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Altdorfer Wald - Einst hat er den letzten Räubern Oberschwabens Unterschlupf geboten, nun muss er selbst geschützt werden – gegen den Raubbau an seinem Untergrund. So sehen es die Mitglieder des Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald e.V., die am 2. Juli um 8 Uhr in der Früh dem Ravensburger Landrat Harald Sievers (CDU) eine Petition zum Schutz des größten Waldgebiets Oberschwabens überreicht haben. Die Petition für ein Landschaftsschutzgebiet und gegen den geplanten weiteren Kiesabbau haben rund 10.000 Einwohner des Landkreises unterschrieben.

Das bürgerschaftliche Wollen wird nun den Kreistag beschäftigen. „Und wir achten darauf, dass der Antrag nicht auf die lange Bank geschoben wird“, kündigt Helmut Fimpel aus dem Vereinsvorstand an. Denn Gefahr sei in Verzug. Worum geht’s?

Verlässt man Bad Waldsee und folgt der B 30 in Richtung Ravensburg quert man den Altdorfer Wald, wo sich vor 200 Jahren die letzten Räuber Oberschwabens vor ihren Häschern versteckt hielten. Das Waldgebiet ist mit rund 8000 Hektar der größte Forst Oberschwabens, der sich von Waldburg bis Aulendorf quer durch den Landkreis Ravensburg erstreckt. Ein Naturreservoir, wichtig für den Wasserhaushalt und das Klima. Der Höhenrücken besteht oberflächlich aus Wald, darunter aber versteckt sich seit der Eiszeit viel Kies. Ein wichtiger Rohstoff für die Bauindustrie, mit dem sich bekanntlich viel „Kies“ machen lässt. 

In Grenis bei Amtzell wird bereits seit 1967 Kies abgebaut. Seit 1987 betreibt das Unternehmen Meichle und Mohr aus Immenstaad die Grube. Am Standort Grenis befindet sich auch ein Kieswerk, in dem der Rohstoff aufbereitet wird. Da in der bisherigen Grube in Grenis die Kiesvorräte zur Neige gehen, will das Unternehmen zusätzlich Kies aus einer neuen elf Hektar großen Grube beim Vogter Ortsteil Grund von dort nach da transportieren. Dagegen formierte sich bürgerlicher und kommunaler Widerstand, der im September 2018 zur Gründung des Vereins „Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald“ führte.

Es geht schließlich um den Geburtsort von Nachhaltigkeit. Für den Wald wurde dieses Prinzip der Nutzung bereits 1713 von dem sächsischen Oberberghauptmann Hanns Carl von Carlowitz postuliert, wonach nur so viel Holz geschlagen werden darf wie nachwächst. Die Erkenntnis war Resultat des Raubbaus, der schon damals dem Wachstum geschuldet war.

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Der Kiesabbau schlägt Wunden in den Altdorfer Wald, wie hier bei Oberankenreute.  

Die Ausweisung des Altdorfer Waldes zum Landschaftsschutzgebiet ist von Seiten der Naturschützer als Vehikel gedacht, um den erweiterten Kiesabbau und die Gefährdung des Trinkwassers sowie den gesteigerten Lkw-Verkehr zu verhindern. Mehr nicht – auch Windkraft wäre weiterhin möglich. Die entscheidende Instanz ist die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt. Im Unterschied dazu liegt bei einem weitergehenden Schutzstatus die Kompetenz weit weg vom Altdorfer Wald in Stuttgart. 

Es geht dem Verein um den Wald vor der Haustüre und um das Wasser, das aus dem Hahn kommt, dabei findet er Unterstützung bei Gemeinden bis hinab ins Schussental, wo sich auch Baindt und Baienfurt gegen den erweiterten Kiesabbau aussprechen. Denn es geht um die Sicherung der kommunalen Wasserversorgung, die sich aus mehreren Quellen im Altdorfer Wald speist. „Wasser, das von der Quelle in die Leitungen fließt“, unterstreicht Vorstandsmitglied Helmut Fimpel die Wasserqualität. Ein in Auftrag gegebenes Gutachten stützt die Gegner und warnt vor Eingriffen in den Wasserhaushalt, aber die Entscheidung, ob es zu weiterem Kiesabbau kommt, ist beim Regionalverband anhängig. Dessen Planungsentwurf sieht es vor, wogegen der Verein mit dem Hinweis auf die Gefährdung der Wasserversorgung, die Zerstörung der Landschaft und die Beeinträchtigung des Naturraums opponiert.

