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Ravensburg -. Hochmut kommt vor dem Fall! Das wäre die Kurzfassung für das Aus von „Live in Ravensburg“, kurz Lira genannt, wenn man die Feststellung des Geschäftsführers Willi Schaugg, wonach die städtische GmbH sich „vom Sorgenkind zum Gewinnbringer der Stadt“ gemausert habe, wie er vor zwei Jahren im regionalen Fernsehen verkündet hatte, mit der Tatsache konfrontiert, dass der Stadtrat nun das Ende der Veranstaltungs-GmbH zum 30. Juni beschlossen hat. Damit folgte das Gremium der Verwaltungsempfehlung, um den angespannten Haushalt nicht noch länger mit den Defiziten der eigenen GmbH zu belasten. Denn Lira war schon immer „Sorgenkind“. Aber wie weiter mit der Kultur als „Gewinnbringer“ in Ravensburg? Das will BLIX vom Aufsichtsratsvorsitzenden der Lira und Ersten Bürgermeister Simon Blümcke, zuständig für die Kultur in der Türmestadt, wissen.

 

Herr Blümcke, muss man sich um die Kultur in Ravensburg Sorgen machen?

Nein, natürlich nicht. Ravensburg ist und bleibt das kulturelle Herz Oberschwabens. Wir leben als Stadt und Kulturamt eine Ermöglichungskultur mit zahlreichen Partnern, Initiativen und Vereinen. Beispiele sind hochkarätige Jazz-Konzerte, durchgeführt zum Beispiel von JazzTime e.V., die raffinierte Bespielung der Zehntscheuer durch den Trägerverein, ausgefallene Party-Reihen durch Private und eben auch das städtische Kultur-Abo, die Ravensburger Spielzeit. 

 

Sie werden in der Schwäbischen Zeitung mit dem Satz zitiert: „Der Markt, in dem sich die Lira bewegt hat, war vor Corona gestört. Jetzt ist er zerstört.“ Wie ist das zu verstehen?

Aufgepasst – die Lira (live.in.ravensburg GmbH) war keine übliche städtische Hallen-Gesellschaft mit bloßem Vermietbetrieb! Die Lira hat neben der Vermietung der Oberschwabenhalle die städtischen Häuser, das Konzerthaus und den Schwörsaal, als Betriebsführer geführt. Aber auch eigene große Messen wie die Oberschwabenschau und kleinere Messen wie die ‚hausplus‘ in Eigenverantwortung durchgeführt. Letztere auch in Biberach als ‚bauplus‘. Lira war also ‚hart am Markt‘ tätig und hat nicht nur die Türen von Ravensburger Sälen aufgesperrt und zum Beispiel externe Veranstalter reingelassen, wie das sonst bei städtischen Hallen der Fall ist. Darüber hinaus hat die Lira auch selbst gecatert – mit einem eigenen Team wurde die komplette Verpflegung von Großveranstaltungen übernommen. Dieses ‚alles aus einer Hand‘ ist für den Mieter zwar zunächst geschickt, muss aber auch alles bezahlt werden. Das war vor Corona schwierig und ist durch Corona ‚zerstört‘ – das war mit dem Zitat gemeint. Kultur und das Verlangen nach Kultur sind bei uns in Ravensburg hingegen lebendiger denn je! 

 

BM Simon Blümcke

Simon Blümcke ist als Erster Bürgermeister zuständig für die städtische Kulturarbeit und war Aufsichtsratsvorsitzender der Lira (Live in Ravensburg GmbH). Als solcher kritisierte er auch gelegentlich die Programmauswahl.

 

Aber was konkret ist vor Corona schief gelaufen im Kulturmanagement der Lira?

Wenn Sie alles aus einer Hand anbieten, müssen sie einen großen Overhead und viele Betriebsmittel und Personal vorhalten. Sie müssen das Bezahlen dieser Kosten am Markt auch durchsetzen. Zu guten Zeiten ging das wirtschaftlich mit einer sogenannten ‚schwarzen Null‘. Nur kleinere Wolken am Konjunkturhimmel sorgten schon für rote Zahlen. Durch Corona wurde das Modell zu einem Fass ohne Boden. Der Gemeinderat als Vertreter des Gesellschafters musste hier leider handeln.

 

Am 30. Juni endet der Versuch der Stadt Ravensburg, seine Kulturhäuser von einer städtischen GmbH bespielen und managen zu lassen. Wie sieht die Bilanz aus?

