nie allein: Das ist die Botschaft Jesu!

Was hat Sie in Ihrem priesterlichen Leben am meisten überrascht, womit hatten Sie am wenigsten gerechnet?
Als junger Mann wollte ich einfach nur Priester und dann Pfarrer werden und habe keine weiteren Bedingungen gestellt. Ich bin immer dorthin gegangen, wo man mich hingeschickt hat. Dann hat es bald geheißen, „Du musst eine Doktorarbeit machen“, „Du musst Professor werden“. Das habe ich gemacht und auch gerne, die meiste Zeit davon in Tübingen – bis dann aus Rom ein Anruf kam und ich zum Bischof meines Heimatbistums Rottenburg-Stuttgart ernannt wurde. Am meisten aber hat mich überrascht, als Papst Johannes Paul II. wollte, dass ich nach Rom komme. Ich habe dem Papst einen langen Brief geschrieben, in dem ich ihm darlegte: „Ich kann kein Italienisch, ich kenne die Kurie nicht.“ Mir war das alles fremd. Der Heilige Vater sagte mir aber: „Das kann man alles überwinden!“ Punkt und Ende der Diskussion. So bin ich nach Rom gegangen, wo es dann auch sehr gut geworden ist. Kurzum: Man muss sich führen lassen und sollte nicht zu starr festgelegt sein. Mein Ziel war immer, für Gott und die Menschen da zu sein! Auch als Professor habe ich schon gerne jeden Sonntag in den Gemeinden Gottesdienst gefeiert und Kranke daheim oder im Krankenhaus besucht. So stellte ich eine Verbindung zwischen wissenschaftlichem Arbeiten und seelsorglichem Wirken her.

Das klingt nach einem erfüllten Leben.
Ja, ich bin sehr dankbar für die Menschen, denen ich in meinem Leben begegnen durfte, weiter begegnen darf und in denen ich etwas von der Herrlichkeit Gottes sehen kann.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen für ihr Leben geben?
Sie sollen sich gut auf das Leben vorbereiten und dafür alle Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung nutzen! Mehr als früher ist es heute wichtig, in einer globalen Welt Fremdsprachen zu beherrschen, um mitwirken und etwas erreichen zu können. Sie sollen aber auch nicht nur überlegen: „Was bringt mir Geld, wo und wie verdiene ich viel?“, sondern „Wo und wie kann ich etwas für andere tun?“. Das macht sehr viel glücklicher als das viele Geld. Geld braucht man zum Leben, das ist klar, aber es gilt, sich zu fragen: „Was kann ich mit meinen Fähigkeiten für andere tun in einer Welt, in der es so viel Armut und Elend gibt? Wo kann, wo könnte da mein Platz und meine Aufgabe sein? Was will letztlich Gott von mir und wozu hat er mich berufen?“ Das sind die wichtigsten Fragen, die ein junger Mensch sich stellen sollte, um dann auch den Mut zu haben, konkrete Schritte auf dem Weg dorthin zu tun. Ein bisschen steinig ist jeder Weg – aber man findet Glück, indem man versucht, auch andere glücklich zu machen.

Was denken Sie, wie „normale“ Menschen in der Heiligkeit wachsen können?
Sie können erstens dadurch wachsen, dass sie Gott in allen Dingen finden. Überall finden wir Zeichen Gottes in der Natur, aber auch in der Begegnung mit anderen Menschen, in Glücks- wie in Unglücksfällen, und besonders im Lesen der Heiligen Schrift. Dazu gehört aber auch das Beten – nicht bloß im Formelnaufsagen, sondern auch im persönlichen Gespräch mit Gott. „Lieber Gott, heute war’s schön, danke!“ oder „Lieber Gott, heute habe ich Fehler gemacht, bitte verzeih mir. Ich fange neu an“ oder „Lieber Gott, ich habe jemanden getroffen, der schwer leidet und nicht zurechtkommt. Hilf ihm doch“ – das sind Beispiele für ein lebendiges Beten. Ich bin viel in Kliniken gewesen und bei manchen Patienten habe ich einfach gesagt: „Darf ich jetzt für Sie ein Gebet sprechen?“ Das sind einfache Wege, wie man beten kann. Natürlich sollte man auch die Grundgebete beten und auch in schwierigen Situationen die Gewissheit in sich tragen: Ich bin nicht allein, Gott ist immer da.

