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Biberach - Oberschwaben und seine „Schwellenländer“ drumrum profitieren von der blühenden Hochschullandschaft, die sich von der Donau bis zum Bodensee erstreckt. Dort finden sich viele kluge Köpfe, deren Wissen nicht nur einer begrenzten Zahl an Studierenden zugänglich sein sollte, sondern auch der interessierten Öffentlichkeit. Dazu bedarf es beiderseitigem Interesse. Die Hochschule Biberach versteht sich als Transfer-Hochschule, die über ihren Campus hinaus auch gesellschaftlich wahrgenommen und wirksam werden möchte. Also sprach BLIX mit Prof. André Bleicher, Rektor der Biberacher Hochschule, über einen neuen Studiengang, der neugierig macht.

 

Herr Prof. Bleicher, Sie haben in unserer Online-Ausgabe im Mai schon ausführlich Stellung bezogen zur Frage „Was ändert sich durch Corona?“ In der Kurzfassung Ihres Statements im Juni-BLIX ist nachzulesen, dass angesichts der vielen Fragen zur weiteren gesamtgesellschaftlichen Entwicklung es sich gut trifft, dass Ihre Hochschule zukünftig den neuen Studiengang „Industrielle Bioökonomie“ anbietet. Mit was konkret beschäftigen sich Ihre StudentInnen in diesem neuen Fach?

 

Genauer formuliert: Die HBC will einen Studiengang Industrielle Bioökonomie anbieten. Der Studiengang ist planerisch abgeschlossen. Die Kooperation mit der Raumschaft und weiteren Hochschulen ist noch zu verhandeln. Das Studienangebot ist Teil einer Strategie, welche auf drei Säulen ruht. Erste Säule: Wir wollen in der Lehre einen interdisziplinären Studiengang schaffen, der biotechnologische, ingenieurwissenschaftliche und ökonomisches Transformationswissen bündelt und dazu beiträgt, die zu gewärtigen Strukturbrüche in unserer Volkswirtschaft zu gestalten. Zweite Säule: Wir wollen das Thema Zirkularität der Wertekette auch auf unser angestammtes Kompetenzfeld des Bauwesens herunterbrechen und dort Expertise – auch durch geschickte Berufungspolitik – aufbauen. Dritte Säule: Wir werden versuchen über die Bund- und Landesförderung nach Artikel 91b des Grundgesetzes ein Zentrum für bioökonomische Verbundbaustoffe baulich zu realisieren, um der Forschung in diesen Feldern eine Heimat zu schaffen. 

 

Was versteckt sich hinter diesem schillernden oder auch zwiespältigen Begriff der Bioökonomie?

 

Sie haben recht, der Begriff ist nicht hinreichend präzisiert und schillert. Es gibt verschiedene konkurrierende Denkstilgemeinschaften in diesem Feld.  Ich denke den Begriff Bioökonomie im Sinne des Begründers der Nachhaltigkeit Georgescu-Roegens und habe in unseren Grundlagenpapieren die These formuliert, dass Bioökonomie den Versuch darstellt, einen Ausweg aus der Zangenkrise zu weisen. Zangenkrise meint: Entweder werden ökologische Zielstellungen (siehe aktuell die Corona-Krise) erreicht und ökonomische verfehlt, oder aber ökonomische erreicht und ökologische verfehlt. Das Umsteuern der Ökonomie auf den Tatbestand begrenzter planetarischer Ressourcen einerseits und die Reformulierung der Geschäftsmodelle im Hinblick auf ein – gesellschaftlich notwendiges – begrenztes Wachstum andererseits stellt die Quintessenz der Bioökonomie dar. 

 

Bioökonomie ist das Thema des „Wissenschaftsjahres 2020“. Ist es der Versuch, dem Kind mit einem neuen Namen auf die Sprünge zu helfen, nachdem es unter seinem bisherigen Namen „Postwachstumsökonomie“ von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft stiefmütterlich behandelt wurde?

