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Oberschwaben - Liegt es am meist schönen Wetter, dass das bunte Volk so sorglos erscheint? Am Thema liegt es auf jeden Fall nicht. Denn das ist voller Sorgen. Sorgen um die Demokratie, Sorgen um die Freiheit überhaupt, Sorgen um Beruf und Existenz, Sorgen um die Zukunft der Kinder und ja, auch Sorgen um die Gesundheit, die man allerdings weniger vom Coronavirus, sondern vielmehr von einem befürchteten Impfzwang bedroht sieht. Eine persönliche Annäherung in Zeiten des allgemeinen Abstandes, der bei Demonstrationen etwas geringer ausfällt.

Die Sorgen-Demos, die seit ein paar Wochen samstags auch im Ländle stattfinden, sind friedlich, aber nicht friedvoll. Dazu gibt es zu viel Misstrauen und Ressentiments. Was und vor allem wer steckt hinter diesem noch nie dagewesenen Geschehen, diesem ungeheuerlichen Stillstand, diesem massiven Eingriff in unsere Lebensgewohnheiten, diesem verordneten Entzug unserer Grundrechte? Ein Virus, nein danke!

Letztlich geht es um den großen Plan. Die Frage danach hat die Menschen schon immer beschäftigt. Und in Krisenzeiten wächst diese Frage zur großen Sorge. Angst macht sich breit und verlangt nach Antworten. Große Krise, viele Fragen und nur eine Antwort: Abstand halten! Das ist wenig, wenn man die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen betrachtet, einerseits. Andererseits sind relativ wenig Tote auch ein großer Erfolg. Aber nur wenn man davon überzeugt ist oder zumindest darauf vertraut, dass der verordnete Stillstand viele Leben gerettet hat. Und das ist bei den Demonstranten nicht der Fall. Sie wollen ihr „altes Leben“ zurück, inklusive Urlaub wie geplant.

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Misstrauen gegenüber der Politik und den „Systemmedien“ ist ein Hauptmotiv der DemonstrantInnen. Und der Multimilliardär Bill Gates gilt als das große Böse der Verschwörung. Darin sehen sich die Verschwörungsgläubigen einig mit Donald Trump, der deshalb zu den „Guten“ zählt.

Das bunte Demo-Volk entspringt vielen Schubladen, so hat man den Eindruck. Die meisten sind im Elternalter und machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, aber die Fridays for Future-Kids fehlen weitestgehend, und „graue Panter“ sind nur vereinzelt zu sehen. Risikogruppen bleiben außen vor. Doch der Waldorf-Lehrer und die Unternehmergattin sind sich einig: Widerstand tut Not! Hunderte, Tausende ganz unterschiedlicher Herkunft und politischer Couleur lehnen ab, was die Mehrheit noch für richtig hält: die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie, die von den Demonstranten, wenn nicht geleugnet so doch für unverhältnismäßig oder gar als Instrument in einem perfiden Plan betrachtet werden.

Und damit sind wir bei der Verschwörung, die wie Nebel zwischen den Demonstrierenden wabert. Man entdeckt mit Staunen die einstigen Nachbarn unter ihnen, die im Brustton der Überzeugung erklären, dass der Multimilliardär Bill Gates und seine Clique hinter Corona stecken, erpicht die Weltherrschaft zu übernehmen. Letztlich geht es um den großen Plan. Den zu erkennen erhebt einen aus der Masse der Unwissenden und Ignoranten, die sich von Merkel & Co. für dumm verkaufen lassen. Nicht so Donald Trump, der als Kreuzritter gegen den „Deep State“ zu den Erleuchteten zählt. Erleuchtet zu sein, macht ein gutes Gefühl in Zeiten der Angst.

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Die Bilder ähneln sich auch in Ravensburg und Leutkirch, wenngleich die Teilnehmerzahlen sich deutlich unterscheiden. Waren es vor der Oberschwabenhalle über 1500 TeilnehmerInnen, waren es in Leutkirch unter hundert. Am 8. Mai war das ÖDP-Kreistagsmitglied Julian Aicher der Hauptredner in Leutkirch, der sich bei der Polizei mit weißen Rosen bedankte. 

Und dann kriegt auch noch die Schwäbische Zeitung ihr Fett weg. Als Teil der „Systemmedien“ führt sie ihre Leser bewusst hinters Licht, so der Vorwurf. Der Widerspruch ist offensichtlich: die Heimatzeitung ist als Informationsquelle für deren Kritiker irrelevant, weil ihr Wissen speist sich aus den Abgründen des Social Media, wo sich jeder Unsinn finden lässt, und nicht aus der harmlosen Tageszeitung. Dennoch ist die Kritik an den „Systemmedien“ nie ätzender gewesen als heute, wo sie doch nur noch als Mauerblümchen erscheinen, während das große Rad der Verschwörung sich unaufhörlich im Internet dreht. Das wird auch so sein, wenn Corona und die Demonstrationen längst Vergangenheit sind. Denn das Gift im Netz wird das Virus überdauern.

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Text und Fotos Biberach: Roland Reck
Fotos Ravensburg und Leutkirch: Gerhard Maucher, Ulrich Gresser

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