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Zur Sommersonnenwende erreicht die Sonne auf der Nordhalbkugel ihren höchsten Stand über dem Horizont: Am Samstag, den 20. Juni, erleben wir den längsten Tag und die kürzeste Nacht. Auch wenn die meisten Feiern dieses Jahr ausfallen müssen – Zeitpunkt und Hintergründe des Brauchs sind interessant.

Ähnlich den oberschwäbischen Funkenfeuern am ersten Fastensonntag wird vielerorts der längste Tag mit Sonnwendfeiern begangen. Während am Ende des Faschings die bösen Geister vertrieben werden sollen, feiert man die Sonnwende aus unterschiedlichen Motiven. Den Tag der Sommersonnenwende betrachten Menschen seit jeher als mystischen Tag und begehen ihn mit weltlichen oder religiösen Feierlichkeiten. Im Norden Europas, wo in der sommerlichen Jahreszeit die Nächte gar nicht mehr dunkel werden (man denke an die Weißen Nächte in St. Petersburg), haben Sonnwendfeiern, meist als Mittsommerfest bezeichnet, entsprechend größere Bedeutung als in Südeuropa. 

Seit der Christianisierung werden Mittsommerfeste oft mit dem Heiligen des 24. Juni, Johannes dem Täufer, verbunden. Einige der Bräuche, wie die Johannisfeuer, sind nach ihm benannt. Das Datum liegt kurz nach der tatsächlichen Sommersonnenwende entsprechend des früher verwendeten Julianischen Kalenders.

Steinzeitliche Kultstätten wie das englische Stonehenge erfassten die Sonnenwende mittels der Auf- und Untergangspunkte der Sonne. Auch die Himmelsscheibe von Nebra als wichtiger bronzezeitlicher Fund dokumentiert die Sonnenwende. Die vor 3600 Jahren im heutigen Sachsen-Anhalt mit ihren verschlüsselten astronomischen Kenntnissen angefertigte Bronze-Scheibe ist vor allem zur Sonnenwende ein Besuchermagnet. 

Die Sonnescheibe war als Kultsymbol in der Bronze- und frühen Eisenzeit nicht nur in Europa sondern auch in Asien weit verbreitet. In Sonnenwendritualen wurden häufig brennende Räder den Berg hinabgerollt. Typische Sonnensymbole sind bis heute Sonnenrad, Kreuz, Doppelspirale, Kreis und Swastika. Dieses Kreuz mit vier etwa gleich langen, einheitlich abgewinkelten Armen, in vielen fernöstlichen Religion bis heute als religiöses Glückssymbol verwendet, wurden im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert Hakenkreuz genannt, also keineswegs von den Nazis „erfunden“.

Im Norden Europas hat der bronzezeitliche Sonnenkult tiefe Wurzeln. Denn hier kamen zu dem nächtlichen Verschwinden der Sonne auch noch das Phänomen der Mittsommernacht und der völligen Tagesfinsternis zur Wintersonnenwende hinzu. Bis heute sind manche Orte besonders beliebt, um dort am längsten Tag des Jahres Feiern abzuhalten. Die Externsteine etwa, jene 70 Millionen Jahre alten Sandstein-Felsformation im Teutoburger Wald, sind alljährlich zur Sonnenwende dicht umlagert. Viele wollen einfach nur feiern. 

Dementsprechend organisieren unterschiedlichste Gruppen heute Sonnenwendfeiern. Neben Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Vereinen, Parteien oder Freiwilligen Feuerwehren locken auch Gemeinden und Tourismusverbände ans lodernde Feuer. Aufwändig inszenierte „Berge in Flammen“ lassen sich auf der Zugspitzarena, im Allgäu und an vielen Alpen-Destinationen bewundern. Die Tradition der Bergfeuer reicht bis ins Mittelalter. In Bayern heißen sie oftmals Johannifeuer und werden nicht direkt zur Sonnwende entfacht, sondern erst in der Nacht auf den 24. Juni, der sogenannten Johanninacht.

