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Wer über Schweine schreiben will, muss über die Menschen nachdenken. Denn Schweine füttern die Menschen mit ihrem Fleisch. Knapp zwei Drittel des Fleischkonsums der Deutschen liefern Schweine. Pro Kopf sind es 34 Kilo im Jahr, das entspricht einem Spanferkel. Das Schnitzel ist dabei zwar der Deutschen liebstes Stück Fleisch, doch das meiste Schwein steckt in der Wurst. Und so heimlich die Sau in der vielen Wurst verschwindet, so unsichtbar sind die Tiere während ihres kurzen Lebens. Dieser Bericht ist der Versuch, das Schwein und die Menschen, die mit ihm zu tun haben, sichtbar zu machen.

 

Zu sehen sind diese komischen Tiere eigentlich nur, wenn sie Schlagzeilen liefern und damit ins Fernsehen kommen. Aktuell ist es so. Tönnies, sein Megaschlachthaus und Corona sowie die toten Wildschweine in Brandenburg und ebenfalls ein Virus, die Afrikanische Schweinepest, sorgen dafür, dass der Zeitgenosse Schweinehälften im Schlachthaus oder Kadaver im Wald zu Gesicht bekommt. Aber wie geht es den lebenden Schweinen?
Es gruselt einem vor dem Megaschlachthaus in Rheda-Wiedenbrück, in dem 30.000 Schweine pro Tag geschlachtet werden, da ist man schnell bei der Massentierhaltung, die im Urteil ein Synonym für Tierqual ist. Aber wie verhält es sich damit? Wenn Dietmar Hartmann die Schweine sehen will, die in seiner Familienmetzgerei zu Schnitzel, Koteletts, Braten und Wurst verarbeitet werden, dann kann er das fußläufig tun, wenn er sich ein bisschen Zeit nimmt. Sein „Saubauer“ wohnt schräg gegenüber, dessen ausgesiedelter Stall ist in Sichtweite vom Dorf entfernt.

 

Doppel

Links: Beim Poppenmaier-Hof in Zollenreute kommt das Stroh von oben und macht den Sauen sichtlich Freude.
Rechts: Cornelius Strasser (32), Bauer in Zollenreute bei Aulendorf, hat 2015 den Hof von seinen Eltern übernommen und grundlegend umstrukturiert.


Ortstermin mit Martin Kloos am Rande von Ingoldingen. Der 31-Jährige macht sich besonders viel Arbeit. Er hält Muttertiere, die zwei bis drei Mal im Jahr jeweils rund ein Dutzend Ferkel zur Welt bringen, die er dann großzieht und mästet, bevor er sie dann nach einem halben Jahr verkauft und sie selbst zum Schlachthof nach Mengen transportiert. Ein Käufer ist die örtliche Risstalmetzgerei, und Dietmar Hartmann ist voll des Lobes über die Qualität der Schweine, die er seit Jahrzehnten von dem ortsansässigen Bauern bezieht. Die Kooperation dient beiden, die garantierte Abnahme zu gesicherten Preisen verschafft dem Bauern Sicherheit. Vier Metzger seien seine regionalen Kunden, freut sich Martin Kloos. Den Rest seiner Schweine verkauft der Mäster an den Schlachthof in Ulm zu wöchentlich neuen Preisen. Aktuell sind sie im Keller und mit dem Auftreten der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg und dem prompten Importverbot von Hauptabnehmern wie China, Südkorea und Japan geht’s ins Bodenlose. Das ist der Weltmarkt.
Martin Kloos plagen Sorgen. 2500 Schweine von klein bis groß hält der Bauer in seinem Stall, den er 2013 umgebaut und erweitert hat – entsprechend der gesetzlichen Standards. Es ist ein konventioneller Stall mit Spaltenboden ohne Stroh, die Belüftung sorgt für Frischluft, Tageslicht fällt durch die Fensterfront, in den Gängen brennt elektrisches Licht. Zutritt bekommt nur, wenn überhaupt, wer sich duscht und einen Overall anzieht. Die Muttersauen und ihre Ferkel bräuchten besondere Vorsicht, entschuldigt sich der umtriebige Bauer für die Umstände.
Sein Betriebskonzept hat einen großen Vorteil, der ihm nun zum Nachteil gereicht. Dass er die Ferkel nicht zukauft, sondern selbst aufzieht, erspart ihnen den Transport und ihm die -kosten. Und er verantwortet selbst, dass seine Ferkel gesund sind und bleiben. Dafür scheut er keine Mühen, in der Zeit, in der seine Muttersauen werfen, schläft er in einem kleinen Zimmer im Stall, um notfalls helfend eingreifen zu können. Der große Nachteil, der ihm erwächst, ist der so genannte Kastenstand, der in der Kritik steht. Es ist eine 1,4 Quadratmeter große Box aus Metallstäben, in die die Sauen zur Besamung und nach der Geburt der Ferkel eingesperrt sind. Das diene sowohl dem Schutz der Sauen als auch deren Ferkel, erklärt der Bauer. Sauen sind Gruppentiere, und so sollen sie auch gehalten werden, fordern Tierschützer und Politiker, ein entsprechender Vorstoß des Bundesrates will die Kastenstandhaltung abschaffen und jede Muttersau soll fünf Quadratmeter Platz bekommen. Das sei praxisfremd, schimpft der Landwirt. Denn Sauen bräuchten Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe, wenn sie sich von den Rangeleien gestresst fühlten. Davon profitierten insbesondere die rangschwächeren Tiere. Das habe er selbst getestet mit Kastenständen, die die Sauen nach Belieben nutzen konnten und auch die Möglichkeit hatten, sich außerhalb in der Gruppe aufzuhalten.