Welcher Heilige ist Ihnen am nächsten?
Der heilige Martin; er ist der Patron meines Heimatortes und auch der Diözesanpatron meiner Heimatdiözese Rottenburg-Stuttgart. Martin war zunächst Soldat und hat das Soldatentum aufgegeben, weil er „Soldat für Christus“ sein wollte. Er hat dem armen Bettler geholfen, seinen Mantel geteilt – ein Sinnbild der christlichen Nächstenliebe. Er war also ein Mann der Entschiedenheit, aber auch des Mitleidens und Teilens! Schließlich wurde er zum Bischof geweiht und blieb doch ein ganz einfacher Mensch, ein Mann des Volkes, der auch dem Kaiser widersprechen konnte, wenn es nötig war. Einmal peitschte man ihn sogar öffentlich in Mailand aus, weil er sich gegen Irrlehren gewandt hatte. Bis heute gibt es Traditionen, die ihn in der Erinnerung fortleben lassen, auch auf einem Pilgerweg zwischen den verschiedenen Martinskirchen in meinem Heimatbistum. Für mich war der heilige Martin immer das Vorbild eines guten Bischofs.

An welchem Ort sind Sie am liebsten in Ihrem Leben gewesen?
Ich war in meinem Leben an vielen Orten. Schlussendlich bin ich in Rom gelandet! Das ist nicht nur kulturell ein schöner Ort, sondern vor allem deswegen, weil man hier dauernd Menschen aus aller Welt begegnet. Da merkt man: Die Kirche ist universal! Man gehört zu einer großen Kirche und ist mit den anderen Völkern verbunden. In den Kirchen und auf den Straßen trifft man Menschen verschiedenster Kulturen und Nationen. Das ist in Rom das Schöne, was ich zum Schluss meines Lebens erst richtig erfahre.

Ansonsten habe ich viele Erinnerungen aus meiner Jugendzeit. Damals war es eine schwierige Zeit, da Krieg herrschte. In der Nacht sind wir oft im Keller gewesen, wenn Fliegeralarm war, wir hatten nicht viel zu essen, man hat einfach überleben müssen. Aber wir waren trotzdem zufrieden. Das war in Wäschenbeuren, in der Nähe des Hohenstaufens, von wo die alten Hohenstaufen-Kaiser herkommen. Da habe ich natürlich als Bub meine Phantasien gehabt über diese Kaiser, und dann ist dort in der Nähe eine Wallfahrtskirche „Zur schönen Maria“. Da sind wir immer gerne hingegangen. Die Kirche ist auf dem Gipfelplateau des Hohenrechbergs, inmitten einer Landschaft mit Bergen und Hügeln, wo man schön wandern kann, aber auch einer Landschaft, die einen an alte Traditionen erinnert, und vor allem eben diese Marienkirche. Die Gegend ist mir bis heute ans Herz gewachsen. Dort habe ich als Bub die Marienverehrung gelernt und bin auch selber immer wieder zum Marienheiligtum hingewandert. Das war lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, da war noch vieles anders in der Kirche, aber ich habe an diese Zeit meine beste Erinnerung. Es war meine Jugendzeit.

Wie kann man Gott in Ihrem Amt erspüren? Welche Erfahrung haben Sie selbst gemacht? Wie ist Ihnen Gott nahegekommen?
Tatsächlich auf vielfältige Weise. Ich habe vor jeder wichtigen Predigt fast immer gebetet, dass ich die Botschaft, die ich den Menschen sagen will, auch vermitteln kann. Und ich habe gespürt, dass das etwas bewirkt, denn die Leute reagierten meist positiv darauf. Man muss gerade als Priester die Predigt mit dem Gebet verbinden. Denn ich selbst kann den Glauben bei einem anderen nicht erzeugen. Die Menschen müssen vielmehr überzeugt werden im Herzen und das Herz, das kann nur der Heilige Geist erreichen, und da ist es wichtig, dass der Geist Gottes mir hilft, die Herzen der Menschen in richtiger Weise anzusprechen. Wenn ich über den Petersplatz laufe, sprechen mich immer Leute an. Menschen mit Kindern beispielsweise, und wenn man einem Kind einen Segen gibt, freuen sich die Eltern. Auch wenn man nur ein paar Worte mit ihnen wechselt, ist das oft schon sehr berührend. Oder wenn man mit Gläubigen die Messe gefeiert hat und sie dann auf Schwäbisch sagen: „Des war a scheene Mess!“ Und sie bringen das nicht bloß äußerlich zum Ausdruck, sondern sie sagen, dass es ihnen auch etwas gegeben hat. Man muss die Freude des Glaubens, die Schönheit des Glaubens den Menschen vorleben und nicht bloß über die Last des Alltags sprechen, die es gibt. Die Tatsache, dass die Leute dankbar sind, wenn man Zeit für sie hat und ihnen zuhört, hat mich schon immer berührt. Die Leute erzählen von ihren Problemen, weil sie wissen, der Priester erzählt es nicht weiter. Man kann ihnen oft keine Lösung anbieten, weil die Angelegenheit zu schwierig ist. Aber die Tatsache, dass sie sprechen können, das ausdrücken können, was sie auf dem Herzen haben, dafür sind sie dankbar.