Aufsehen erregten in den letzten Jahren vor allem Sonnwendfeiern rechtsextremer Gruppen, die teilweise von der Polizei aufgelöst wurden. Germanen und andere Völker feierten schon vor Jahrtausenden um die Wintersonnenwende das Julfest mit Feuer- und Lichtsymbolik. Belegt ist dies durch hölzerne Mondkalenderstäbchen mit Runenzeichen. Derartige Entwürfe zu einer germanischen Vergangenheit inspirierten vor allem nationale Kreise, wie Studentenverbindungen und Turnvereine gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu Sonnwendfeiern. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es dann die Nationalsozialisten, die die altgermanische Tradition bedeutungsschwanger und pompös wiederbelebten. Passend zur Symbolik von Blut und Boden wurden sie als offizielle Feiertage verankert. In den 1920er Jahren war die Sommersonnenwendfeier von der Jugendbewegung wiederentdeckt worden, ab 1933 übernahmen sie die Hitler-Jugend, später auch andere NSDAP-Gliederungen. Bei der Gestaltung spielte die SS eine maßgebliche Rolle. Die Propaganda der NSDAP erarbeitete für das ganze Reich Musterablaufpläne. Zunächst erklang der Fanfarenruf, dann wurde feierlich ein mächtiges  Feuer entzündet. Ansprachen, Weihesprüchen, Liedern, einem Totengedenken, bei dem Kränze ins Feuer geworfen wurden, folgten „Sieg-Heil“-Rufe für den Führer, Nationalhymne und Horst-Wessel-Lied. Eine wichtige Rolle spielte dabei die SS, deren Führer Heinrich Himmler besonderen Wert legte auf die Pflege vermeintlich germanischer Bräuche. Von 1937 an zelebrierte man die zentrale Sonnenwendfeier im Berliner Olympiastadion. Überall fanden solche Feiern statt. 

Nach dem Krieg verschwand das Fest weitgehend. Wohl schon wegen seiner Überhöhung während der Nazidiktatur. Seit Beginn der siebziger Jahre gewann es allmählich wieder an Beliebtheit. Große Anziehungskraft hatte vor allem auf dem Land das gesellige Beisammensein bei Musik, Essen und Trinken. Sonnwendfeiern waren jedoch auch in der DDR beliebt, veranstaltet wurden sie meist vom sozialistischen Jugendverband der Freien Deutschen Jugend. 

 

Wo die Nacht zum Tag wird

Die Sommersonnenwende markiert den Beginn des astronomischen Sommers. Wenn die Sonne ihre größte nördliche oder südliche Deklination von 23,4° erreicht, steht sie senkrecht über den so genannten Wendekreisen der Erde (nämlich den Breitenkreisen auf 23,4° nördlicher bzw. südlicher Breite). Nahe den Polarkreisen gibt es zur Sommersonnenwende einen Tag ohne Sonnenuntergang. Polwärts herrscht dann wochen- bis monatelang der Polartag. Weil das Sonnenjahr knapp sechs Stunden länger ist als das kalendarische Jahr mit genau 365 Tagen, verschiebt sich der Zeitpunkt der Sonnenwenden in jedem Jahr um knapp sechs Stunden.

Eine Sonnenwende oder auch Solstitium (lateinisch für „Sonnenstillstand“) findet zweimal im Jahreslauf statt, nämlich wenn in geographischen Breiten außerhalb der Tropen der niedrigste oder der höchste mittägliche Sonnenstand erreicht wird. Der nächste Winter kommt bestimmt: Wintersonnwende feiern wir dieses Jahr am 21. Dezember um 11:02 Uhr MEZ. 

Während wir uns über den Frühling freuen, wird es auf der Südhalbkugel Herbst. Meteorologen haben auf der Nordhalbkugel den Frühlingsanfang auf den 1. März gelegt. Die Wetterkundler ordnen die Jahreszeiten nur vollen Monaten zu - Frühling ist demnach im März, April und Mai. Astronomisch betrachtet beginnt der Frühling jedoch erst mit der so genannten „Frühlingstagundnachtgleiche“. Das bedeutet, zu diesem Datum sind Tag und Nacht ungefähr gleich lang. In Europa fällt diese auf den 20. oder 21. März und der Frühling endet am 21. Juni mit der „Sommersonnenwende“ - das ist der Zeitpunkt, ab dem die Tage wieder kürzer werden. Bis 2011 begann der Frühling am 21. März, von 2012 bis 2048 beginnt er am 20. März, im Anschluss dann abwechselnd am 19. oder 20. März. Erst ab 2102 fällt der Frühlingsanfang wieder auf den 21. März. Auf der Südhalbkugel hingegen beginnt der Frühling am 22. oder 23. September und endet am 21. oder 22. Dezember. 

 

Text und Foto: Andrea Reck

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