Um diese Gefahren zu bannen und Abhilfe zu schaffen, hat der Verein Anfang des Jahres eine Petition auf den Weg gebracht und trotz Corona insgesamt über 10.000 Unterschriften für die Ausweisung des gesamten Altdorfer Waldes zum Landschaftsschutzgebiet gesammelt. Adressat dafür ist das Landratsamt, das als Untere Naturschutzbehörde für die Ausweisung von Landschaftsschutzgebieten zuständig ist. Unterstützung erfahren die Initiatoren bisher von den Gemeinden Baindt, Baienfurt, Bergatreute sowie Wolfegg, deren Gemeinderäte sich für den Altdorfer Wald als Landschaftsschutzgebiet ausgesprochen haben, ebenso wie die SPD-Kreistagsfraktion, die für sich in Anspruch nimmt, mit einem sinngleichen Antrag bereits im Januar formal die Tür geöffnet zu haben. „Erst durch diesen Antrag ist das Thema ein offizielles Beratungsthema im Kreistag geworden, da es auf kommunaler Ebene kein formelles Petitionsrecht gibt“, erklärt SPD-Fraktionsvorsitzender Rudolf Bindig und stellt sich voll umfänglich hinter die Petition. Ansonsten herrschte bis vor kurzem tiefes Schweigen im Wald (Kreis).

Doch dann brachen plötzlich die Grünen durchs Gebüsch mit der Ankündigung, im Ravensburger Kreistag den Antrag einzubringen, den Altdorfer Wald zum Biosphärengebiet zu erklären. So vermeldete es zumindest die Schwäbische Zeitung am 12. Juni. Was ist das nun? Auf Nachfrage erklärt die Fraktionsvorsitzende Liv Pfluger. „Wir sind der Ansicht, dass die Unterschutzstellung als Biosphärengebiet die beste Chance bietet, sowohl die Einmaligkeit des Waldes und die Nutzungsinteressen von Landwirtschaft und Tourismus ausgewogen zu schützen.“ Weshalb ihre Fraktion es kritisch sähe, „wenn die Unterschutzstellung des Altdorfer Waldes auf die Frage des Kiesabbaus reduziert würde. Dies würde der immensen ökologischen Bedeutung des Waldgebietes nicht gerecht werden.“ Aber, so heißt es weiter: „Wenn die absolute Unbedenklichkeit des beabsichtigten Kiesabbaus für den Trinkwasserschutz nicht eindeutig geklärt werden kann, muss unseres Erachtens darauf verzichtet werden.“

Derweil übt sich die CDU-Fraktion im Kunstturnen. In ihrem angefragten Statement zeigt sie sich skeptisch gegenüber einem Landschaftsschutzgebiet, will „keine Käseglocke“, und steht „selbstverständlich zum Kiesabbau in unserer Region“, aber verlangt von den „grün geführten Landesministerien endlich Antworten, wie sich der Export von Kies eindämmen lässt“, um schließlich eine weitere Variante aus dem Hut zu zaubern: „Wir von der CDU neigen deshalb eher zum andernorts schon bewährten Naturpark.“ Was ist das nun wieder? Das Bundesamt für Naturschutz erklärt, dass ein Naturpark ein Natur- und Kulturraum ist, der sich „überwiegend aus Landschaftsschutzgebieten oder Naturschutzgebieten“ ergibt. Also will die CDU mehr als die Petition? Fest steht, erklärt der Fraktionsvorsitzende Volker Restle, Bürgermeister von Horgenzell: „Der Altdorfer Wald ist ein ganz besonders wertvolles Stück unseres Landkreises.“

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Der Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald e.V. veranschaulicht mit dieser Foto-Grafik die bestehenden und geplanten Verhältnisse. Wobei auf kommunaler Fachebene inzwischen Einigkeit besteht, dass das Wassereinzugsgebiet zu klein bemessen ist und erweitert werden muss.

 

Wogegen, wofür, mal sehen?

 

Dieser Begeisterung schließen sich die Freien Wähler in ihrer Stellungnahme an. Doch dann wird’s schwammig wie altes Moos. „Die Betrachtung des Waldes alleine ist aus unserer Sicht aber nicht zielführend und ausreichend.“ Die Meinungsbildung sei noch nicht abgeschlossen, teilt der Fraktionsvorsitzende Oliver Spieß, Bürgermeister in Fronreute, mit. Und lässt wissen: „Eine voreilige Festlegung auf ein Landschaftsschutzgebiet, ein Biosphärengebiet oder einen Naturpark, wie es die letzten Wochen ins Spiel gebracht wurde, halten wir im Moment für nicht zielführend.“

