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Illertissen - Ein Jubiläum ist ein Highlight in der Unternehmensgeschichte, für das viel Zeit, Geld und Herzblut investiert wird. Wer in diesem Jahr ein solches Highlight im Kalender stehen hat, ist vom Schicksal gebeutelt. Corona zerdeppert alle Planung und Vorbereitung. Auch die Staudengärtnerei Gaißmayer wollte ihren 40. Geburtstag anders feiern – aber was hilft‘s. Ein Besuch ganz ohne Party aus gegebenem Anlass: Es wird Sommer!

Seit 40 Jahren werden in der Staudengärtnerei Gaißmayer in Illertissen Pflanzen Stauden, Kräuter, Heilpflanzen, Gräser und Farne kultiviert. Besucher des Betriebs auf der Jungviehweide 3 können nicht nur aus einem gewaltigen Sortiment wählen, an Lavendelblüten schnuppern und sich von der Farben- und Formenvielhalt von Primeln, Pfingstrosen oder Rittersporn berühren lassen: Ein Einkaufsbummel erinnert eher an einen Besuch im Botanischen Garten. Duft- und Kräutergärten wetteifern um die Gunst der Pflanzenfreunde. Kunstwerke, im Lauf der Jahre bei den verschiedenen Veranstaltungen entstanden, rosten fotogen in einem Blütenmeer, ein Aussichtsturm sorgt für Überblick, und das Museum der Gartenkultur mit seinen Ausstellungen verweist auf die lange Geschichte des Gartenbaus. Wer mit dem Gründer Dieter Gaißmayer durch die verschiedenen Bereiche des Betriebes schlendert, dem fallen viele junge Gesichter unter den über sechzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf. „Bei uns schaffen viele junge Leute“, freut sich der fast Siebzigjährige. „Das ist eine Saat, die im Lauf der Jahre aufging. Wir haben viele Eigengewächse hier“, betont Gaißmayer mit Blick auf die langjährigen Mitarbeitenden, die hier als Azubis begonnen haben. Zu denen kommen viele Quereinsteiger,

Mit großer Leidenschaft ist auch Gaißmayers Frau Heike, zuständig für das Mutterpflanzenquartier, am Werk. Die Unermüdliche kümmert sich, kaum hat sie nach einem langen Arbeitstag die Hacke aus der Hand gelegt, im Feierabend auch noch um den häuslichen Garten. Die Pflanzenkennerin prägt mit ihren Ideen den fantasievoll gegliederten Schaugarten.

Kunstobjekete zieren die Gärten

Kunstobjekete zieren die Gärten. 

Bis Anfang Mai musste der Betrieb geschlossen bleiben. Vor Ort waren also keine Pflanzen zu bekommen, doch der Versand boomte. Da bereits 1997 (!) eine Website eingerichtet wurde, verwundert es kaum, dass der Internet-Aufritt heute vorbildlich ist. Der Kunde findet umfassende Informationen, in Fachkreisen gilt er als kompetentes Nachschlagewerk. Ähnlich wie in den gedruckten Katalogen (ja, die gibt’s auch noch) finden sich hier nicht nur fundierte Fakten und hilfreiche Fotos, sondern auch Texte wie etwa zur gelb blühenden Jonquilla-Narzisse: „Im Jahr 1886 von Henriques in Portugal gefunden, fand diese hinreißende kleine Jonquille auch den Weg in den Steingarten unserer Gärtnerei, wo wir sie seit Jahren schon beobachten. Wir haben die sehr früh erscheinenden, eher flachen, rein goldgelben Blüten mit dem intensiven Duft sehr ins Herz geschlossen und empfehlen sie sehr gern weiter. Die Blüten stehen paarweise oder zu dritt, gelegentlich noch etwas zahlreicher, auf dünnen Schäften.“ Zudem finden sich literarische Zitate wie: „ … sie duftet nach Pfingstrose … das heißt sie riecht nach Maikäfer … der Geruch ist ein delikater Gestank …“ (Colette, 1873 – 1954).

Im März 1980 verpachtete die Stadt Illertissen für zunächst zehn Jahre einen Hektar an die beiden gerade diplomierten Absolventen der FH München-Weihenstephan, Dieter Gaißmayer und Franz Brönner, die hier mit wenig Kapital eine auf Stauden spezialisierte Gärtnerei gründeten. Die Staudengärtner wurden zu Spezialisten von ebenso ästhetischen wie ökologisch wertvollen Bepflanzungen, Experten für langlebige Stauden in öffentlichen Anlagen und privaten Gärten. Illertissen wurde zum Treffpunkt von Menschen, die gegen den Verlust wertvoller Kulturformen kämpften. Im Winter gab es zunehmend Fortbildungs-Veranstaltungen wie die „Illertisser Staudentage“. Nachhaltigkeit und höchste Qualität standen im Fokus, 1996 wurde die Gärtnerei zertifizierter Bioland-Betrieb, was damals vielfach noch Kopfschütteln erntete: „Warum Bio? Stauden isst man doch nicht!“

Nicht nur die Anbaufläche vergrößerte sich, bereits 2000 startete der Online-Shop. Und 2010 wurde die gemeinnützige Stiftung Gartenkultur gegründet. Im 2013 eröffneten Museum werden seither die vom Landschaftsarchitekten Wolfgang Hundbiss gesammelten historischen Gartengeräte gezeigt. Ehrenamtliche Mitglieder des Vereins „Förderer der Gartenkultur“ ( www.foerderer-der-gartenkultur.de) entwickeln im Außenbereich Pflanzenkabinette mit vom Aussterben bedrohten Sorten. 

Unweit davon locken Themen-Parzellengärten. Gaißmayer freut sich beim Rundgang über die Lilien in seinem Duftgarten, zeigt auf Kräutergarten und Bienenstöcke. Zu Beginn des Jahres übergab er die Geschäftsführung an Staudengärtnermeister Daniel Pfeiffer, der hier seine Ausbildung begann. Gaißmayers Tochter Sarah stieg nach dem Studium der Freiraumplanung ebenfalls im Betrieb ein. Vielleicht findet der Senior, Vorstand der Stiftung Gartenkultur, künftig dadurch etwas mehr Zeit, an der Indianerbanane oder am Orangenthymian zu schnuppern. 

Der für den 20. Juni geplante Jubiläumstag fällt leider aus. Einige spätere Führungen wie „Feuer & Flamme für den Phlox“ oder „Lob des Schattens“, Workshops wie „Kraftbuschen binden zu Himmelfahrt“ oder „Dauerhafte Grabbepflanzung“ lassen sich mit entsprechenden Hygiene-Regeln hoffentlich realisieren. Ebenso Vorträge wie „Der Winter naht“ oder „Staudenbeete fachgerecht planen“. Zu allen Veranstaltungen ist eine Anmeldung notwendig.  www.gaissmayer.de 

Die Ausstellung „Es grünte allenthalben“ im Museum der Gartenkultur (Eintritt 2 Euro) öffnet heuer am 2. Juli jeweils am Donnerstag von 11 bis 16 Uhr. Gesonderte Termine für Gruppen bis zu fünf Personen können nach Absprache vereinbart werden. www.museum-der-gartenkultur.de 

 

Text und Fotos: Andrea Reck

 

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