 

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Pioniere: Vater Bruno Lauer (67) mit Sohn Manuel (31) sind froh, dass sie ihre Schweine in einem Offenstall halten, inklusive Dusche an heißen Tagen, und ihre Schweine direkt an die Metzgerei Buchmann verkaufen.


„Es geht mir gar nicht darum, dass ich den Tieren den Platz nicht zur Verfügung stellen will“, versichert Martin Kloos und klingt überzeugend. „Als ich 2013 mit dem Umbau angefangen habe, war das nach den neusten Standards“, und verweist auf 600.000 Euro, die er investiert und noch nicht getilgt habe. „Was ist, wenn in zwei Jahren wieder ein neues Gesetz kommt?“, fragt er stirnrunzelnd. „Die Schweinehalter fühlen sich, als ob sie abgeschafft werden sollen“, erklärt Martina Magg-Riedesser. Die Bäuerin spricht als Schweinemästerin in eigener Sache und ist im Kreisbauerverband Biberach-Sigmaringen zuständig für die Schweinehaltung. Die rührige Bäuerin sieht die Familienbetriebe am Existenzlimit und hofft auf die Öffentlichkeit. „Wir müssen die Bevölkerung für uns gewinnen, ohne deren Rückhalt können wir die desaströse Situation der Schweinehalter nicht ändern.“
„Quo vadis Schwein?“, steht auf der Pressemappe des Bauernverbandes und müsste wohl heißen: Wohin geht der Konsument? Für Bruno Lauer war das schon vor zehn Jahren klar. Seine Einsicht: das Tierwohl wird immer wichtiger und seine bisherige Schweinehaltung in Einhart bei Ostrach hat keine Zukunft. Damals war er noch Chef und hatte das Sagen und gab seinem Sohn Manuel den Weg vor. Wir bauen neu, einen offenen Stall mit Auslauf für die Schweine. Es kam zum Konflikt. Der Junior wollte partout nicht, weil seine Lehrer und Berater von der Landwirtschaftsschule ihm dringend abgeraten haben, sie drängten ihn, den konventionellen, weil sicheren Weg zu gehen. Aber der Senior blieb stur, obwohl auch ihm von allen Seiten Kopfschütteln begegnete. Schweine mit Auslauf das funktioniere nicht. Heute sind Vater (67) und Sohn (31) froh, nein, glücklich, dass sie sich zusammengerauft haben. Etwa 1350 Mastschweine sind in den beiden Ställen untergebracht. Im Außenbereich, wo sie auch ihren Kotbereich haben, stehen die Sauen auf Spaltenboden, im Innenbereich ist es isolierter Beton mit etwas Stroh. Am Besuchstag schien die Herbstsonne und die meisten Schweine hielten sich zufrieden grunzend im Freien auf. Jedes Tier hat den doppelten Platz wie gesetzlich vorgeschrieben ist.
Das Futter für die Schweine wird außer Soja auf den eigenen Ackerflächen angebaut. Als besonderer Leckerbissen bekommen Lauers Schweine auch hin und wieder Kartoffeln, die aussortiert wurden aus den Speise- und Saatkartoffeln, die der Betrieb als zweites Standbein anbaut und vermarktet.
Apropos Vermarktung, das Nadelöhr, durch das alle Betriebe müssen. „Mein Vater war schon immer dagegen, für den Weltmarkt zu schaffen“, erklärt der Sohn und der Vater gibt ihm recht. Vom Landwirtschaftsamt und vom Bauernverband seien die Bauern zu immer höheren Menge getrieben worden, „getrimmt auf Höchstleistung“, und das machte Bruno Lauer nicht mit und der Sohn ergänzt, es gehe ja auch um einen Familienbetrieb, als Zeugen sind seine Frau und seine zwei kleinen Kinder beim Rundgang dabei.
