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Oberschwaben - Totgesagte leben länger, heißt es. Und das Wochenblatt war schon einmal fast beerdigt. Das war vor zweieinhalb Jahren. Damals hatte man bei Schwäbisch Media die Flurbereinigung im eigenen Haus beschlossen und schickte das Anzeigenblatt, das angeblich gar nicht zum Verlag gehörte, in die Insolvenz. Der Coup misslang, weil BLIX darüber berichtet hatte und Investoren sich daraufhin ermannten und wenige Wochen nach dem Abgesang „Einfach platt“ (BLIX, Jan/Feb 2018) das „Unabhängige Wochenblatt“ aus der Taufe hoben. Es lebte zwei starke Jahre, nun ist es tot! Ein Nachruf.

Damit endet das Experiment, das Wochenblatt als einziges gedrucktes Massenmedium mit über 300.000 Exemplaren im Wettbewerb mit den Printprodukten von Schwäbisch Media am Markt vom Bodensee bis über die Alb zu halten. Die Konsequenz wird die „Marktbeherrschung im Bereich der redaktionellen Inhalte der Region wie auch im kommerziellen Bereich“ durch den Schwäbischen Verlag sein, erklärt Peter Mauritz von Prolimity GmbH mit Sitz in Ummendorf, der vor zweieinhalb Jahren das Ravensburger Anzeigenblatt vor dem Untergang rettete.

Von Anfang 2018 bis kurz vor Pfingsten in diesem Jahr erschien fortan das „Unabhängige Wochenblatt“ wieder wöchentlich. Damit ist nun Schluss. Was Schwäbisch Media zunächst nicht geschafft hatte, hat nun Corona erledigt. Die versuchte Rettung mithilfe eines „Corona-Schutzschirmes“ half nur kurzfristig, es fehlte an einer weiteren Finanzierung durch Banken, die „aufgrund einer Überlastung durch Kreditanträge von deren eigenen Bestandskunden, nicht dazu bereit (waren), das Wochenblatt zu unterstützen“, heißt es in einer abschließenden Erklärung der Verleger. Und weiter: „Am bittersten ist die Entwicklung natürlich für die 1.170 engagierten Wochenblättler, die sich mit Leib und Seele in den vergangenen zweieinhalb Jahren für den Wiederhochlauf des Wochenblatts engagiert hatten und die derzeit ihre Anträge auf Arbeitslosengeld stellen müssen.“ Zur Erklärung: Der Großteil, nämlich rund tausend Beschäftigte, waren davon Austräger.

BLIX sprach mit Peter Mauritz, dem Kurzzeit-Verleger, der sich als „Unternehmenssanierer“ versteht, über das misslungene Engagement, in Corona-Zeiten eine mediale Alternative zum Monopol des Schwäbischen Verlages am Leben zu erhalten. Eine traurige Bilanz – auch für den Wirtschaftsstandort Oberschwaben.

 

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Das war der BLIX-Titel, der im Januar 2018 Peter Mauritz auf die dubiose Abwicklung des Wochenblatts aufmerksam machte.

 

Herr Mauritz, vor über zwei Jahren hat Ihr Unternehmen Prolimity mit einigen Co-Investoren das Wochenblatt vor dem Untergang gerettet, indem Sie die von Seiten des Schwäbischen Verlags gewollte Insolvenz verhindert haben. Das totgeglaubte Anzeigenblatt tauchte Anfang 2018 wie ‚Phönix aus der Asche‘ – von nun an als „Unabhängiges Wochenblatt“ – wieder auf. Eine tolle Geschichte, über die BLIX umfänglich berichtet hat. Aber nun ist Schluss mit lustig! Das letzte Wochenblatt erschien vor Pfingsten. Woran lag’s? An den schwierigen Marktbedingungen mit einem Quasi-Monopolisten in der Nachbarschaft oder am Lockdown, an beidem oder an was ganz anderem?

Der Neustart Anfang 2018 wurde tatsächlich durch die heftigen Attacken der Ex-Muttergesellschaft Schwäbischer Verlag deutlich erschwert. Dennoch konnte sich das Wochenblatt bis zum Februar 2020, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie, seinen Platz am Markt zurück erkämpfen, unter anderem mit Umsatzsteigerungen im Jahr 2019 von plus 35 Prozent gegenüber 2018. Unser ‚Re-Start up‘ hätte 2020, in dem dritten Jahr nach dem Neustart, bereits mit einer schwarzen Null abschließen sollen.

Dann kam Corona: Um die schlimmsten und im März bereits klar erkennbaren Folgen der Epidemie, vor allem massive Stornos und entfallende Umsätze, abzufedern, hatte sich das Wochenblatt bereits am 10. März in ein gesetzlich geregeltes Eigenverwaltungsverfahren begeben. Mit dem sogenannten Schutzschirm sollte einer durch Corona-Umsatzeinbußen in den kommenden Monaten drohenden Zahlungsunfähigkeit vorgebeugt werden, indem unter anderem die Agentur für Arbeit für drei Monate die Personalkosten übernahm. So ähnlich wie bei anderen Unternehmen die Bundesagentur die Löhne der Arbeitnehmer im Rahmen der Kurzarbeit übernimmt.