In ihrem neuen Buch „Der Wahrheit auf der Spur“ berichten Sie auch über den „Bund Neudeutschland“ und über die Begegnung mit der damaligen liturgischen und biblischen Erneuerungsbewegung. Sie greifen in diesem Zusammenhang das bekannte Wort von Romano Guardini auf: „Ein religiöser Vorgang von unabsehbarer Tragweite hat eingesetzt. Die Kirche erwacht in den Seelen.“
Guardini hat dieses Wort schon vor dem Zweiten Weltkrieg geprägt; da kam die „Neuentdeckung“ der Liturgie auf – Liturgie nicht nur als Vollzug irgendeines Ritus’, sondern in der Weise, dass man auch deren innere Symbolik versteht. Schon als Schüler habe ich sein Büchlein „Von heiligen Zeichen“ gelesen. Da beschreibt er, was es bedeutet „zu schreiten“, „zu sitzen“, „die Hände zu falten“. Guardini hat symbolische Zeichen auf wunderbare Weise beschrieben. Meine Mutter hat mir – der Vater war im Krieg – bei meiner Erstkommunion einen Schott geschenkt mit der deutschen Übersetzung der lateinischen Messe, früher war alles nur lateinisch. Da habe ich mich wahnsinnig stolz gefühlt, jetzt konnte ich alles mitbeten aus dem Schott. Und ich habe dann auch als Bub „Pfarrerles“ gespielt, die Messe gespielt, das hat mir damals so gefallen. Ich habe schon früh auch Bücher gelesen über die Geschichte der Messe, was sie bedeutet, und über die Liturgie. Das gehört eigentlich seither zu mir. Die liturgische Bewegung hat die Messe wieder lebendig gemacht. Früher haben die Leute bei den Sonntagsmessen nebenher den Rosenkranz gebetet und jetzt beten sie bei der Messe mit. Das, was am Altar geschieht, das muss man ihnen freilich auch erklären und es kommt darauf an, dass man die Messe würdig feiert, langsam feiert, darauf achtet, wie man bei der Messfeier spricht.

Welche Bedeutung hat die Eucharistie für Sie persönlich?
Die Eucharistie ist das Zentrum meines Lebens. Ich bin unglücklich, wenn ich nicht jeden Tag die Heilige Messe zelebrieren kann – das ist ein wichtiger Teil meines ganzen Lebens. Mir würde etwas fehlen, wenn es nicht mehr möglich wäre. In der Eucharistie wird Tod und Auferstehung Jesu Christi, das Zentrum unseres Glaubens, gegenwärtig, man wird hineingenommen in diese ganze Welt. Ich habe auch in meiner Wohnung in Rom eine kleine Kapelle. Mit der Schwester, die mir im Haushalt hilft, feiere ich morgens gemeinsam die Messe. Das ist etwas sehr Schönes. Wir feiern langsam und machen zwischendurch Betrachtungen; ich lese nicht nur einfach die Messe herunter. Stattdessen mache ich nach dem Evangelium eine Pause zum Nachdenken über den biblischen Text, auch nach der Kommunion mache ich eine Pause und so weiter. Und so brauchen wir eine gute dreiviertel Stunde für eine Heilige Messe. Das ist schön und da haben wir sehr viel Romano Guardini zu verdanken, weil er uns da eingeführt hat. Ich habe im Laufe meines Lebens die Messe auch in verschiedenen Sprachen gefeiert.

In Afrika war es besonders schön; für die Menschen dort ist die Messe ein Fest, die Eucharistie wird voller Inbrunst gefeiert. Viele Afrikaner brauchen mindestens zwei Stunden am Sonntag, bei uns haben die Leute schon nach 50 Minuten oft keine Lust mehr. In Afrika wird getanzt, gewippt, gesungen und es ist ein Fest, es ist etwas Schönes. Ich erinnere mich an viele solcher Messfeiern, die ich in Afrika gehalten habe. Aber auch in China, wo es für die Kirche schwierig ist, habe ich Gottedienste gefeiert und immer, wenn ich dort über den Papst predigte, haben die Leute geklatscht. Die Chinesen wollten die Messe in lateinischer Sprache, die Gläubigen dort konnten die Texte noch lateinisch, wenn ich sagte: „Dominus vobiscum“ antworteten sie: „Et cum spiritu tuo.“ So habe ich in der ganzen Welt Erfahrungen gemacht und in unterschiedlichsten Ländern gerne und mit Freude Eucharistie gefeiert.

