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Ist es dem Hausschwein zu wünschen, dass es so leben kann wie seine wilde Verwandtschaft in Tann und Flur? Gemeint ist bei dieser Forderung aus grünem Politikermund das Schweinsein in quieklebendiger Rotte: Mamasau mit vielen Ferkelchen und Tanten. Alle zusammen sauglücklich. So das Ideal – das ein Trugbild ist, behauptet ein zweifelnder Jäger.

Immerhin: Das Schwein im Stall ist ein Konsumgut, das einer nutzbringenden Fürsorge bedarf. Davon kann die Sau auf freier Flur nur träumen. Sie gilt als Schädling. Und so wird mit ihr verfahren. Schon lange, aber immer extremer. Und seit nun endgültig die Afrikanische Schweinepest im Land Einzug gehalten hat, ist eh kein Halten mehr: Nur eine tote Sau ist eine gute Sau. Dazu ist jedes Mittel recht. Und weil Jäger hemmungslose Technikfreaks sind, hat die borstige Rotte keine Chance, glücklich zu sein.
Hatten die Steinzeitjäger rund um den Federsee mit ihren Wurfspießen einer wachsamen Bache (weibliches Wildschwein) gegenüber meist das Nachsehen und kehrten ohne fette Beute heim, so hat sich das Blatt inzwischen gewendet. Für die Steinzeitjäger und ihre Sippe bedeutete keine Beute weniger zu futtern oder gar Hunger, davor braucht sich ein 2.0-Jäger nicht zu fürchten, die Fertigpizza wartet im Gefrierfach. Das einzige, was der moderne Nimrod fürchtet, ist, dass er zur Kasse gebeten wird, weil eine hungrige Sauenschar in dunkler Nacht auf Futtersuche einen Acker heimgesucht hat. Das ist ein Schaden für den Bauern, für den aber der Waidmann aufkommen muss. So kann das Hobby teuer werden.
Um das zu verhindern, investiert der SUV-Fahrer in Militärtechnik. Das Schwarzwild, wie die Jäger das Borstenvieh nennen, ist von Natur aus tagaktiv, aber um zu überleben, sind Wildschweine zu reinen Nachttieren mutiert. Der Schutz der Nacht war bisher ihre Rettung – es sei denn, der Vollmond und im Winter der Schnee sorgten für ausreichend Helligkeit und spielten dem Jäger in die klammen Hände. Aber die Wildschweinjagd war trotz Schießgewehr mit Zielfernrohr zeitraubend und ist deshalb nicht mehr zeitgemäß. Die Nacht zum Tag zu machen, den Feind oder die Verbrecher auch in dunkler Nacht verfolgen zu können, das war das Bestreben von Militär und Polizei. Lange war die entsprechende Technik ausschließlich den Uniformträgern vorbehalten und ausdrücklich zur Jagd verboten. Das ist unter grün-schwarzer Landesregierung Vergangenheit – und damit ist der letzte Schutzraum der Wildtiere zerstört. Die Jagd auf Obelix‘ Lieblingsspeise wird mit allen Mitteln geführt, über die der dicke Gallier entsetzt wäre.

 

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Statt mit der Natur und abhängig vom Vollmond jagt der 2.0-Jäger mit Militärtechnik und Nachtsichtgerät. Foto: Cans Travel Nature


Statt auf gut Glück in den Wald zu ziehen, wartet der 2.0-Jäger auf dem Sofa vor dem Fernseher oder am Stammtisch vor dem Bier bis sein Smartphone Alarm schlägt. Die Wildkamera draußen im Forst mit dem Kameraauge auf eine Lockfütterung (Kirrung) meldet: Sauen im Anmarsch! Nun packt den 2.0-Jäger das Jagdfieber, er holt das Hightech-Gewehr aus dem Stahlschrank und macht sich im Geländewagen auf den Weg. Die Nachtsichttechnik am Gewehr macht sichtbar, wo sonst dunkle Nacht wäre. Die scheuen Sauen hingegen fühlen sich von der Dunkelheit geborgen und widmen sich vertraut dem Fraß. Der Rest ist ein lauter Knall, der sich wiederholen kann, denn Wildschweine vertrauen auf die Dunkelheit, wissen nichts von Wärmebildtechnik und warten ab – ein tödlicher Irrtum! Der Rest ist blutige Arbeit, denn die erledigt noch keine App. Mist!
„So geht Wildschadensverhütung heute“, verkündet großformatige Werbung für „Wärmebildtechnik als Vorsatzoptik für den präzisen Schuss“ in der Jagdzeitschrift und spült damit viel Geld in die Kasse des Landesjagdverbandes. Jagd als Schädlingsbekämpfung ist ein saumäßig lukrativer Markt. Die Jäger finden’s geil und der Landesjagdverband hält die Hand auf und schweigt.
Alle sind sich einig: die Schwarzkittel sind gefährlich! Sie graben Wiesen um und schleppen Seuchen ein. Also wird auf Teufel komm raus aufgerüstet und die Schonzeit aufgehoben. Der letzte Schrei: die Luftaufklärung. Per Drohne wird gesichtet, wo das Viehzeug im Maisfeld steckt, um es dann mit einem eilig zusammengerufenen Haufen unter Feuer zu nehmen. Nur eine tote Sau ist eine gute Sau. (Gelegentlich liegt danach auch ein Jäger auf der Strecke.) Horrido!
Und wer glaubt, dass nur die gefräßigen Wildsauen als Schadwild gelten, täuscht sich. Vor kurzem erklärte ein junger Förster, er sei passionierter (leidenschaftlicher) Jäger. In Ordnung, das bin ich auch. Dann ließ er wissen, dass er jedes Reh schieße, egal wo er es sähe. Die Frage, wie er das tut, blieb unbeantwortet.
Vielleicht liegt es am Alter, dass ich mich frage: Was hat all das noch mit Jagd zu tun? Oder sind wir im Krieg mit der Natur - und tun nur so, als ob wir sie schützen würden?
Ach, Alter!

 

Autor: Roland Reck

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