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Oberschwaben - Immer wieder glänzt Oberschwaben bei bundesweiten Wirtschaftsrankings auf vorderen Plätzen. Dazu tragen nicht zuletzt die relativ unbekannten Marktführer, die Hidden Champions, bei. Der familiengeführte Mittelstand zeigt sich in Krisenzeiten besonders flexibel. Die entscheidende Frage aber lautet: Wie kann sich die regionale Wirtschaft in der Corona-Krise behaupten?

Die IHK Region Bodensee-Oberschwaben umfasst die Landkreise Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen. Mitte 2019 waren hier mehr als 261.000 Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, seit 2010 hat ihre Zahl um 23 Prozent zugenommen. Die Arbeitslosenquote lag ein halbes Jahr vor Ausbruch der Corona-Pandemie bei unter drei Prozent.

Erwartungsgemäß anders stellt sich die Situation laut der IHK-Konjunkturumfrage „Sommer 2020“ dar, an der sich im Juni 255 Unternehmen aus der Region Bodensee-Oberschwaben beteiligten. Zwei Drittel der Unternehmen beurteilen ihre Geschäftslage noch als gut oder zumindest befriedigend. Einem Drittel hingegen geht es nach eigenen Angaben schlecht. Das ist ein gewaltiger Einbruch gegenüber der vorigen Konjunkturumfrage im Januar 2020, als noch über 90 Prozent der Unternehmen mit ihrer Geschäftslage mindestens zufrieden waren und erst 9 Prozent eine schlechte Geschäftslage beklagten. Sechs von zehn Betrieben berichten von Umsatzrückgängen. Da die Auftragslage aktuell schlecht aussieht, sind die Unternehmen auch skeptisch, was ihre zukünftige Geschäftsentwicklung angeht, wobei immer noch über die Hälfte der Unternehmen erwartet, dass die Geschäfte zumindest gleich bleibend weiterlaufen, 44 Prozent rechnen mit einer weiteren Verschlechterung.

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Die meisten Beschäftigten im Kreis Ravensburg arbeiten im Bereich des Gesundheitswesens.

Einzelhandel und Gastronomie zeigen sich durch die Schließungen besonders krisengeschüttelt. Aber auch die Industrie kämpft mit massiven Einbrüchen, insbesondere im Exportgeschäft. Die Produzenten gehen nicht davon aus, dass sich das schnell ändern wird. Nur noch jedes zehnte Unternehmen plant steigende Investitionen, immerhin ein Drittel der Unternehmen möchte an seinem Investitionsniveau festhalten, 35 Prozent planen mit weniger und 20 Prozent sogar keinerlei Investitionen. Und auch die Beschäftigungspläne unterscheiden sich gewaltig von denen aus der Vor-Corona-Zeit: Fast vier von zehn Unternehmen wollen Personal reduzieren, nur acht Prozent suchen neue Mitarbeiter, immerhin 54 Prozent wollen am Personalbestand nichts ändern. Die Corona-Krise schüttelt auch die Risikoeinschätzung der Unternehmen durcheinander: gut 70 Prozent von ihnen betrachten die Inlandsnachfrage als Risiko, 45 Prozent die Auslandsnachfrage. Ehemals Spitzenreiter, rangiert der Fachkräftemangel nun mit 27 Prozent der Nennungen auf Platz 4, jedes vierte Unternehmen sorgt sich um die Arbeitskosten. 

Laut einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bodensee-Oberschwaben von Ende Mai wollen 70 Prozent der Unternehmen unverändert an ihrem Ausbildungsangebot festhalten. Nur sechs Prozent der befragten Unternehmen denken über eine Reduzierung nach. Viele Unternehmen, die üblicherweise zu diesem Zeitpunkt bereits Ausbildungsverträge für den Herbst abgeschlossen haben, zögern aber derzeit. „Die Konstellation ist schwierig und offenbar nehmen viele eine abwartende Haltung ein – sowohl die Jugendlichen, die gerne eine Ausbildung beginnen würden, als auch die Betriebe, die offene Stellen haben. Wir halten es daher für sehr wahrscheinlich, dass bis kurz vor Ausbildungsbeginn noch viel Bewegung in den Vertragszahlen drin ist“, analysiert Prof. Dr. Peter Jany, Hauptgeschäftsführer der IHK Bodensee-Oberschwaben die Situation.