Worin besteht aus Ihrer Sicht der Zeit- und Kirchenwandel im 21. Jahrhundert im Vergleich zum 20. Jahrhundert?
Die ganze Welt ist momentan im Wandel und wir wissen gar nicht so genau, wohin das läuft. Die Kirche ist sicher nicht nur eine Kirche in der Welt, aber sie lebt in der Welt und muss den Wandel in gewisser Weise mitvollziehen. So spielt momentan eine Rolle, dass die Laien einen größeren Einfluss und mehr Mitwirkung wünschen. Das ist auch richtig, das ist ein Punkt des Wandels. Ein anderer Punkt ist, dass unsere Welt sehr technisch und wirtschaftlich geworden ist und sehr oft die religiöse Dimension fehlt. Man muss die Leute wieder hinführen zum Glauben und zur Religion. Das war früher nicht so. In der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, war es in meinem Heimatdorf selbstverständlich, dass alle katholisch waren. Die Kirche muss heute auf die Suchenden und Fragenden reagieren. Diese Menschen sind auf dem Weg. Und sie brauchen Wegbegleitung. Und auch vielen gläubigen Christen muss man erst wieder erklären, was etwa die heilige Eucharistie ist. Man muss ihnen erklären, was diese Dinge alle bedeuten. Dann ein dritter Punkt: Wir sind heute durch das Fernsehen und durch soziale Medien mit der ganzen Welt verbunden; wir dürfen uns also nicht nur als deutsche Christen verstehen, sondern wir müssen wissen: Wir leben in einer Weltkirche und das ist etwas Schönes. Wir sind nicht allein, da gehören andere Leute, die andere Sprachen sprechen, die andere Kulturen haben, dazu. Der gemeinsame Glaube führt all diese Menschen in den verschiedenen Regionen der Weltkirche zusammen, und das sind insgesamt 1,4 Milliarden. Und in Rom erfährt man die große Weltkirche jeden Tag aufs Neue. Wir dürfen nicht meinen, dass wir in Deutschland alles besser wissen und dass die Menschen in anderen, weit entfernten Ländern sich nach uns richten müssen. Auch wir können sehr vieles von den Menschen in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten lernen.

Wie kann man bei all dem Leid und den Ungerechtigkeiten in der Welt an der Wahrheit Jesu Christi festhalten und daraus Kraft schöpfen?
Momentan gibt es so viel Leid in der Welt. Mit den zahlreichen Kriegen, das ist ja Wahnsinn, was da geschieht. Während wir Reichen im Überfluss zu essen haben, verhungern anderswo Menschen. Warum lässt Gott das zu? Auf diese Frage kann man letztlich keine Antwort geben. Aber diese Wirklichkeit ist für uns eine Herausforderung und Aufgabe, armen und bedürftigen Menschen zu helfen. Auch wenn wir nicht allen helfen können; wir müssen Barmherzigkeit leben. Und oft sind es kleine Dinge, mit denen man anderen Menschen eine Freude machen kann. Die Freude kehrt dann ins eigene Herz zurück; geteilte Freude ist doppelte Freude, sagt man. Indem wir anderen helfen und sie trösten, kann ihnen bewusst werden: Ja, es gibt doch noch eine andere Dimension, es gibt doch noch Menschen, die von Gott her leben und die einem zu Hilfe kommen. Aber eine vollständige Antwort darauf, warum Gott das Leid zulässt, können wir nicht geben, weil wir dem lieben Gott nicht in die Karten schauen können. Man kann aber sagen, Gott selbst hat gelitten, er ist ins Leiden eingegangen in Jesus Christus, und das Leid hat ihn zur Auferstehung geführt. Vom Kreuz zur Auferstehung. Von daher kann man schon sagen, dass vieles auch Prüfungen von Seiten Gottes sind. Die beste Antwort ist, wenn ich einem Menschen konkret helfe. Wenn ich zum Beispiel in Rom spazieren gehe, dann stecke ich mir meistens ein paar Münzen ein, weil ich weiß, dass ich vielen Bettlern begegne. Ich weiß, dass da nicht alles echt ist und dass nicht alle wirklich in Not sind, aber es sind eben auch wirklich Bedürftige darunter, und die erfahren dann: Ja, es gibt Menschen, die mit mir fühlen, Mitleid haben – und Gott sorgt über andere auch für mich.