Wogegen, wofür, mal sehen? Dagegen ist die Position der ÖDP glasklar wie die Quellen im Altdorfer Wald. Siegfried Scharpf, Fraktionsvorsitzender: „Die ÖDP Fraktion steht voll und ganz hinter allen Forderungen zum Schutz des Altdorfer Waldes! Der Wald ist für uns ein einmaliges, zu schützendes Lebensgefühl, in dem Flora und Fauna nicht nur erhalten, sondern wieder aufgebaut werden müssen. Der Trinkwasserschutz hat für uns aus mehreren Gründen oberste Priorität. Deshalb kein Kiesabbau und sonstige Eingriffe.“

„Wir schimpfen über den Amazonas und machen den Wald vor der eigenen Haustür kaputt“, heißt es im Verein. Spätestens jetzt fällt auf, dass dieser Kampf um den Wald ganz ohne die Herren des Waldes geführt wird. Es scheint, als ob es keinen Grundeigentümer gäbe, aber 85 Prozent des Altdorfer Forstes gehört dem Land, bewirtschaftet wird er vom landeseigenen Betrieb ForstBW mit seiner Betriebsstelle „Altdorfer Wald“ in Meckenbeuren. Bernhard Dingler ist dort der Chef und nimmt sich Zeit für ein Gespräch.

Der 58-jährige Forstmann trägt schwer an der „Multifunktionalität“, der er gerecht zu werden versucht. Es sind die vielen Ansprüche, denen er sich ausgesetzt sieht und die schwer unter einen Hut zu bringen sind. Er muss einen Wirtschaftsbetrieb führen in äußerst schwierigen Zeiten und trotzdem mit einem ökologisch sinnvollen Waldumbau in die Zukunft investieren und dabei auch noch die vielfältigen gesellschaftlichen Ansprüche befriedigen. Und dabei ist das Objekt seiner Bemühungen, der Wald, „in einem hundsmiserablen Zustand“, wie er betrübt feststellt. Während die Freizeitgesellschaft ihr mannigfaltiges Vergnügen im Wald sucht, sieht er den Wald in großer Gefahr. Nicht wegen der Menschen, die dort ihre Erholung suchen, sondern wegen der klimatischen Bedingungen, die dem Wald von der Wurzel bis in die Baumspitzen heftig zusetzen. Er sagt es nicht so, aber es ist eine Katastrophe. Und damit lässt sich kein Geld verdienen.

Mit Kies aber sehr wohl. Dazu gibt es einen „Vorvertrag“ mit dem interessierten Unternehmen, das in Grund eine neue Kiesgrube ausheben will. Elf Hektar scheinen dem Förster verschmerzbar, und wo Wald ist, wird am Ende des Abbaus wieder Wald wachsen, versichert er. Natürlich sei es ein massiver Eingriff, aber die biologische Wertigkeit könne am Schluss höher sein als zuvor, tröstet er. Und überhaupt, der Kiesverbrauch pro Kopf und Jahr belaufe sich auf mehrere Tonnen. Wo sollen die herkommen? Auch das sei eine Ressource, die im Wald zu finden sei. Und wenn es der Regionalplan so vorsehe, dann würde er sich „nicht anketten“, um die Rodung zu verhindern. Die Petition für ein Landschaftsschutzgebiet sieht er als legitimes Mittel, das nicht automatisch den Kiesabbau verhindert. Und in Sachen Naturschutz geschehe in der forstlichen Praxis viel Kleinteiliges, aber Wirksames. Ein Landschaftsschutzgebiet würde daran kaum was ändern. Den Robin Wood will der Drahtige nicht abgeben, aber: „Ich bin nicht der Kieslobbyist.“

Rund 300 Jahre nachdem der sächsische Oberberghauptmann von Carlowitz das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft einführte, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Food Business Weltgipfel am 18. Juni 2008: „Der Gedanke der Nachhaltigkeit verbindet wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit ökologischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit. Diese drei Ziele bedingen einander. Denn auf Dauer ist kein Wirtschaftswachstum vorstellbar, das auf Raubbau an der Natur oder auf sozialen Ungerechtigkeiten beruht. Diese Erkenntnis ist Ausdruck unserer Verantwortung nicht nur für jetzige, sondern auch für künftige Generationen. Was wir heute tun, darf nachfolgenden Generationen die Chancen auf ein Leben in einer intakten Umwelt und in Wohlstand nicht nehmen.“ Der Knackpunkt ist das Wachstum – solange wir den Wohlstand daran messen. 

 

Autor: Roland Reck

Fotos. Alexander Knor

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