Für Corona können die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lira nichts. Vor 17 Jahren gab es vielleicht gute Gründe, eine städtische GmbH zu gründen. Wenn Sie mich aber persönlich fragen, war ich noch nie ein Freund, Kultur nur als ‚Markt‘ zu sehen. Kultur hat zunächst einen Eigenwert, der Mehrwert für die Gesellschaft geben kann. In Euro lässt sich der nicht immer bilanzieren, eine GmbH MUSS jedoch in Euro rechnen. Das sticht sich. Wir werden keine GmbH für die Halle und Häuser mehr gründen, so viel ist schon klar. Zum Glück sind die Häuser nie ins Eigentum der Lira übergegangen, so dass wir nun über die Aufgabennachfolge ‚Halle und Häuser für die Kultur‘ in Ruhe diskutieren können. 

 

Der Geschäftsführer der Lira Willi Schaugg bezeichnete sein Unternehmen als „geborene Verlustgesellschaft“. Was ist daran richtig oder falsch?

Hier muss man zugeben – das klingt sehr schräg, dafür kann aber Willi Schaugg nichts. Das ist ein Ausdruck aus dem Gesellschaftsrecht. Er meinte wohl, dass trotz der Gewinnerzielungsabsicht und der harten Arbeit am Markt, eine solche kulturelle Aufgabe von der Lira nicht mit Gewinn betrieben werden kann. Da hat er auch recht: Die Stadt musste als Gesellschafter jedes Jahr die Verluste der Gesellschaft ausgleichen, damit diese nicht iliquide wurde. 

 

Pressebild Oberschwabenschau 17

Die Oberschwabenschau ist das jährliche Highlight der Messen in Ravensburg.

 

Wie viele Beschäftige sind von der Abwicklung der Lira betroffen und haben Sie ihnen was anzubieten?

Knapp 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind von dem Aus der Lira betroffen. Etliche haben schon neue Arbeitgeber gefunden, was mich sehr freut. Mir war es wichtig, die Betroffenen persönlich und umfassend zu informieren. Daher gab es schon am Tag nach dem Auflösungsbeschluss eine Betriebsversammlung mit allen Beschäftigten. Hier konnte ich mit Allen ins Gespräch kommen und informieren. Wir sind derzeit damit beschäftigt, dass die Abwicklung ordentlich abläuft. Es ist jedoch zu früh um konkret zu sagen, ob wir Allen so helfen, wie diese es wünschen. 

 

Wie viele Veranstaltungen wurden von der Lira jährlich gemanagt? Und wer soll von nun an diese Arbeit machen, wer wird die Kulturangebote in den ganz unterschiedlichen Häusern organisieren und durchführen, wer die ‚kulturelle Orientierung‘ vorgeben?

Nur etwa 20 bis 30 Prozent der Veranstaltungen in der Oberschwabenhalle waren Eigenveranstaltungen der Lira. Die Mehrzahl war schon bisher eingemietete Veranstalter. Daher gehen wir davon aus, dass die Oberschwabenhalle und das einzigartige Konzerthaus weiterhin als toller Veranstaltungsort in einem Verdichtungsraum von über 200.000 hier lebenden Menschen im Umkreis von 20 Kilometern rund um die Halle wahrgenommen wird. Etliche Veranstalter rennen uns die Türe ein und wollen weiterhin bei uns mieten. Für diese Vermietungen überlegen wir uns derzeit ein Konzept. Noch steht es allerdings nicht, das muss der Gemeinderat gutheißen und dann beschließen.

 

Sie haben in der Vergangenheit öfters Kritik an der Auswahl der Kulturangebote der Lira geübt. Muss Kultur in ihren unterschiedlichen Facetten nicht auch provozieren? Wie wollen Sie gewährleisten, dass das Kulturangebot, das Ravensburg für die ganze Region anbietet, nicht im kommerziellen Einheitsbrei versinkt?

