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Ulm - Premiere mit Mund-Nasen-Schutz: Das Ulmer Tanztheater zeigt den Mann als vereinsamten Medienkonsumenten, der mit sanfter Gewalt zum Glück geführt werden muss.

Da sitzt er also auf dem Sofa, der Mann, dieser Normalo, wie ihn sich der Ulmer Tanzchoreograf Reiner Feistel vorstellt. Einsam guckt er und verdrossen, Gesellschaft leistet ihm nur eine Batterie geleerter Pfandflaschen und ein alter Kühlschrank. Nirgends ein Hund, nicht mal ein Kanarienvogel krächzt. Selbstverständlich trägt dieser Mann eine graue Jogginghose und drüber einen grauen Hoody, frei nach dem Zitat des Modeschöpfers Karl Lagerfeld, das Theatermacher Feistel nach eigenen Worten schon lange im Kopf rumgeht: „Jogginghosen sind das Zeichen einer Niederlage, man hat die Kontrolle über sein Leben verloren und dann geht man eben in Jogginghosen auf die Straße.“
Auf die Straße gehen, so weit ist es noch nicht mit Klaus – denn so heißt der Antiheld dieses Stücks. Es trägt den reichlich kalauernden Titel „Das Schweigen der Männer / Klaus geht raus“. Am Donnerstag feierte es Premiere im Ulmer Theater, 150 Zuseher, mit Nachdruck zum Maskentragen aufgefordert und sorgsam in Abständen über die Ränge verteilt. Er habe, sagt Feistel in einer Vorrede an diesem Abend, schon immer „ein Stück über Männer machen“ wollen - etwas „Heiteres“. Letzteres kann man durchaus brauchen, in diesen trüben Zeiten allgegenwärtiger Ansteckungsgefahren.

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Fragt sich allerdings erst einmal, wer sich in diesem Klaus, wie er so dasitzt, wiederfindet. Ein hormongesteuerter Protzer mit Goldkette und Spoilerkarre vor der Tür ist er offensichtlich nicht. Auch kein Yuppie mit abendlichen Burnoutsymptomen – dazu fehlt ihm auf den weißen Sportsocken, die er trägt, allein schon der dritte Streifen. Ein Familienvater, der im Abnutzungskampf des Alltäglichen über die Jahre seine Träume vergessen hat und zum Funktionswesen in härener Kutte verkümmerte, ist hier auch schwerlich denkbar. Ein zur gepflegten Melancholie neigender Enttäuschter könnte er sein, schwer verwundet auf dem Schlachtfeld der Liebe, dazu auf Fließbandformat gebracht durch einen monotonen Job, aus dem er auch nicht rausfindet. Ja, doch, das ginge. Jedenfalls ist Klaus, wie der Titel andeutet, irgendwann verstummt, und das bedrückt den Stückemacher Feistel vor allem im Hinblick aufs andere Geschlecht. Er sei immer fassungslos, sagt er eingangs, wenn er Paare beobachte, zum Beispiel im Restaurant, die beide wortlos ihr Handy bedienten.
Bei Klaus ist wirklich auch gar nichts zu holen. Ein paarmal steht er auf, geht herum, prüft den Kühlschrankinhalt, nur um darin alte Socken zu finden, doch irgendwo unter seinem grauen Kapuzenpulli scheint ein Eisen zu stecken und in diesem grauen Sofa ein riesiger Magnet. Immer wieder plumpst der Mann zurück auf seinen Sitzplatz. Aus Lautsprecherboxen tönt elegische Musik.
So ist es dann aber nicht, dass sich Klaus nicht doch zu helfen wüsste. Irgendwann ruft er laut: „Alexa!“
Hinter dem Sofa scheint sie auf, tief schwarz gekleidet, überklettert lasziv die Lehne und setzt sich neben ihren Herrn, nein, ihren Sklaven, das wird sehr schnell klar. Sie weiß, was Klaus zum Frühstück gegessen hat und welche Pizza, vom Ernährungsstandpunkt gesehen, jetzt passen könnte. Dann drückt sie ihm die Sender auf dem TV-Bildschirm rein, die immer die gleichen sind. Ein Abenteuerfilm, Sport, später am Abend ein Erotiksender. Das Ulmer Ballettensemble wirbelt in wechselnder Kostümierung über die Bühne. Die Boxen spielen erst „Goldeneye“, später den Kinosoundtrack „He’s a Pirate“, noch später, zum Tanz einer Schönen im roten Samt, das schwülstige „This is a man’s world“.
Die Türklingel stört, Alexa guckt unwillig. Eine Frau betritt diese Junggesellenbude, diese Jogginghosenhölle. Sie kennt Klaus offensichtlich, will mit ihm ins Freie, aber Alexa ist nicht blöd, sie weiß, wie Süchte neu angefacht werden und obsiegt im Ringen um die Aufmerksamkeit des Sofahockers. Das funktioniert noch einmal, als zwei Kerle auftauchen, Eroberer der Straße, Herzensbrecher, frei und wild. Doch wie sehr Alexa sich jetzt bemühen muss, die Situation im Griff zu behalten, zeichnet den zweiten Teil dieses Abends und seinen Ausgang vor. KIaus wird raus wollen, das lässt sich nicht verhindern. Er wird sich draußen den Herzensbrechern anschließen und die junge Frau, die er zunächst brüskierte und doch nicht aus dem Kopf bekam, wiedersehen.
Den Frauen im Publikum, die in der Mehrzahl sind und von denen einige ihre Männer mitgebracht haben, gefällt das Stück, gemessen am Applaus. Viel Echtpelz  ist zu sehen, dazu marineblaue Zweireiher, aber auch in den besseren Kreisen des Abonnementpublikums, dem im Ballett üblicherweise der „Nussknacker“ präsentiert wird, der „Feuervogel“ oder „Schwanensee“, ist die Botschaft verständlich: Runter vom Sofa, Mann. Weg mit der Fernbedienung. Raus vor die Tür, ins wahre Leben. Das klappt nur durch Selbsterkenntnis und Selbstüberwindung. Der Rest ist eine Liebesgeschichte. Aber was anderes kann den einsamen Mann schon zum Reden bringen, ihn retten als die Liebe? So muss Theater sein.

Aufführungen im Großen Haus:
11., 14.11., 22.11., 28.11.,12., 18.12.

 

Autor: Rüdiger Bäßler

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