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Schweinhausen - Joannes Baptista Sproll war einer von ganz wenigen im Episkopat der katholischen Kirche, der offen und lautstark den Nationalsozialismus als Irrglauben geißelte. Der oberschwäbische Bischof nannte die Nazi-Ideologie einen „Generalangriff gegen jegliches Christentum“. Vor wenigen Tagen wurde der 150. Geburtstag von Bischof Sproll, der am 2. Oktober 1870 in Schweinhausen, einem kleinen Bauerndorf in der Nähe Biberachs, das Licht der Welt erblickte, im Beisein des Bischofs Gebhard Fürst ebendort gefeiert.

Lange Zeit blieb Sproll, der frühzeitig und deutlich Position gegen den Nationalsozialismus bezog und dafür große persönliche Nachteile in Kauf nehmen musste, weithin unbeachtet. Erst seit einigen Jahren erfährt er die ihm zustehende Würdigung als „Bekennerbischof“. So wurde auch vor neun Jahren das Seligsprechungsverfahren für Bischof Sproll offiziell eröffnet. Die Seligsprechung bedeutet im Unterschied zur Heiligsprechung, dass der oder die selig Gesprochene vornehmlich regionale Verehrung erfahren soll.
Anlässlich Sprolls runden Geburtstag kam auch Thomas Weißhaar zu einem Vortrag in Sprolls Heimatgemeinde nach Schweinhausen. Weißhaar ist Offizial der Diözese Rottenburg-Stuttgart und zuständig für das Seligsprechungsverfahren. In seinem Vortrag „Bischof Sproll – Mahner zur Wachsamkeit“ würdigte er den 1949 in Rottenburg verstorbenen Geistlichen als vorbildlich im Glauben und Handeln. Zwar sei eine Seligsprechung von Joannes Baptista Sproll nicht so bald zu erwarten, dazu bedürfte es nachweislich eines Wunders, das mit Sproll in Verbindung gebracht werden könne, erklärte Weißhaar seinen Zuhörern in der Schweinhauser Pfarrkirche, aber es sei unstrittig, dass Sproll schon früh auf die Gegnerschaft, ja Feindschaft des Nationalsozialismus gegenüber der Kirche, eingegangen sei. In seinen zahllosen Bischofs- und Jugendtagen mit zum Teil Tausenden von Besuchern habe Sproll vor dem, was seinerzeit als „deutscher Glaube“ bezeichnet wurde, gewarnt.

 

Bischof Figur

Der Künstler Tobias Wedler gestaltete Bischof Sproll für das Bischof-Sproll-Bildungszentrum in Biberach, dessen langjähriger Leiter Günter Brutscher Autor dieses Artikels ist.

 

