Aulendorf – Der Besuch der kurdischen Journalistin Meşale Tolu in Aulendorf auf Einladung der BUS e.V. und BUS-Gemeinderatsfraktion musste infolge der Corona-Bestimmungen im April verschoben werden und konnte jetzt sechs Monate später stattfinden. Die Ulmerin Tolu wurde 2017 im Rahmen ihrer Pressetätigkeit in der Türkei inhaftiert und kam erst nach 8 Monaten nach zahlreichen Protesten und diplomatischen Initiativen frei.

 

Am 30. April 2017 morgens gegen 4:30 Uhr Ortszeit war eine Antiterroreinheit gewaltsam in ihre Wohnung im Istanbuler Stadtteil Kartal eingedrungen und nahm sie vor den Augen ihres zweijährigen Sohnes fest. Ihr wird „Terrorpropaganda“ und „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ vorgeworfen. Zu den sogenannten Beweisen gegen sie zählt u.a., dass sie eine der rund 2000 Teilnehmer an der Beerdigung von Sirin Öter und Yeliz Erbay war. Beide waren 2015 von Polizeikräften bei einem Einsatz in Istanbul getötet worden. Außerdem sei sie auf einer Gedenkveranstaltung für eine 2015 in Syrien getötete deutsche Kämpferin der kurdischen Miliz YPG gesehen worden.Tolu gab an, als Journalistin über die Veranstaltung berichtet zu haben.

Tolus Ehemann, der Journalist Suat Çorlu, war bereits am 5. April 2017 in Ankara verhaftet worden. Er sitzt wegen angeblicher Mitgliedschaft in der MLKP in U-Haft. Am 18. Dezember 2017 wurde Meşale Tolu aus der Haft entlassen. Fünf weitere Inhaftierte sollten ebenfalls auf freien Fuß kommen. Allerdings erließ das Gericht gegen alle sechs Angeklagten eine Ausreisesperre. Am 20. August 2018 wurde bekannt, dass Tolu nach Deutschland ausreisen dürfe.

 

Über ihre Haft hat sie nun ein Buch veröffentlicht „Mein Sohn bleibt bei mir“. Aus diesem Buch liest sie der Veranstaltung in der Stadthalle Aulendorf, die mit mehr als 60 Teilnehmern nach Corona- Hygienebestimmungen ausverkauft war.

Blix - Chefredakteur Dr. Roland Reck stellt die Autorin zu Beginn vor: 1984 in Ulm geboren, studierte sie in Frankfurt Spanisch und Philosophie, lebte seit 2013 in Istanbul, wo sie bei einem Radio-Privatsender tätig war, der nach dem Putsch geschlossen wurde. Ihr Sohn Serkan kam 2014 zur Welt. Sie arbeitete bis zur Verhaftung für einen türkischen Pressedienst und nach Ihrer Ausreise nach Deutschland absolviert die 34-Jährige seit dem 17. Juni 2019 ein Crossmedia-Volontariat beim „Schwäbischen Zeitungsverlag“, unter anderem bei der Redaktion in Biberach.

 

Erstaunlich gefasst berichtet Tolu über den Überfall im Morgengrauen, dem Tag ihrer Verhaftung. Die Verhaftungen in der Türkei von oppositionellen Politikern, Journalisten, Lehrern, Rechtsanwälten gehen seit vier Jahren ohne Unterbrechung weiter. 2017 war das Jahr, in dem „taz“-Redakteur und Türkei-Korrespondent der „Welt“ Deniz Yücel und Peter Steudtner, Politologe und Menschenrechtsaktivist verhaftet wurde, alle unter dem Vorwurf der Terrorpropaganda oder Unterstützung einer Terrororganisation. Über die Verhaftung von Yücel hatte sie selbst noch berichtet und zwei Monate später wurde sie ebenfalls verhaftet.

In der ersten Aprilwoche war ihr Mann Suat Çorlu verhaftet worden, der für seine Partei in der zentralen Wahlkommission saß. Der Überfall der TEM-Sondereinheit (Kampf gegen den Terror) traf sie unvorbereitet. 3 ½ Stunden lang wurde ihre Wohnung von oben nach unten gekehrt, bevor sie zum Polizeipräsidium Vatan (zu dt. Heimat) mitgenommen wurde. Ihr wurde verwehrt, Verwandte oder Anwälte zu kontaktieren. Ihren Sohn Serkan musste sie unter diesen Umständen beim Nachbarn lassen, der eingeschüchtert ein Protokoll ihrer Verhaftung unterschrieb.

Serkan wurde wie seine Mutter von bewaffneten Polizisten aus dem Schlaf gerissen und musste mit ansehen, wie sie zu Boden gedrückt wurde. Zitternd vor Angst brachte er kein Wort mehr heraus. Die Verhaftung am 30. April fand ein Tag vor dem 1. Mai statt, dem Tag, an dem Erdogan und sein Staatsapparat Anschläge und Demonstrationen erwartete. Zuerst noch in der Hoffnung nach 14 Tagen wieder frei zu kommen, hatte sie nichts weiter mitgenommen. Der Polizeichef Burak machte ihr ein Angebot, wenn sie ihnen helfe können sie das Procedere beschleunigen und sie ihren Sohn bald wiedersehen. Sie schlug das Angebot schweigend aus. 7 Tage lang versuchte man sie zu zermürben, ehe sie ins Frauengefängnis Bakirköy gebracht wurde. Dort kam sie unter Frauen, die alle mit demselben Vorwurf Terrorpropaganda und Unterstützung terroristischer Organisationen angeklagt waren.

