Die Deportation von Fritz und Lilly Gollowitsch
Leutkirch am 28. November 1941. Die Verdunklung dauerte bis 8.20 Uhr. Im Lokalteil des “Verbo”, der damaligen Zeitung, lauten die Schlagzeilen „Brot ist kein Spielzeug“, „Keine Nachlässigkeit bei der Verdunklung“, „Großer Kriegsbauerntag in der Kreisstadt Wangen“. Anzeigen weisen auf die Veranstaltungen der nächsten Tage hin: ein Hausmusik-Abend mit der Stadtkapelle am Samstagabend, die Heldenehrungsfeier der NSDAP-Ortsgruppe Leutkirch am Sonntagnachmittag und der Nikolausmarkt am 1. Dezember. Im Kino läuft „Annelle. Die Geschichte eines Lebens“.
Anscheinend ein ganz normaler Freitag im Kriegsjahr 1941. Jedoch nicht für alle. Denn an diesem Freitag wurden morgens um 7.45 Uhr der 53-jährige Kaufmann Fritz Gollowitsch und seine 52-jährige Frau Lilly mit dem Zug von Leutkirch über Memmingen und Ulm nach Stuttgart ins Sammellager Killesberg deportiert. Den Transport begleitete Hauptwachtmeister Kellenberger von der Schutzpolizei. Er kehrte am Samstag, den 29. November, um 15.58 Uhr alleine wieder nach Leutkirch zurück. Die genaue Kostenrechnung erstellte er noch am selben Tag. 47,30 RM fielen für die zweitägige Dienstreise an, darunter die Kosten von 14,40 RM für die einfache Bahnfahrkarte Leutkirch – Stuttgart für das Ehepaar Gollowitsch.
Aus den wenigen archivischen Quellen lässt sich der Ablauf der Deportation nur grob rekonstruieren. Eine Woche zuvor, am 21. November 1941, hatte der Landrat des Kreises Wangen den Leutkircher Bürgermeister Reichert über die genaue Durchführung der „Abschiebung von Juden“ informiert. „Im Rahmen der gesamteuropäischen Entjudung“ sei Württemberg und Hohenzollern zunächst mit einem Eisenbahntransport von 1000 Juden beteiligt, der am 1. Dezember 1941 von Stuttgart aus in das Reichskommissariat Ostland abgehe. Aus dem Kreis Wangen seien hierfür Fritz und Lilly Gollowitsch aus Leutkirch vorgesehen. Sie erhielten die Transportnummern 808 und 809.
Ab dem 27. November dienten die für die Reichsgartenschau 1939 errichteten Ausstellungshallen auf dem Killesberg in Stuttgart als Sammellager. Die Menschen lagerten dort, nach Berichten der wenigen Überlebenden, „auf dem blanken Fußboden, ohne Matratze, Strohsack oder eine Bettdecke.“ Um die Austreibung der Juden „in einem historischen Dokument“ festzuhalten, ließ die Stadtverwaltung Stuttgart einen Film über das Sammellager drehen. Der Stummfilm zeigt die angstvollen Gesichter der Menschen und die drangvolle Enge in der großen Ausstellungshalle.
In den frühen Morgenstunden des 1. Dezember 1941 brachten Ordnungspolizisten die etwa 1000 Deportierten an den Inneren Nordbahnhof. Von dort aus fuhr der Deportationszug in die lettische Hauptstadt Riga. Die Fahrt nach Riga dauerte drei Tage. Die Deportierten kamen in das behelfsmäßige Lager Gut Jungfernhof nahe der Stadt Riga. Ein Großteil der am 1. Dezember 1941 deportierten württembergischen Juden wurde Ende März 1942 bei einem Massaker im Wald von Bikernieki erschossen. Über das weitere Schicksal von Fritz und Lilly Gollowitsch ist nichts bekannt, sie gelten als in Riga verschollen. 1949 wurden sie vom Amtsgericht Leutkirch für tot erklärt.
Nicola Siegloch
Nicola Siegloch ist Stadtarchivarin in Leutkirch. Die Familie Gollowitsch betrieb in der Marktstraße in Leutkirch ein weit über die Stadt hinaus bekanntes Bekleidungsgeschäft.



