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Viele Menschen arbeiten seit Anfang März zu Hause. Was für Kellner, Friseure und Pfleger unmöglich ist, klappt in manchen Branchen erstaunlich gut.

Selbst globale Konzerne kann man von zu Hause aus führen, wie etwa der Chef der Deutschen Post, Frank Appel, im Mai in einer Telefonkonferenz erklärte. Arbeitgeber schickten zu Beginn der Corona-Krise ihre Belegschaft nach Hause. Homeoffice, Videokonferenzen und Webmeetings gibt es seit Jahren, doch nun wurden sie Alltag für Millionen.

Wer seine Arbeit auch im heimischen Wohnzimmer erledigen kann, gehört gewissermaßen zu  den Privilegierten. Krankenpfleger, Verkäuferinnen, Paketzusteller, Ärztinnen oder Polizisten gehören nicht dazu. Anfang April arbeitete deutlich mehr als ein Viertel der Arbeitnehmer im Homeoffice; mittlerweile sind viele wieder an den Arbeitsplatz in der Firma zurückgekehrt. Mitte Juni präsentieren sich etwa die Parkplätze bei Boehringer in Biberach noch gähnend leer.

Wenn Arbeitgeber vorgeben, wer wo arbeitet, zählt nicht nur das ökonomische Interesse. Die Gewerkschaft Verdi erinnert an die arbeitsvertragliche Schutz- und Fürsorgepflicht, die ein Betrieb für seine Mitarbeiter hat. Wer in Zeiten der Pandemie mehr Kontakte anordnet, erhöht das Risiko der Infektionen. Zu berücksichtigen ist auch die persönliche Situation der Arbeitnehmer. Etwa wenn sie wegen einer Vorerkrankung zur Risikogruppe gehören oder die Kinder noch nicht wieder in die Kita bringen können. Firmen entwickeln derzeit Back-to-office-Konzepte, die die schrittweise Rückkehr vom heimischen zum betrieblichen Schreibtisch ermöglichen. Nach wochenlangen E-Mail-Salven und Video-Marathons freuen sich viele wieder auf die persönlichen Kollegen-Kontakte, andere haben Geschmack gefunden an der Heimarbeit, schätzen, dass der Arbeitsweg wegfällt und merken, dass sie zu Hause produktiver sind. Sie vermissen vielleicht nur die gute Kantine. Übrigens: Wenn sich ein Mitarbeiter im Büro einen Kaffee holt und stürzt, ist das ein Arbeitsunfall. Passiert ihm das aber zuhause auf dem Weg von der Küche zum Schreibtisch hat er Pech gehabt. 

Was vielen fehlt, ist der Austausch am Kantinentisch, die schnelle Absprache mit dem Kollegen am Schreibtisch nebenan oder die Info vom Flurfunk. Zwar muss man nicht die immer gleichen Witze des Kollegen hören, aber gleichzeitig begünstigt die Heimarbeit auch das Vereinsamen.

Die Arbeit zu Hause lässt sich besser organisieren, wenn keine quengelnden Kinder die Videokonferenz stören, wenn die räumliche Situation entspanntes Arbeiten zulässt.  Dann wird möglicherweise mehr geleistet. Die Deutsche Telekom stellte etwa fest, dass sich die Produktivität der Service-Abteilung im Homeoffice um acht Prozent steigerte. Auch die Gesundheitsquote verbesserte sich im April trotz der Pandemie deutlich im Vergleich zu den Vorjahren. 

Seit Mitte März arbeitet auch Sebastian Andrade (48) zu Hause. Der Vertriebsingenieur bei Liebherr Turmdrehkrane nutzt dafür das Zimmer seines im Studium befindlichen Sohnes. Vermutlich noch bis Herbst. Wer seine Aufgaben zu Hause erledigen  kann, sollte das nach Wunsch der Firma möglichst auch tun. Andrade arbeitet zum ersten Mal im Leben zu Hause. “Das klappt erstaunlich gut!“ fasst er seine Erfahrungen zusammen. Von seinem Rechner aus nimmt er über eine verschlüsselte Verbindung den Kontakt zu einem VPN-Server auf und kommuniziert über Microsoft Teams. Über den mitgenommenen Laptop und das Diensthandy hat er gesicherten Zugriff zu allen Unterlagen. „Telefon- und Videokonferenzen funktionieren einwandfrei“, berichtet der Ingenieur. „Da wir nicht stempeln können, melden wir uns morgens elektronisch an und abends ab. Es gibt mindestens eine Videokonferenz am Tag schon wegen der Kundenanfragen. Meist ist der Vorgesetzte dabei.“ 

Trotz dieser guten technischen und räumlichen Voraussetzungen spricht er von gemischten Gefühlen, was die Fortdauer der Heimarbeit angeht. „Klar, ich spare mir die Maske. Aber normalerweise gehe ich ein paar Mal in der Woche durch die Produktion. Ich muss einfach sehen, hören und riechen, was wir machen. Nur eine abstrakte Arbeit am Bildschirm finde ich  nicht so befriedigend.“ Hin und wieder nimmt er Termine vor Ort wahr, wenn Präsenz notwendig ist. „Gestern etwa war ich in der Firma, um eine Schulung zu leiten. Natürlich mit Maske und unter Einhaltung der Abstandsregeln.“ Fast 50.000 Liebherr-Krane sind auf der ganzen Welt in Betrieb. „In unserem Bereich gibt es zum Glück keine Kurzarbeit“, berichtet der Ingenieur, ehe er wieder einen Anruf entgegennimmt.

Noch Mitte Juni war bis zu einem Drittel der Beschäftigten im Verwaltungsbereich bei Liebherr in Biberach im Homeoffice tätig, teilt die Pressestelle mit. Zwar kehre man „nun schrittweise zum Normalbetrieb zurück“, aber man nutze „dennoch weiterhin die Möglichkeit zum Mobilen Arbeiten parallel dazu“.

 

Text und Foto: Andrea Reck

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