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Bregenz - Wenn das Kunsthaus Bregenz am 5. Juni wieder seine Pforten öffnet, gibt es als Überraschung eine Sonderausstellung zu sehen, die brandaktueller nicht sein könnte. Die Ausstellung „Unvergessliche Zeit“ präsentiert Arbeiten, die zur Zeit des Corona-Lockdowns oder auch in Vorahnung darauf entstanden sind. Direktor Thomas D. Trummer vereint sieben bedeutende internationale KünstlerInnen: Helen Cammock, Annette Messager, Rabih Mroué, Markus Schinwald, Marianna Simnett, Ania Soliman. Als finaler Beitrag zur KUB Sommerausstellung konnte auch der Südafrikaner William Kentridge gewonnen werden. 

Die Exponate reagieren punktgenau auf die jetzige Situation. Die Künstler beabsichtigen mit ihren Werken, das sich mit der Corona-Krise ausbreitende, bisher nicht gekannte komisch-beklemmende Lebensgefühl sinnfällig zu machen. Ganz signifikant setzt beispielsweise der 1973 in Salzburg geborene Österreicher Markus Schinwald dieses Lebensgefühl in seinem Porträt „Grita“ (2010) ins Bild. Die junge Frau trägt ein Tuch als Mundschutz, der den Masken ähnelt, wie sie derzeit wegen der Covis-19-Krise im öffentlichen Raum vorgeschrieben sind. Vor zehn Jahren als Erfindung surrealer Einbildungskraft entstanden, lässt sich das Bildnis als ein Dokument frappierender Vorahnung deuten. Der jetzt in Wien und New Haven, Connecticut, lebende Künstler vertrat Österreich auf der Biennale des Jahres 2011. Seine Werke vermitteln atmosphärisch Mysteriöses und Beunruhigendes.

Markus Schinwald Grita 2010 Courtesy GM V2

BLIX-Titel: Der „unvergesslichen Zeit“ voraus war der österreichische Künstler Markus Schinwald, der bereits 2010 „Grita“ mit Mundschutz porträtierte: fragend, verunsichert. © Markus Schinwald, Grita, 2010, Courtesy Giò Marconi

Von der 1970 in Warschau geborenen, heute in Paris lebenden Ania Soliman, die in ihrer künstlerischen Praxis den Übersetzungsprozessen zwischen verschiedenen Kulturen nachgeht, wird unter anderen die 2020 entstandene Arbeit „journal of confinement“ zu sehen sein. Ihre quadratischen, mit einem Datum versehenen Zeichnungen auf Papier enthalten ein Motiv im Zentrum, das von einem Text in roter umlaufender Schrift flankiert wird. So ergibt sich eine Art gezeichnetes Online-Tagebuch, in dem es um Sinnsuche und Selbstvergewisserung geht. Auch um die Frage: Wie steht es um persönliche Verantwortung im Zeitalter digitaler Vernetzung und Sinnsuche?

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© Ania Soliman, journal of confinement, 2020, Courtesy of the artist und  Sfeir-Semler Gallery Beirut, Hamburg

Der 1967 in Beirut (Libanon) geborene und jetzt in Berlin lebende Rabih Mroué gilt als Grenzgänger zwischen bildender Kunst, Theater und wissenschaftlichem Vortrag. Sein Interesse gilt vor allem der Frage, wie Bilder, vorrangig aus Konfliktgebieten des arabischen Raumes, Geschichten konstruieren. So wie in „Chalk Outlines“ (2020), das die Umrisse menschlicher Figuren in weißer Kreide auf schwarzem Untergrund zeigt. Die geritzt und schattenhaft wie in Radierungen, Graffiti oder mangelhaften Negativen wirkenden Figuren erscheinen zunächst ungewohnt rätselhaft. Nur ein eingefügter Text lässt erahnen, dass es sich um ein Selbstporträt in den unvergesslichen pandemischen Zeiten der Isolation handelt. Mroués Arbeiten waren schon in New York, London und im Pariser Centre Pompidou zu sehen.

International bedeutende Künstler, deren Werke ebenfalls im KUB zu bestaunen sind, sind auch die britische Turner-Prize-Trägerin Helen Cammock, Annette Messager (Gewinnerin Goldener Löwe, 51. Biennale di Venezia 2005) und die in London wohnhafte Marianna Simnett (*1986). Zentrale Werke ihrer jungen Karriere sind „Blood In My Milk“ (2018) und „Faint with Light“ (2016). Es handelt sich um episch angelegte, raumgreifende Installationen, welche die Besucher überwältigenden Erfahrungen aussetzen. Manche sollen tatsächlich schon in Ohnmacht gefallen sein. Sie liebt es, mit überkommenen Denkmustern und normierten traditionellen Erfahrungen zu brechen.

Die 1970 geborene britische Künstlerin Helen Cammock ist seit Dezember 2019 Trägerin des mit insgesamt 40.000 Pfund höchst dotierten Kunstpreises Großbritanniens. Erstmals in seiner Geschichte teilten sich aus eigenem Wunsch vier nominierte Künstler den Preis. Damit sollte ein Zeichen für den Zusammenhalt der Menschen und gegen das Spalten und Isolieren in krisenhafter Zeit gesetzt werden.

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© Rabih Mroué, Chalk Outlines, 2020, Courtesy of the artist und Sfeir-Semler Gallery, Beirut/Hamburg

Die 76-jährige französische Malerin, Fotografin und Installationskünstlerin Annette Messager lebt und arbeitet in Paris und Malakoff. Selbst bezeichnet sie sich als Künstlerin und Sammlerin. Sie archiviert ihren Alltag durch Zeitungen, Tagebücher, Fotografien und arbeitet so an ihrem Lebenswerk, das Malerei, Zeichnung, Bildhauerei, Fotografie und Text zu vereinen sucht. Besonders kritisch setzt sich Messager mit der Rolle der Frau auseinander.

Dem kuratierenden KUB-Direktor Thomas D. Trummer gelang es schließlich, den international bekannten Südafrikaner William Kentridge (65) aus Johannesburg zu gewinnen, dem der Ruf eines Querdenkers vorausgeht. Mit dem experimentellen Künstlerkollektiv „The Centre for the Less Good Idea“ komplettiert er die Reihe der sieben internationalen Größen zeitgenössischer Kunst. In Bregenz zeigen sie die Videoarbeit „The Long Minute“. Es ist ein zwanzigminütiger Film mit verschiedenen Beiträgen aus den Bereichen Performance, Theater, Tanz, Bild und Text, zum Beispiel das auf der Homepage sichtbare Videostill „Dancing Rhino“ (2020). Im Kunsthaus der Vorarlberg-Metropole wird das Werk zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Die seit Kurzem in Wien lebende süfafrikanische Kuratorin Bronwyn Lace nennt die Arbeit „vielstimmig und divers“. Die Südafrikanerin wird bei der Eröffnung der Ausstellung in Bregenz am 5. Juni selbstverständlich anwesend sein.         

„Diese Ausstellung ist nur genau zu diesem Zeitpunkt in dieser Form möglich. Auf unsere BesucherInnen warten einfühlsame Einblicke in die gegenwärtigen Existenzbedingungen von Isolation und Gefährdung. Wir sind stolz, diese Ausstellung jetzt zeigen zu können - als Abdruck einer unvergesslichen Zeit“, erklärt Thomas D. Trummer. Die Ausstellung ist noch bis 30. August zu sehen. Weitere Informationen unter: www.kunsthaus-bregenz.at 

 

Autor: Horst Hacker

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