 

Ich fürchte das Gegenteil ist der Fall: Bioökonomie hat mitunter – insbesondere in der politischen Programmatik – den Anstrich als könnten alle Geschäftsmodelle weiter tradiert werden, nur müsse eine Substitution der fossilen Ressourcen in biogene erfolgen. Kritiker sprechen deshalb zurecht von einem ‚Irrweg Bioökonomie‘, wenn damit ein ‚Weiter so wie bisher’ bei Änderung einer Nebenbedingung gemeint ist. In diesem Sinne führt Bioökonomie dazu, dass die Fragezeichen nicht tief genug gesetzt werden. Umgekehrt weist Postwachstumsökonomie die Lücke auf, dass sie Verteilungskonflikte bei Nullwachstum oder gar Schrumpfung der Wirtschaft ausblendet und vor allem, dass sie bislang kein Modell bereitstellt, wie ein Transformationsprozess in Richtung Postwachstum überhaupt erfolgen kann. Hans Christoph Binswanger – Nestor der Umweltökonomie – hat sehr stichhaltig aufgezeigt, dass der eingeschlagene Pfad des Wachstums einer inhärenten Logik folgt, die nicht einfach außer Kraft gesetzt werden kann. Um in einem Bild zu sprechen: das Fahrrad ‚Ökonomie‘ bleibt solange in einer stabilen Position, solang es fährt (Wachstum). Wenn es stillsteht (Postwachstum), fällt es um.

 

Wie wäre es mit absteigen und zu Fuß weiter gehen? Geht es schlussendlich nicht darum, dass wir eine ökologisch und ökonomisch tragfähige Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftssystem finden, das mit seinem wachstumsgetriebenen Ressourcenverbrauch den Globus an den Rand des Klimakollapses gebracht hat?

 

Es geht sogar um mehr! Es geht um die Entwicklung eines Transformationspfades, der es erlaubt, gesellschaftlich unvertretbare Abenteuer zu vermeiden. Also nicht nur eine Alternative zu entwickeln, sondern auch den Weg in die Alternative zu beschreiben und zu bahnen. Wobei ich sehr vorsichtig bin, kapitalistisches Wirtschaften sehr versimpelt zu kritisieren und für obsolet zu erklären. 

Erstens: Die Debatte um ‚Varieties of Capitalism‘ hat uns gezeigt, dass es den einen Kapitalismus nicht gibt, sondern eine Vielzahl von Erscheinungsformen des Kapitalismus, bis hin zum sich herausbildenden chinesischen Staatskapitalismus. Es geht daher vielmehr um die Frage, wie die zukunftsfähige Variante des Kapitalismus institutionell geformt werden kann. 

Zweitens: Der Kapitalismus hat sich in den vergangen 200 Jahren immer wieder als fähig erwiesen – übrigens als bisher einziges reales gesellschaftliches System – Kritik aufzunehmen und diese durch Weiterentwicklung von Strukturen zu beantworten. Darin liegt auch eine Entwicklungschance. 

Drittens: Der nur wenige Tage zurückliegende hundertste Todestag des Soziologen Max Webers hat mir noch einmal sehr deutlich in Erinnerung gerufen, dass wir immer noch in einer ‚Weber-Welt‘ leben, die sich aus drei ‚Spielen‘ zusammensetzt: Das ökonomische Spiel ist ein kapitalistisches, das politische Spiel ein demokratisches und das kulturelle Spiel das der Individuation. Diese Weber-Welt mag mitunter kompliziert sein, sie erlaubt aber eine Vielzahl von Entwicklungs- und Partizipationsmöglichkeiten und mir erscheint es lohnenswert, diese Weber-Welt zu erhalten; es gilt sie also bei der Entwicklung des Transformationspfades mitzudenken! Das ist auch der tiefere Grund, weshalb die HBC den Begriff transformative Hochschule in den letzten Jahren immer wieder auf sich angewandt hat. 

 

Nachdem das Wirtschaftswachstum als Glaubenssatz und Grundlage unseres Wohlstandes unantastbar erschien, hat ein unsichtbares Virus, die Maschinen plötzlich und global auf Stopp gestellt. Was folgt daraus?