Leider hat dieser Schutzschirm alleine nicht ausgereicht, um die Liquidität des Unternehmens ausreichend abzusichern: Zu massiv waren seither die Verluste wegen des Shut Down, vor allem wegen abgesagter Messen und Veranstaltungen, dem Gastgewerbe, Tourismus und dem Einzelhandel.  In Summe betrugen die Verluste des Wochenblatts allein in den vier Monaten Februar bis Mai rund 1,1 Millionen Euro, pro wöchentlicher Ausgabe also ein Defizit von rund 70.000 Euro. Für die kommenden Monate war mit einer weiteren Million Euro Verlust zu rechnen.

 

Das Wochenblatt war Ihr erstes Medienunternehmen, mit dem Sie als Unternehmenssanierer zu tun hatten. War es ein Fehler, sich daran zu versuchen?

Unser Geschäft ist Turnaround Investing und -Management. Also die Übernahme von an sich ‚guten Unternehmen‘, die ein meist exogener Schock aus dem Sattel geschossen hat, zum Beispiel die eigene Muttergesellschaft, die ein Unternehmen wie beim Wochenblatt ohne Not abwickeln wollte. Diese Unternehmen versuchen wir mit Kapital, einem Masterplan, viel Energie, Erfahrung und nicht zuletzt einer guten Portion unternehmerischer Courage wieder in den Sattel zu hieven und über mehrere Jahre nachhaltig erfolgreich zu entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass dies nicht immer glückt. Medienunternehmen sind an sich nicht komplizierter als zum Beispiel Robotics & Fabrikautomatisierer, wo wir uns auch tummeln. Wir waren schon in vielen Branchen mit Projekten unterwegs und haben grundsätzlich kaum Branchenausschlüsse, außer im Bereich Immobilien- und Rüstungsunternehmen. Zugebenermaßen haben wir unterschätzt, inwieweit im Printmedienmarkt heute schon räumliche Monopole und Kartelle in Deutschland den Markt beherrschen und dass dies Sanierungen und Re-Starts komplizierter macht und verzögert.

 

Schlussendlich ist Ihr Job als Sanierer nicht aufgegangen – und ausgerechnet bei einem Geschäft vor Ihrer Haustüre in Ummendorf. Kränkt Sie das und macht Sie das arm?

Unsere Projekte sind meist erfolgreich, aber da es unternehmerische Risikoprojekte sind, unterliegen sie auch den normalen unternehmerischen Risiken. Und im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie nicht zuletzt dem Risiko von staatlich verfügten Shut downs und damit bis zu 70 Prozent geringeren Anzeigenerlösen, was das Aus für das Wochenblatt bedeutet hat. Auch wenn wir sehr viel in den Neustart des Wochenblatts investiert haben, sind wir nach wie vor finanziell zufriedenstellend aufgestellt.

 

Zuletzt haben Sie versucht, mit einem Crowdfunding-Projekt noch einmal weitere Mittel zu generieren. Alles vergeblich! Die Beschäftigten – und das sind nicht wenige – verlieren ihren Job und Sie und viele andere Geldgeber Ihre Penunzen. Unterm Strich: ein schlechtes Geschäft! Haben das die Banken früher begriffen?

Das im August 2019 gestartete Crowdinvesting Projekt diente der Beschleunigung von Wachstum und Digitalisierung. Das Crowdkapital wurde seither sukzessive in eben diese Bereiche investiert. Zur Rolle der Banken und deren ‚Weitsicht‘: Eine seit April unter Hochdruck erarbeitete zwei Millionen Euro Corona-Finanzierungslösung unter Nutzung der für Corona geschaffenen Förderinstrumente unter Einbindung  der staatlichen KfW-Bank und des Landes Baden-Württemberg über die landeseigene Bürgschaftsbank scheiterte leider. Die für eine Mittelbeantragung zuständigen und erforderlichen Banken waren aus unterschiedlichen Gründen, vor allem aufgrund einer Überlastung durch Kreditanträge von deren eigenen Bestandskunden, nicht dazu bereit, das Wochenblatt zu unterstützen. Von 30 angefragten Banken erklärten sich lediglich drei  Banken im Volumen von 800.000 Euro, davon nur zehn Prozent, also 80.000 Euro echtes eigenes Bankenrisiko, dazu bereit, dem Wochenblatt Zugang zu einem Teil der insgesamt erforderlichen zwei Millionen Euro Corona-Überbrückungskredit zu verschaffen, von denen die staatliche Förderung den Löwenanteil, nämlich 90 Prozent beziehungsweise 1,8 Millionen Euro betragen hätte. 