Kultur muss frei sein, denn in ihr steckt Kunst. Sie haben Recht: mein persönlicher Geschmack tut nichts zur Sache. Jedoch werde ich weiter – gerne auch mit ihrer Hilfe öffentlich – hinterfragen, ob Rechtsrock, der sich letztlich gegen unser gesamtstädtisches Engagement in Sachen Vielfalt und Integration richtet, oder ‚Gangster-Rap‘ von bourgeoisen Kerlchen marktgerecht dargebracht, der oft Schwule und Frauen extrem beleidigt und herabwürdigt, in unseren kommunalen Hallen stattfinden muss! Zum Glück stehen wir gerade weltweit gegen Rassismus auf – das gleiche Engagement brauchen wir zur Anerkennung von Vielfalt, Frauenrechten und im Kampf gegen jede Diskriminierung. 

Wenn ich auf das gesamte Spektrum der Veranstaltungen in Ravensburg im letzten Jahr schaue, erkenne ich keinen Einheitsbrei, sondern zum Beispiel mit dem Landesjazzfestival, bei dem wir über Soul und HipHop wirklich fast alles im Programm hatten, ein einfach tolles Programm.

 

Capital Bra Copyright HEKS

Der Auftritt des Rappers Capital Bra wurde von  Simon Blümcke kritisiert.
Foto: obs/Universal Music Entertainment GmbH/HEKS

 

Das jährliche Highlight des Messestandorts rund um die Oberschwabenhalle ist die Oberschwabenschau. Wird sie stattfinden in diesem Jahr? Oder sind Sie womöglich froh, wenn Corona diese Großveranstaltung verhindert?

Ravensburg ohne Oberschwabenschau macht niemanden froh, auch in einem solchen Ausnahme-Jahr durch Corona wie 2020. Aber das Quäntchen Gute in dieser Situation ist, dass wir all die Angebote von Dritten in Ruhe prüfen können, die sich um die Durchführung dieser oberschwäbischen Top-Veranstaltung bewerben. Ravensburg bleibt das festliche Wohnzimmer der Region, versprochen! 

 

Die Oberschwabenhalle ist in die Jahre gekommen und für große Veranstaltungen nicht mehr up to date. Das war auch immer wieder die Klage von Seiten der Lira. Wie wollen Sie verhindern, dass Ravensburg einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor, der die Messen und die Kulturveranstaltungen umfasst, verliert?

Als GmbH musste die Lira dem ‚weiter, höher, mehr‘ verpflichtet sein.  Wir als Stadt können aber auch sagen: Wir nutzen was wir haben – nicht mehr und nicht weniger. Genau das loben übrigens viele Veranstalter bei uns: Das Flair der Halle ist ‚echt‘ – es passt perfekt zu Pop, Rock und Party. Oder können Sie sich Bier, Lautstärke auf der einen und edlen Mooreiche-Boden mit Schutzpantoffel auf der anderen Seite vorstellen? Wir nicht. Das meine ich mit Flair einer authentischen, aber etwas in die Jahre gekommen Halle. Wir werden natürlich alles tun, damit der Betrieb für die Besucherinnen und Besucher sicher ist. 

 

Teilen Sie die Hilferufe aus der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft, die wegen Corona existenzgefährdet sind, und wie lässt sich der Untergang einer ganzen Branche verhindern?

Es wäre töricht, wenn ich sagen wurde, dass diese Sorgen durch Corona unbegründet wären. Daher helfen wir unseren Kulturschaffenden und Vereinen zielgenau und individuell. Wichtig ist uns, dass es nach der Pandemie weitergehen kann. Denn wir brauchen Arbeit und Muse – beides ist systemrelevant. 

 

Und zum Schluss noch einmal die Frage: Muss man sich um die Kultur in Ravensburg Sorgen machen?

Behalten Sie einfach unser Programm in Ravensburg im Auge, schon im Herbst möchten wir wieder kleinere Formate in die Häuser (corona-konform) bringen. Ich persönlich vermisse Konzerte, Kino und Theater enorm. 

 

INFO:

Die „Lira“ wurde ursprünglich 2003 als Oberschwabenhallen GmbH gegründet und hat seit 2005 die Oberschwabenschau organisiert. 2017 wurde die Oberschwabenhallen GmbH in „Live in Ravensburg“ umbenannt. Als hundertprozentige Tochter der Stadt war sie zuständig für die Oberschwabenhalle, das Konzerthaus und den Schwörsaal. Vom Eventmanagement bis zum Catering kam vieles „aus einer Hand“. Dabei schrieb das Unternehmen regelmäßig rote Zahlen, lediglich in zwei Jahren wurde die schwarze Null erreicht, vor allem wegen der „Körperwelten“-Ausstellung 2016.

 

Autor: Roland Reck

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