Aber nochmals: Warum all das Leid?
Angesichts des großen Elends, angesichts der Kriege ist es wirklich schwierig geworden, auf diese Frage zu antworten. Aber es gibt eben auch das Böse in der Welt, auch das müssen wir bedenken. Und das wird bleiben bis zum Ende der Welt. Menschen zetteln Kriege an, schaffen Ungerechtigkeiten, tun Böses. Und Gott achtet die Freiheit jedes Einzelnen. Wir sind nicht wie im Puppentheater, wo die Puppen tanzen je nach den Fäden, die man zieht. So geht Gott nicht mit uns um. Er lässt uns unsere Freiheit auch im Bösen. Am Schluss müssen wir dann freilich die Verantwortung für unser Tun übernehmen, das ist auch wahr. Es ist eine bib­lische Herausforderung und ein Auftrag für uns Christen, unser Möglichstes zu tun, um eine bessere Welt zu gestalten.

Eine letzte Frage: Hat Sie die Wahl von Robert Prevost zu Papst Leo XIV. überrascht und, wenn ja, warum? Was erwarten Sie sich von ihm?
Ich bin sehr glücklich mit dieser Wahl. Sie hat mich überrascht und auch, dass das Konklave so kurz verlaufen ist. Sie müssen sich vor Augen führen: Da kommen 130 Kardinäle aus den verschiedensten Teilen und Kulturen der Welt zusammen und innerhalb von 24 Stunden einigen sie sich auf einen Papst. Das kann bloß der Heilige Geist fertigbringen, das bekommt man sonst nicht hin. Seit der Zeit, in der er an der Kurie wirkte, habe ich ihn in Gesprächen als einen Mann kennengelernt, der bescheiden auftritt, weniger spricht als vielmehr hinhört, um die Anliegen und Probleme seines Gegenübers zu verstehen – und nicht gleich sagt, was zu tun ist. Er hat viel praktische pastorale Erfahrung.

Für Papst Franziskus hat er eine große Zuneigung gehabt, er ist aber kein Franziskus II. Dessen Ideen nimmt er auf, will sie aber auf seine eigene Weise weiterführen. Er ist auf Kontinuität und auf Konsens bedacht und ich habe den Eindruck, er ist ein sehr ausgeglichener Mensch, weder extrem rechts noch extrem links, sondern auf Vermittlung und Versöhnung bedacht. Dabei hilft ihm sein ausgeprägtes Charisma, Menschen zusammenführen zu können! Und ich meine, das ist seine Aufgabe als Papst, die verschiedenen Flügel, die es in der Kirche heute ja leider gibt, zusammenzuführen, zu vereinen. Das kann er nicht von heute auf morgen schaffen und die Betroffenen müssen daran mitwirken. Es war bezeichnend, dass sowohl sehr konservative als auch sehr progressive Kardinäle für ihn gestimmt haben. Er ist ein Mann der Mitte und das ist in der Kirche sehr wichtig. Und damit ist er auch politisch ein Mann des Friedens. Ich erwarte von ihm, dass er Einfluss nimmt auf diejenigen, die die Geschicke der Menschheit prägen. Und in dem Maße, in dem er das kann, wird er – glaube ich – auch das eine oder andere erreichen. Er beherrscht viele Sprachen. Englisch als Muttersprache, aber auch Spanisch durch seine Zeit in Peru; er beherrscht Italienisch durch seine Studienzeit; er ist auch des Deutschen mächtig.

Kurzum: Er macht kein großes Trara. Er ist ein Mensch, der den Frieden in sich trägt und dann auch Frieden ausstrahlt und Frieden stiften kann. Und ich denke das brauchen wir heute ganz dringend!

Das Gespräch führte Christian Dick.

Das Vatican-Magazin

Das Vatican-Magazin (Untertitel: „Schönheit und Drama der Weltkirche“) erscheint zehnmal im Jahr und wartet mit einer Fülle an Informationen aus der Katholischen Kirche auf – aus Deutschland und der Welt. Das Magazin versteht sich als wertkonservativ und romtreu. Man kann es als Leuchtturm im Nebel des Relativismus bezeichnen. Es kostet 60,00 € im Jahr. (rei)

Wer das Vatican-Magazin abonnieren möchte, wende sich an den Fe-Medienverlag, Leser- und Abo-Service, Hauptstraße 22, 88353 Kißlegg, Tel. 07563 / 60 89 980, Fax: 07563 / 60 89 989, Mail: vatican@fe-medien.de

Transparenzhinweis: Der Fe-Medienverlag ist Mitgesellschafter bei der Allgäu-Medien KMR GmbH, die die Bildschirmzeitung herausgibt.




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