 

Einstweilen hat das Aussetzen des Wirtschaftswachstums lediglich die Form eines Interregnums, das – weil zeitlich befristet – aushaltbar erscheint. Die Ökonomen sind – unabhängig ihrer dogmatischen Zugehörigkeit – zurzeit alle Keynesianer. Das heißt sie werden versuchen, die Ökonomie mittels Fiskal- und Geldpolitik aus der Krise zu führen. Noch vor wenigen Jahren aufgestellte quasi-sakrale Dogmen, wie die Schuldenbremse, werden mit leichter Hand über Bord geworfen. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang, dass die Denkverbote der Vergangenheit sich nun als Ballast erweisen. Keynesianische Politik kann sehr sinnvoll sein, wenn sie nachfragetheoretisch und verteilungsökonomisch gut gestaltet wird. Sie kann aber auch in eine Wiederkehr des Gleichen bedeuten und die Transformation verpassen. 

 

Hat das Virus der Wissenschaft auch einen neuen Platz zugewiesen, nämlich in der ersten Reihe, gleich neben der Politik? Und was folgt daraus?

Ich denke, dass die Rolle der Wissenschaft sich tatsächlich ändert. Und das hat gar nicht unbedingt mit der Krise zu tun, sondern damit, dass der Transfer zwischen den gesellschaftlichen Subsystemen Ökonomie, Politik und Wissenschaft an Bedeutung gewinnt. Die Rolle der Wissenschaft als Erkenntnisproduzent wird ergänzt werden um eine Mitwirkung an Transformationsaufgaben. Denn Wissenschaft gibt es nur durch und mit Gesellschaft. Die HBC hat in der Transformationsdiskussion nicht die Makroperspektive im Blick, sondern die Meso- oder Mikroperspektive, wenn sie daran forscht, wie etwa Bioplastik in zirkulären Werteketten technisch und ökonomisch erzeugt und bewirtschaftet werden kann. Wir sind pragmatische Weltenretter. 

 

Wäre es angesichts der Dringlichkeit des Handlungsbedarfs nicht wünschenswert, dass Bioökonomie bereits vor 30-40 Jahren zum Thema und zum Studienfach gemacht worden wäre? Und zeigt sich darin nicht auch ein strukturelles wissenschaftliches Defizit im erkennen globaler Entwicklungen?

 

Wohl wahr. Aber, die Erkenntnisse waren – siehe die Berichte des Club of Rome – ja längst vorhanden. Was fehlte war die belastbare Verbindung der drei gesellschaftlichen Subsysteme, mittels derer die Erkenntnis hätte Impulse zur Veränderung hervorrufen können.

 

 

Sie sprachen in dem eingangs erwähnten Statement von einer „Ökonomie der Sorge“ und gleichzeitig von einem „nachhaltig organisierten Kapitalismus“ als mögliche Folge und mögliches Ziel nach Corona. Ist das die eierlegende Wollmilchsau?

 

Nein, die Notwendigkeit der Ökonomie der Sorge hat sich gerade in Zeiten von Corona, als die Sorgearbeit plötzlich in die Familien zurückverlagert wurde, sehr deutlich gezeigt. Als Rektor war ich täglich mit der Frage konfrontiert, wie die Betreuung der Familienangehörigen mit der Arbeit von Hochschullehrern unter der Bedingung des digitalen Sommersemesters unter einen Hut gebracht werden kann. Sie ist aber nur realisierbar, wenn auch der Verteilungsdiskurs geführt wird. Und zum nachhaltigen Kapitalismus: In der Frage steckt der Vorwurf, dass Kapitalismus diese Anforderung nicht verarbeiten könne. Dafür gibt es prominente Kronzeugen. Allerdings – so meine ich – ist festzustellen, dass die Aufnahme von Kritik und die Verarbeitung derselben durchaus möglich ist. 

 

Als Hochschullehrer haben Sie es tagtäglich mit jungen Menschen zu tun, die am Anfang Ihres (Berufs-)Lebens stehen. Was ist Ihre Botschaft jenseits aller Zahlen und Fakten?

 

Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als der Dunkelheit zu fluchen!

 

Autor: Roland Reck

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