Joannes Baptista Sproll stammte von einem kleinen Bauernhof. Sein Vater Josef Sproll war Wegknecht, seine Mutter Anna Maria geb. Frehner brachte 13 Kinder zur Welt, Joannes war der Älteste, von seinen Geschwistern starben bereits sechs im Kindesalter. Nach der Volksschule besuchte der kleine Joannes die Lateinschule im sieben Kilometer entfernten Biberach, er setzte im Konvikt in Ehingen seine schulische Laufbahn fort und studierte schließlich in Tübingen Theologie. Am 16. Juli 1895 empfing er die Priesterweihe und 1898 erlangte er den Doktortitel. 1909 wurde Sproll Pfarrer in Kirchen im Oberamt Ehingen. 1912 erfolgte die Erhebung zum Domkapitular, womit ein Mandat in der Kammer der Standesherren des Württembergischen Landtags verbunden war. 1913 wurde Sproll Generalvikar und 1915 zum Weihbischof der Diözese Rottenburg berufen.
Nach dem Tod seines Vorgängers Paul Wilhelm von Keppeler im Jahre 1926 wurde Sproll am 2. März 1927 zum Bischof gewählt und am 14. Juni desselben Jahres inthronisiert. Vor seiner Wahl zum Bischof der Diözese bzw. vor der Inthronisation wurden Sproll immer wieder „Steine in den Weg gelegt“, wie auf der Figur, die Tobias Wedler für das Bischof-Sproll-Bildungszentrum in Biberach gestaltete, zu sehen ist. So wurde ihm seine bäuerliche Herkunft vorgehalten, zudem musste erst noch die Verleumdung, er sei Vater eines Kindes, vor Gericht geklärt werden.
Schon vor 1933 hat Sproll gegen die „Verderbtheit“ des Nationalsozialismus gepredigt und wurde später, insbesondere in seinen Predigten und Ansprachen bei den Bischofs- und Jugendtagen in der Diözese, noch deutlicher, bis er im Jahre 1938 am 10. April der Volksabstimmung zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, was zugleich mit der Wahl der Liste Hitlers verbunden war, fernblieb. Dies war ein unmissverständlicher Ausdruck des Widerstands Sprolls gegen den Nationalsozialismus. Nach mehreren Demonstrationen und Attacken gegen den Bischof, der auch als „Volksverräter“ verunglimpft wurde, wurde dieser im August 1938 von den Nazis aus dem Amt gejagt. Nach einer Odyssee durch Württemberg, Baden und Bayern fand er bis zum Kriegsende „Asyl“ im schwäbisch-bayrischen Krumbach.
Thomas Weißhaar führte in seinem Vortrag aus, dass nach der gewaltsamen Vertreibung Sprolls aus seiner Diözese im Jahre 1938 der damalige Nuntius, also der Vertreter des Vatikans in Deutschland, im Jahre 1941 den widerständigen Bischof zum Rücktritt aufgefordert habe. „Ich bin der Bischof von Rottenburg und ich bleibe der Bischof von Rottenburg“, so die unmissverständliche Antwort des Theologen, der einmal mehr seinem Leitmotiv „fortiter in fide“, tapfer im Glauben, gerecht wurde. Aber auch die Versuche von Seiten des Bischöflichen Ordinariats, eine Rückkehr Sprolls zu ermöglichen, scheiterten wiederholt. Sproll war nicht bereit, die Bedingung für eine Rückkehr in seine Diözese zu erfüllen. Er hätte sich verpflichten müssen, nicht mehr zu predigen und sich jeglicher Kritik gegen die Partei und den Staat zu enthalten.
An Fronleichnam 1945 kehrte der inzwischen schwerkranke Bischof schließlich in seine Diözese zurück und machte sofort deutlich, dass er nicht im Zorn zurückblicken, sondern mutig die Herausforderungen der Nachkriegszeit anpacken wollte, was er auch tat.
Aber dass der Zurückgekehrte über das Vergangene nicht schwieg, daran erinnerte Bischof Fürst bereits in seiner Würdigung „Ein großer Hirte unserer Diözese“ (2009). Dass nicht nur das Verbrechen, sondern auch das Schweigen dazu zur schweren Schuld werden kann, habe Bischof Sproll unmissverständlich und durchaus selbstkritisch auf die eigene Kirche hin anlässlich der Judenpogrome und –morde der Nationalsozialisten gesagt. Sproll: „Wir haben geschwiegen, als die Synagogen brannten.“ Daraus erwachse „die Verantwortung vor Gott und den Menschen“, so Gebhard Fürst, „nicht zu schweigen, nicht zuzusehen, sondern in aller gebotenen Klarheit zu reden und zu widerstehen, wenn Antisemitismus und Rassismus sich in unserer Gesellschaft wieder hoffähig zu machen versuchen – auch an den Rändern unserer Kirche und bis hin zu Menschen, die sich selbst als gute Katholiken bezeichnen. Die Relativierung oder gar die Leugnung der Shoa muss ein unumstößliches Tabu sein und bleiben. Verheerende Brände beginnen beim Zündeln.“
Der Nachfolger weiter: „Ich stehe auch in Ehrfurcht vor der Tapferkeit, mit der der Bischof die Einsamkeit erlitten und ausgehalten hat, die ihm aus seinem Gewissensgehorsam erwachsen ist – Einsamkeit nicht nur in einer Gesellschaft, deren Gottlosigkeit ihn zum Außenseiter gemacht hat, sondern auch Einsamkeit in der eigenen Kirche, in der er sich oft missverstanden gefühlt haben musste. Wie muss es ihn geschmerzt haben, wiederholt zum Rücktritt aufgefordert worden zu sein.“

 

Autor: Roland Reck

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