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Biberach - Es war anders geplant. Wie so vieles in diesem Jahr. Adrian Kutter sollte bereits im Frühjahr des Jahres die Ehrenbürgerschaft der Stadt Biberach erhalten. Das verhinderte Corona. Nun fand der Festakt mit Abstand am 8. Oktober in der Stadthalle statt. An diesem Tag titelte die Süddeutsche Zeitung „Wenn das Licht ausgeht“ und meinte damit die existenzielle Krise des Kinos wegen der Pandemie. Die Nachricht über den Überlebenskampf der Branche blieb in der Stadthalle außen vor, das Licht blieb an, es gab zu feiern: Ein Leben für das Kino!

 

Der Gründer der Biberacher Filmfestspiele und Jahrzehnte lange Kinobetreiber in der Rissstadt, Adrian Kutter, wurde für sein Leben für Film und Kino und seine damit einhergehenden Verdienste für seine Heimatstadt zum Ehrenbürger ernannt. Damit habe er nicht gerechnet, lässt der 77-Jährige das Publikum wissen und gibt in der folgenden Stunde einen detaillreichen Einblick in seine außergewöhnliche Nachkriegskarriere. Es war Zeitgeschichte und Heimatstunde geschmückt mit vielen persönlichen Anekdoten, die auch dem Oberbürgermeister Norbert Zeidler kurz vor seiner Wiederwahl noch so manchen überraschenden Blick auf seine Stadt verschafft haben dürfte. Einblicke, die zum Kaleidoskop der Stadt mit dem Goldenen Biber gehören. Denn dieser Biber ist Dreh- und Angelpunkt im Leben von Adrian Kutter. Das hat sich auch nicht dadurch verändert, dass er vor zwei Jahren den 40. Geburtstag der Filmfestspiele nutzte, um als Intendant abzudanken. Dass dem so ist, gewährleistet die intime Nähe zu seiner Nachfolgerin in der Intendanz der Festspiele, zur Schauspielerin Helga Reichert, die seine Frau ist.

 

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Stolz: Adrian Kutter präsentiert Urkunde zur Ehrenbürgerschaft. Links: Oberbürgermeister Norbert Zeidler

 

Und um den Schluss vorweg zu nehmen, weil das Wichtigste am Anfang stehen sollte. Der vom Kino Besessene hatte 2007 losgelassen und sich vom „Sternenpalast“ verabschiedet, was aber nicht bedeutete, dass er sich nicht weiterhin in zig nationalen und internationalen Filmgremien engagierte, aber der Verkauf des vom Vater geerbten Kinos war ein tiefer Einschnitt. Der eingefleischte Junggeselle fühlte sich mit Ü60 als „Auslaufmodell“. Aber das Drehbuch sah anderes vor. Und so trafen den Rastlosen vor 12 Jahren „die Pfeile des Amor“, abgeschossen von einer 30 Jahre jüngeren Frau. „Oh Wunder“, lässt der Ehrenbürger seine Zuhörer wissen, „eine schöne, sehr intelligente, starke und streitbare Frau“, Schauspielerin von Beruf, verzauberte ihn, der von sich behauptete, „Familie mit Ehefrau und Kindern war für mich kein Thema mehr“. Der Heirat 2009 folgten Stella (9 Jahre) und Jonathan (7 Jahre). Der Held des Kinos hatte endlich gefunden, was jeder Mann braucht: eine Frau, „die mir auf Augenhöhe perfekt zeigt, wo meine Grenzen sind“. Ein Happy End so schön wie im Film!
„Ich bin ein glücklicher Mensch“, endet Kutters Nachdenken über sein Leben. Das war nicht abzusehen, als seine Mutter mit ihm als Säugling und seinen beiden älteren Geschwistern 1943 aus dem ausgebombten München zurück nach Oberschwaben flüchtet. Beide Eltern des kleinen Adrians stammten aus Biberach. Die Familie fand Unterschlupf beim Großvater mütterlicherseits Gottlob Friedrich Erpff, Betreiber der „Biberacher Filmtheater“ in der Waldseer Straße. Und damit nahm das cineastische Schicksal Adrian Kutters seinen Lauf. Kutter spricht von „Prägungen“, die sein Leben bestimmten. Die physische und psychische Nähe zum Kino und zu seinem geliebten Großvater war die dominante Prägung für sein weiteres Leben.

 

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Die glückliche Familie im Jubel. BLIX hat Adrian Kutter dafür zu danken, dass er fast von Beginn an monatlich seinen Filmtipp gab - egal, wo er sich gerade aufhielt, „Kutters Kolumne“ kam. Nun hat er seine Autorenschaft beendet. 