 

Man kann Ihnen nicht mangelnden Kampfgeist vorwerfen. Sie haben öffentlichkeitswirksam auf die Gefahren eines Medienmonopols durch den Schwäbischen Verlag aufmerksam gemacht und viel Zuspruch von politischer Seite erhalten. Aber Zuspruch reicht nicht, wenn es um Geld geht. Das wissen Sie doch auch?

Dies ist für mich eigentlich das größte Mysterium in Sachen Wochenblatt: Die Menschen hier in der Region haben seit rund 50 Jahren ganz überwiegend große Sympathie für das Wochenblatt. Und sie halten auch Wettbewerb für normal und eigentlich unverzichtbar: Die Leistung unter Wettbewerbsbedingungen wird besser und die Preise halten sich im Rahmen.  Mehr als 30 hochkarätige Politiker aus der Region auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene haben sich mutig in der Öffentlichkeit für die Erhaltung des Wochenblatts zur Verhinderung eines (Print-)Medienmonopols unter dem Schwäbischen Verlag ausgesprochen. Dennoch ist es der Raumschaft nicht gelungen sich ‚sein Wochenblatt‘ zu erhalten.

 

Woran lag es?

Meiner Einschätzung nach vor allem an der schieren Wucht von Corona gepaart mit einer nicht funktionierenden staatlichen ‚Corona-Finanzhilfe-Architektur‘. Diese übergibt den Banken unsinnigerweise die Verantwortung für die wirtschaftliche Triage der Corona-Unternehmensopfer. Im Klartext: Welchen Unternehmen aus der Corona-Krise geholfen wird, entscheiden Banken, die aber oft nur einen verschwindend kleinen Anteil des gesamten Unternehmensrisikos tragen. Prolimity wäre bereit, das gesamte Bankeneigenrisiko in Höhe von 200.000 Euro zu übernehmen: Aber wir dürfen nicht direkt zur KfW marschieren, sondern das hat durch eine ‚Hausbank‘ zu erfolgen. Und einen solche ‚Hausbank‘ gibt es beim Wochenblatt gar nicht, wurde doch der Wiederhochlauf nahezu ausschließlich unternehmerisch mit Eigenmitteln finanziert.

Ein befreundeter Banker sagte mir neulich: ‚Nachdem wir Banken nach der Lehmann-Krise selber mit Milliarden von Steuermitteln gerettet werden mussten, hätte ich nie gedacht, dass wir nochmals eine solche Macht im Staate bekommen würden, fühlt sich aber gut an!‘“

 

Nun ist eingetreten, was Sie verhindern wollten: In Oberschwaben beherrscht der Schwäbische Verlag als Medienmonopolist die öffentliche Meinung und diktiert seinen Kunden, egal ob als Medienkonsumenten oder als Inserenten, die Preise. Und BLIX, das gallische Dorf, ist alleine auf weiter Flur. Dumm gelaufen. Haben Sie Trost und Rat: Worauf sollten Asterix und Obelix achten?

Der weitere Verfall der Abonnenten-Zahlen ist unvermeidbar. Früher hatte jeder Haushalt ‚die Schwäbische‘.  Nun kostet ein Jahres-Abo über 500 Euro. Dafür erhält man im vorderen Teil der Zeitung viele Informationen, die auch über das Internet einfach und kostenfrei verfügbar sind, sowie jeden Tag ein mehr oder weniger relevantes und interessantes regionales Informationsangebot. Meiner Einschätzung nach wird sich die Zahl der Print-Kundenhaushalte von derzeit 25 bis 30 Prozent in Kürze schon bei einem Bodensatz von nur noch zehn Prozent einpendeln. Dies sind Haushalte mit viel Zeit für die tägliche, umfassende Zeitungslektüre, also primäre Rentnerhaushalte. Diesen Markt beherrscht ab jetzt ganz klar der Schwäbische Verlag. 

Allerdings ist das Internet ein Game Changer für die Erhaltung der Medienvielfalt auch hier in der Region. Im stark wachsenden digitalen Bereich, also auf PC, Tablets und vor allem dem nicht mehr weg zu denkenden Smartphone sieht es ganz anders aus. Hier wird es bis zum jüngsten Tag kein Monopol des Schwäbischen Verlags mehr geben können, da die Markteintrittskosten vergleichsweise niedrig sind, es nach wie vor einen großen Bedarf für regionale Information gibt und geben wird und Marktakteure dies nutzen werden. Nicht zuletzt völlig zutreffend: BLIX in der Online-Kooperation mit der Bildschirmzeitung. Asterix und Obelix sind hier also bestens positioniert und sollten, so meine Empfehlung, weitere Allianzen mit anderen ‚Davids‘ gegen den ‚Goliath‘ schmieden. So gesehen bin ich zuversichtlich, dass final nicht die ‚dark side‘ obsiegen wird. 

 

Autor: Roland Reck

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