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Baindt - „Lasst den Kies im Erdboden!“, appelliert Joachim Kunstmann. „Wer sich für ein Landschaftsschutzgebiet Altdorfer Wald einsetzt, ist kein Spinner, sondern der hat verstanden: Kies, Schotter, Kohle machen wenige reich und viele arm“, ist der Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten überzeugt. Ein Besuch mit Blick auf den Zankapfel, der Oberschwabens größtes Waldgebiet ist.

 Als Wissenschaftler kann er es analytisch betrachten, als Betroffener ist er mit Herzblut dabei. 2006 zog der aus Bayern kommende, wo er 1990 in Fürstenfeldbruck zum Pfarrer ordiniert worden war, mit der Familie in das mit viel Holz gebaute Niedrigenergiehaus am Rand von Baindt, der Gemeinde im Schussental, um auf kurzem Weg zum Arbeitsplatz an die Hochschule und in wenigen Minuten auf dem Mountainbike in den Altdorfer Wald zu kommen.
Und um den geht’s immer noch. Das Waldgebiet ist mit rund 9000 Hektar der größte Forst Oberschwabens, der sich von Waldburg bis Aulendorf quer durch den Landkreis Ravensburg erstreckt. Ein Naturreservoir, wichtig für den Wasserhaushalt und das Klima. Der Höhenrücken besteht oberflächlich aus Wald, darunter aber versteckt sich seit der Eiszeit viel Kies. Ein wichtiger Rohstoff für die Bauindustrie, mit dem sich bekanntlich viel „Kies“ machen lässt.
In Grenis bei Amtzell wird bereits seit 1967 Kies abgebaut. Seit 1987 betreibt das Unternehmen Meichle und Mohr aus Immenstaad die Grube. Am Standort Grenis befindet sich auch ein Kieswerk, in dem der Rohstoff aufbereitet wird. Da in der bisherigen Grube in Grenis die Kiesvorräte zur Neige gehen, will das Unternehmen zusätzlich Kies aus einer neuen elf Hektar großen Grube beim Vogter Ortsteil Grund ausheben und von dort nach Grenis transportieren. Dagegen formierte sich bürgerlicher und kommunaler Widerstand, der im September 2018 zur Gründung des Vereins „Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald“ führte.

 

Wolfegger Ach Weissenbronnen Altdorfer Wald

Der Wald ist nicht nur am Amazonas wichtig als Wasserspeicher. Foto: Alexander Knor

 

Joachim Kunstmann ist Mitglied im Verein, der es trotz Corona geschafft hat, eine Petition zum Schutz des Waldes mit über 13.000 Unterschriften insgesamt, davon über 10.000 Unterschriften aus dem Landkreis Ravensburg auf den Weg zu bringen. Adressat war der Landrat, dessen Behörde als Untere Naturschutzbehörde für die Ausweisung von Landschaftsschutzgebieten zuständig ist. Harald Sievers (CDU) nahm das Anliegen seiner Bürger am 2. Juli früh morgens ohne Medien, ohne Kommentar und nur mit spitzen Fingern entgegen, berichten Teilnehmer, die entsetzt waren über die abweisende Haltung des Landrats.
Andernorts stoßen die Naturschützer aber auf Zustimmung. Unterstützung erfahren die Initiatoren bisher von den Gemeinden Wolfegg, Baienfurt, Baindt, Waldburg, Vogt und Schlier, deren Gemeinderäte sich für den Altdorfer Wald als Landschaftsschutzgebiet ausgesprochen haben. Wichtigster Grund ist der Wasserschutz, aber auch der Schwerlastverkehr, der Naturschutz als solches und grundsätzliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit, den Wald vor der Haustüre zu roden, um einen erklecklichen Teil des darunter liegenden Kieses zur Gewinnmaximierung nach Vorarlberg zu exportieren.
Darin sieht der Theologieprofessor eine Unmoral. „Warum machen wir alles, was wir machen können – ohne jemals auf die Folgen zu schauen?“ Der 59-Jährige fordert „eine Grenze des Machbaren“. Diese Grenzen sind schon mannigfach überschritten, ist der Wissenschaftler überzeugt. „70 Prozent aller auf der Welt lebenden Tiere sind bereits ausgerottet. Dafür hat die Menschheit nur wenige Jahrzehnte gebraucht. Der Klimawandel hat in Deutschland bereits ein Waldgebiet von der Größe des Saarlands zur Steppe werden lassen: totes Holz.“
Die Katastrophen, die der Vater von drei heranwachsenden Kindern unweigerlich – „es ist zwei nach zwölf“ – auf die Menschheit zukommen sieht, hält ihn nicht davon ab, sich für den Erhalt des Waldes vor seiner Haustüre stark zu machen. Dazu motiviert ihn auch sein Glaube, der kirchenkritisch, aber von der Heiligkeit des Lebens inspiriert sei, ganz im Sinne Albert Schweitzers, dessen Zentrum „die Ehrfurcht vor dem Leben“ gewesen sei, erklärt der Theologe. Und diese Ehrfurcht spüre er, wenn er laufend, radelnd oder sinnierend im Wald unterwegs sei. „Deshalb werde ich nervös, wenn jemand den Wald wegbaggern will.“

 

Info:
Am 20. November wird Prof. Dr. Joachim Kunstmann im Rahmen einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung und des Vereins „Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald“ zum Thema „Rohstoffgewinnung und Zukunftsplanung im Altdorfer Wald“ ein Kurzreferat halten und an der anschließenden Podiumsdiskussion teilnehmen. Weitere TeilnehmerInnen sind: der Wetterexperte Roland Roth, Ulrike Lenski und Hildegard Fiegel-Hertkampf, beide Mitglieder im Regionalverband; Moderation: Dr. Roland Reck; Ort: Gemeindehalle Baienfurt; Zeit: 19.30 Uhr.

 

Autor: Roland Reck

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