Zum Gelingen des Experiments brauchte es also einen regionalen Partner und den fanden die Landwirte in Ralf Buchmann, Metzger in Grünkraut, der wie Bruno Lauer die Regionalität und das Tierwohl als entscheidende Qualitätskriterien erkannte und dazu das „Landschwein“ als Vermarktungsschiene kreierte. Seit 2012 baut Buchmann das Segment mit dem regionalen Gütesiegel kontinuierlich aus. So werden alle Schweine von Lauers im nahen Schlachthof in Mengen geschlachtet und kommen zur Weiterverarbeitung nach Grünkraut zu Buchmann, von wo aus der Großteil in die Gastronomie geht. „Für Buchmanns Landschwein muss garantiert kein Regenwald gefällt werden“, wirbt der Metzger und betont, dass Gentechnik im Futter seiner Landschweine ein „No-Go“ sei. Mit fünf Landwirten pflegt Buchmann eine solche Landschwein-Kooperation, die neben der garantierten Abnahme auch einen höheren Preis und einen Mindestpreis garantiert. Und Bruno und Manuel Bauer haben ihr Ziel erreicht, nicht „für den Weltmarkt zu schaffen“, denn auch ihre Kartoffeln vermarkten sie regional. Gleiches gilt für Cornelius Strasser, der 32-jährige studierte Landwirt hat vor fünf Jahren den Poppenmaier-Hof bei Zollenreute von seinen Eltern übernommen und ihn inzwischen zu einem „Hofglück“-Betrieb umstrukturiert und dafür kräftig investiert. Dabei kooperiert er mit Edeka-Südwest, das neben seinem üblichen Angebot mit der Premiummarke Kundenwünsche erfüllt. Das vom Tierschutz zertifizierte Siegel sei schon nahe an der Bioqualität, erklärt Cornelius Strasser den Teilnehmern eines Vhs-Seminars, die an diesem Samstagvormittag sich von dem Bauer über die Besonderheiten seiner Schweinehaltung informieren. Hier finden sich Schweine, die an der frischen Luft im Stroh wühlen können und sie tun es mit sichtlichem Vergnügen. 1300 Mastschweine füttert er von seinen Äckern, sein Ehrgeiz ist, zukünftig auch das Soja selbst anzubauen. Das viele Stroh mit dem Mist wandert in die Biogasanlage, die das zweite Standbein des Betriebes ist.
Cornelius Strasser wirkt tiefenentspannt und das trotz Afrikanischer Schweinepest, gegen die er versichert ist, aber da er nicht für den Weltmarkt schafft, ist er auch nicht von China & Co. abhängig. Seine Arbeit macht ihm sichtlich Freude, denn „wenn es keinen Spaß macht, verdient man nichts“, erklärt er sein Tun. Landesweit sind es aktuell 40 Schweinebauern, die sich zum „Hofglück“ zusammengeschlossen haben und mit Edeka kooperieren. Und dort entscheiden die Konsumenten an der Fleischtheke wie andernorts auch, ob sie bereit sind, für das mehr an Schweineglück auch mehr für das Schnitzel zu bezahlen.
Die Hoffnung stirbt zuletzt!

 

Text und Fotos: Roland Reck

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