Nach 17 Tagen sah sie zum ersten Mal ihren Sohn wieder, und musste nun entscheiden ihn entweder zu ihrer Familie in Ulm oder mit ins Gefängnis zu nehmen. Von ihrer Anwältin hatte sie gehört, dass Serkan traumatisiert nicht mehr richtig schlief oder aß. Da sie selbst ab dem 6. Lebensjahr ohne Mutter aufwuchs, sie war früh bei einem Unfall ums Leben kam, wollte sie ihren Sohn bei sich haben. „Wochenlang trug ich mein Kind auf dem Arm. Ich kam mir wie eine Kängeru-Mutter vor, mit ihrem Baby im Beutel“ liest Tolu aus ihrem Buch.

Dann erhielt sie einen Brief von ihrem Mann und schickte Serkan mit ihrem Vater zu Suat ins Hochsicherheitsgefängnis Silivi, in dem auch Yücel und Steudtner einsaßen. Als Sekan am Abend zurück war, fragte sie ihn nach Papa. „Ich habe Papa nicht erkannt. Seine Haare waren weg und er hatte keinen Bart“ antwortete Serkan. „Mama, wer schließt die Türe ab?“ fragte er und hatte intuitiv den Unterschied zwischen Freiheit und eingesperrt sein begriffen. Kurz vor ihrem Prozess am 11. Oktober, besuchte Serkan seinen Vater ein zweites Mal und kam mit verheulten Augen zurück. Er weinte immerfort. „Ich will echte Gummibärchen essen, Fußball spielen und draußen leben“, klagte er. In zwei Wochen während ihrem Prozess, konnte er zu seiner Tante und schließlich nach Deutschland wobei ihr Kontakt zu Serkan auf ein kurzes Telefonat alle 15 Tage beschränkt blieb.

 

Tolu hatte sich entschieden, für ihre Freiheit selbst zu kämpfen und nicht stumm zu bleiben. Sie ging mit vielen Briefen an die Öffentlichkeit, erfuhr von einer 40-wöchigen Mahnwache in Ulm und anderen Solidaritätsbekundungen. Diese Öffentlichkeit hatte Druck auf die türkische Regierung ausgeübt. Der Ex-Kanzler Schröder kam als Vermittler in die Türkei und wenig danach wurde Steudtner als erster an seinem Prozesstag freigelassen. Sie musste hingegen auf den 2. Prozess warten, ehe ihr Verfahren eine Wendung nahm und sie nach 8 Monaten Haft entlassen wurde. Yücel musste gar ein ganzes Jahr auf seine Freilassung warten. Während sie weitere Monate in der Türkei bleiben musste, wurde Yücel wie Steudtner sofort ausgewiesen.

Zum Schluss ihres gut einstündigen Vortrags liest sie einen Brief von Hatice Duman. Sie ist die weltweit am längsten inhaftierte Journalistin, seit 17 Jahren inhaftiert und weitere 13 Jahre stehen ihr, zu lebenslang bestraft, bevor. „Vielleicht werde ich eines Tages an Meşale und Serkans Tür klopfen und sie erneut umarmen“ schließt der Brief.

 

Der Prozess ist noch nicht zu Ende. Eine nächste Verhandlung steht 2021 an. Serkan geht es heute gut. Er hat heute sein erstes Fußballturnier gespielt und keine Anzeichen von Traumata. Weitere Fragen der Zuhörer drehen sich um die politischen Verhältnisse, ihre Einschätzung zu Erdogan und die konsularische Betreuung während ihrer Haft, hat sie doch keine doppelte, sondern ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Der deutsche Botschafter in Istanbul habe sich sehr für sie eingesetzt, insbesondere am Tag ihrer Entlassung, wo es zunächst nach einer weiteren Verschleppung aussah, war er hinter ihr hergefahren. Erdogan sieht sie auf dem Weg zu seiner Agenda 23, der alleinigen Herrschaft. Über die türkische Community in Deutschland meint sie, sie informieren sich einseitig und sie wirbt für eine vorurteilsfreie Information.

„Ich liebe die Türkei mit all ihren Facetten“, sagt sie trotz ihrer Erfahrungen in türkischer Haft. Sie ist mit maximal 25 Jahre Haftstrafe bedroht und darf nicht mehr in die Türkei. Mit der Möglichkeit ihr Buch zu kaufen und signieren zu lassen, endet die Veranstaltung.

Text und Bilder: Gerhard Maucher

 

Roland Reck Tolu 578

 

 

IMGP6729 578

 

 

Familie Groll 578

 

 

 

Pin It
­