Die IG Metall Ulm ist mit über 19.000 Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft der Region. Sie ist zuständig für den Landkreis Biberach, den Alb-Donau-Kreis, Stadtkreis Ulm. Sie betreut über hunderte Betriebe vor allem der Metall- und Elektroindustrie, aber auch der Textilindustrie und des KfZ-Handwerks. Die Betriebe sind überwiegend tarifgebunden. Petra Wassermann, Geschäftsführerin der IG Metall Ulm schätzt, dass in den Monaten März und April bis zu 20.000 Beschäftigte in Kurzarbeit gewesen sind, allerdings mit sehr unterschiedlichen Zeitanteilen von 20 Prozent bis zu 100 Prozent der Arbeitszeit in Kurzarbeit. „Dem voraus gegangen war ein Abbau von Stunden aus flexiblen Arbeitszeitkonten, Urlaub und ähnlichen“, erklärt Wassermann. „Die Hintergründe für Kurzarbeit sind unterschiedlich: unmittelbar Corona-bedingt. Es spielt auch der Abbruch von Lieferketten bei Zu- oder Auslieferung eine Rolle. Der wirtschaftliche Einbruch wegen der Corona-Krise führt dazu, dass es auch in den nächsten Monaten Kurzarbeit geben wird – Kurzarbeit wird auch noch 2021 ein wesentliches Mittel sein, um Beschäftigung zu sichern. Unser Fokus als IG Metall Ulm liegt auf der Sicherung von Beschäftigung, Ausbildung und Einkommen.“

Biberachs SPD-Bundes-tags-abgeordneter Martin Gerster teilt mit, dass von den Soforthilfen für Soloselbständige und kleinere Unternehmen (bis 10 Mitarbeiter/innen) 219.000 Anträge aus Baden-Württemberg mit 1,75 Mrd. Euro an Soforthilfen bewilligt wurden. Für Unternehmen mit mehr als 10 Mitarbeiter/innen hat die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zahlreiche Kredite vergeben um deren Liquidität in der Krisenzeit zu sichern. Je nach konkreter Programmlinie wird der Kredit mit 80 bis zu 100 Prozent durch eine Garantie des Bundes abgesichert; dadurch wird ein niedriger Zinssatz von circa 1-3 Prozent ermöglicht. Bundesweit wurden bis Anfang Juni 53.746 Anträge mit einem Volumen von 28,2 Mrd. Euro bewilligt, davon 143 Anträge mit einem Volumen in Höhe von 62,945 Mio. Euro aus dem Landkreis Biberach sowie 263 Anträge mit einem Volumen in Höhe von 136,889 Mio. Euro aus dem Landkreis Ravensburg.  Gerster: „Zusammen mit unseren Regelungen zum Kurzarbeitergeld, Steuerstundungen und vielen weiteren Maßnahmen schaffen wir es so, möglichst viele gute Arbeitsplätze zu erhalten.“

Auch in der IHK-Region Ulm nahm seit 2010 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stark zu. Am deutlichsten legte der Landkreis Biberach mit fast 25 Prozent zu. Die größten Firmen sind Liebherr, Boehringer Ingelheim, Handtmann, Vollmer und KaVo Dental. Im Januar 2020 wurden im Landkreis Biberach 2.620 Arbeitslose gezählt, die Arbeitslosenquote erhöhte sich auf 2,2 Prozent, noch immer die niedrigste Arbeitslosenquote aller Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg. Jeweils 2,6 Prozent weisen der Alb-Donau-Kreis und der Kreis Ravensburg auf.

 

Autorin: Andrea Reck

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