 

Einer aufregenden Kindheit, zwischen Spielen an der Riss und in den Saudenwiesen, Schule und heimlichen Besuchen im Vorführraum mit Blick auf die Kinoleinwand, folgte ein Betriebswirtschaftsstudium in Mannheim, unterbrochen vom Wehrdienst, der den Oberschwaben zur Marine brachte. Kutters Horizont hatte sich geweitet, er war auf dem Weg, aber statt in die weite Welt führte der ihn nach abgeschlossenem Studium 1973 zurück ins piefige Biberach. Sein Vater drängte ihn, das „Filmtheater“, das dieser nach dem Krieg von seinem Schwiegervater übernommen hatte, nun selbst fortzuführen. Und die Familie war stärker als das Locken der großen weiten Welt.
Der Vietnamkrieg als Kristallisationspunkt weltweiter Jugendrevolte war zu Ende, Biberach hatte mit Schülerdemos und Schulstreiks 1968 selbst den Zorn der Jugend erlebt, in Bonn regierte noch Willy Brandt und Walter Scheel und in Biberach mit Claus-Wilhelm Hoffmann bereits seit 1964 Deutschlands jüngster Oberbürgermeister. Die Welt hatte sich seit Ende des Weltkrieges grundstürzend verändert und Kutters Ehrgeiz war es, diese Veränderungen dem heimischen Publikum in seinem Biberacher Kino vorzuführen. „Meine erste Tat war, die ‚Urania‘ in die ‚Gilde deutscher Filmkunsttheater‘ zu führen und zu einer Heimat des anspruchsvollen künstlerischen Films zu machen“, erinnert Kutter an die Anfangsjahre. „Nicht nur Filme sehen, sondern sich damit auch auseinander zu setzen – zu diskutieren“, das war sein Anspruch. Und dazu holte Kutter die Welt des „neuen deutschen Films“ nach Biberach.
Legendär die Namen, die in den folgenden Jahren ein Stell-dich-ein in Kutters Filmbetriebe gaben. Es begann mit einer Werkschau des jungen Regisseurs Werner Herzog und einer intensiven Diskussion mit dem angereisten Filmemacher über seinen jüngsten Film „Kaspar Hauser“. Herzog schrieb danach begeistert ins Gästebuch: „Nur eines: Diesen Ort, das werde ich allen Kollegen sagen, müssen wir als Stützpunkt ausbauen.“ Und sie kamen alle: Edgar Reitz, Alexander Kluge, Margarethe von Trotta, Reinhard Hauff, Ottokar Runze, Hans Geißendorfer, Volker Schlöndorff, der Biberach zum „Mekka des deutschen Films“ erklärte. Das galt den Biberacher Filmfestspielen, die erstmals 1979 stattfanden.
Der Rest ist bekannt, oder etwa nicht? Allenfalls hinzuweisen wäre, dass das Festival als kultureller Leuchtturm Bewährungsjahre brauchte, um auch in Biberach entsprechend wahrgenommen und schließlich wiederkehrend mit einem verkaufsoffenen Sonntag gewürdigt zu werden. Das war zwar nicht Kutters Ding, aber Folge des Erfolgs, dass sich das Filmfestival von einer cineastischen Insider-Veranstaltung zu einem regionalen Publikumsmagneten entwickelte. Das Kino war voll, in die Stadt kamen Besucher und der Mann für alle Kinos bekam einen Verein zur Unterstützung - ohne den heute nichts mehr ging.
Adrian Kutter, so distanziert er sich geben kann, braucht die Nähe. Mit dem „Sternchen“ schaffte er dafür eine professionelle Voraussetzung. Es war der Wunsch „nach einem Ort, wo man noch zusammensitzen könnte“, wenn der Film vorbei und der Gesprächsbedarf groß ist, so der Kinobetreiber, „das führte zur Geburtsstunde des Sternchen-Programmkinos, tagsüber als Café und abends als Kino mit Gastronomie und drehbaren Tischen und Bänken – für Diskussionen bestens geeignet“. Und selbstverständlich weiß Kutter auch noch, dass Wim Wenders mit seinem Film „Der Amerikanische Freund“ zur Einweihung am 10. März 1978 kam. Und Alt-OB, Freund und Laudator Claus-Wilhelm Hoffmann erinnert sich wehmütig, dass man im „Sternchen“ sogar rauchen durfte.
So trifft Kutters Motto zu: „Kino ist mehr als Film.“ Und damit sind wir wieder am Anfang und der bangen Frage, ob „das Licht ausgeht“. Für Adrian Kutter ist das nur vorstellbar, um nach dem Film wieder anzugehen.

 

Autor: Roland Reck
Fotos: Achberger

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